Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316460--54166-3347940- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
revolutionärer Gedanken und Traditionen. Bis auf den heutigen Tag ist es den Polen geglückt, den Schein aufrecht zu erhalten, als würden sie nationale Freiheit als Demokratie nach innen auffassen. Die polnischen Nationalbefreier genießen noch heute uneingeschränktes Vertrauen; man will nicht sehen, daß die polnische Freiheit sich mit der Unterdrückung schwächerer Minderheiten verträgt, ja daß sie auf polnischer Hegemonie und nationaler Diktatur beruht. Das Erstaunlichste ist, daß auch die polnischen Sozialisten ihr Freiheitsdurst nicht hindert, die nationale Entrechtung von Schwächern, vor allem der Juden, zu billigen. Wer aber sehen will, wie die großen politischen Siege und Ansprüche mühselig, unsichtbar vorbereitet werden, der verfolge die Vorgänge bei der Volkszählung in Österreich-Ungarn. Überall in Europa, Rußland in diesem Fall mitgerechnet, ist die Volkszählung eine statistische Erhebung, die mit wissenschaftlicher Ruhe und Objektivität vorgenommen wird. Ihr Zweck ist die Wahrheit, der wahre Sachverhalt. Die Völker Österreichs scheinen überzeugt zu sein, daß die Statistik ihres Vaterlandes andere Zwecke verfolgt. Denn die Volkszählung bietet uns das Schauspiel erbitterter Kämpfe. Als die Prager Statthalterei die Durchführung der Zählung in national gemischten Gemeinden den Gemeindebehörden Deutschböhmens entzog und ihre staatlichen Organe damit betraute, da schrien die Deutschen auf, als würde ihre nationale Existenz bedroht sein. So arg war freilich der Statthaltereierlaß nicht, aber er hatte den Zweck, die systematische Zuzählung von Tschechen in deutschen Gemeinden zur deutschen Sprachmehrheit zu verhindern. Der deutsche Volksrat aber legte seinen Vertrauensmännern in vertraulichen Rundschreiben nichts dringender ans Herz als die Notwendigkeit, die tschechischen Minderheiten ihrer Gerneinden in „Treudeutsche" zu wandeln! Während aber die Deutschnationalen Österreichs, von der Regierung Bienerth unterstützt, — der Prager Erlaß wurde auf Geheiß von Wien zurückgezogen! — die deutsche Volkszahl auf diese sonderbare Art zu vergrößern tiachten, beschlagnahmt die ungarische Regierung den Aufruf des „Vereins zur Erhaltung des Deutschtums in Ungarn", der die Deutschen jenseits der Leitha auffordert, sich zur deutschen Muttersprache zu bekennen. Das duldet die ungarische Regierung nicht! So wird die statistische Wahrhe't in Österreich und Ungarn mit derselben Sorgfältigkeit und wohltuenden Wachsamkeit ermittelt. All diese Ränke verblassen aber vor den Vorgängen in G a 1 i z i e n. Dort wird die Umgangssprache nicht mit List erschlichen, sie wird diktiert, aufgezwungen, öffentlicli gefälscht Die israelitischen Lakaien des Polenklubs wurden angesichts der Agitation der Zionisten, Poale-Zion und der jüdischen soz.-dem. „Separatisten" für die jüdische Umgangssprache nervös. Und schleunigst wurde die Koalition sichtbar, die seit Jahrzehnten die politische Hörigkeit der Judenheit Galiziens, ihre unbedingte Gefolgschaft den Polen verbürgt. Die polnischen Israeliten, die sich in der Öffentlichkeit Demokraten, Nationaldemokraten und Allpolen nennen, die um die Herren von Horowitz und Lö wenstein geschart sind, haben die chassidischen Wunderrabbis angerufen und ihre Hilfe für das polnische Vaterland erbeten. Sie müßten freilich sehr naiv sein, um nicht zu wissen, daß von der Stellung der Juden zu den Polen die Herrschaft dieser in Gaiizien abhängig ist. An dem Tage, an dem Juden ihre nationale Neutralität in Gaiizien proklamieren würden, — ihre Neutralität im polnisch-nithenischen Streit, Geschlossenheit und den Willen, als ein gleichberechtigter Volksstamm betrachtet zu werden, würde es sich zeigen, daß die Polen in Gaiizien keine Mehrheit bilden. Nun müssen die Juden um jeden Preis polnisch werden, die Volkszählung ist ein Mittel geworden, die nationalen Machtverhältnisse auch in Gaiizien zu fälschen. Von den Lemberger Herren dazu bewogen, veröffentlicht nun das hebräische Organ der orthodoxen Juden einen Aufruf, der die Juden auffordert, sich zur polnischen Umgangssprache zu bekennen. Wenn die Juden in Gaiizien nicht Jüdisch reden, sondern Polnisch, warum erscheint das „Kol Machsike Hadath" nicht in der Volks- und „Umgangssprache" seiner Leser!? Warum geben alle jüdischen Parteien Galiziens (zu Wahlzeiten auch die Assimilanten schlachzizischer und sozialdemokratischer Couleur!) Organe in Jüdischer Sprache heraus? Doch die Polemik ist zwecklos, wir stellen nur fest, mit welchen Mitteln in Österreich-Galizien die Wahrheit erhoben wird. Aber die polnischen Herren begnügten sich diesmal nicht mit der Rolle der majestätisch stillschweigenden Gebieter, die nur ihre israelitischen Hausknechte die unsaubere Arbeit verrichten lassen. Die Agitation für die jüdische Sprache, die insbesondere von den zwei sozialistischen Parteien (Poa1e-Zion und P. P. S.) energisch betrieben wurde, hat auch den galizischen Statthalter gezwungen, aus der „Reserve" herauszutreten. In einem Erlaß erklärt Herr von Bobrzinski, daß er die Eintragungen von „jüdisch" in der Umgangssprachenrubrik durch „polnisch" und „ruthenisch" (lies: durch „polnisch"!) ersetzen wird. Die galizischen Behörden werden aber nicht bloß eine Wahrheit ausmerzen, um eine Lüge an ihre Stelle zu setzen. Die Juden, die den Mut aufbringen, sich zu ihrer Volkssprache zu bekennen, werden mit Strafen von 2 bis 4-0 Kronen bedroht und auf die Liste der politisch Vorbestraften gesetzt! Ober die „Landesüblichkeit" des „Jüdischen" wird noch gestritten, aber von der „Üblichkeit" der Sprache der Ungesetzlichkeit im Lande Gaiizien scheint Herr von Bobrzinski überzeugt zu sein. Auf Grund von Ministerialverordnungen ist es vielleicht zulässig, die Eintragung „jüdisch" zu streichen; aber eine Bestrafung des Gezählten kann nur erfolgen, wenn der Beweis erbracht wird, daß er falsche Angaben gemacht hat. Der galizische Statthalter muß nun beweisen, daß eine jüdische Umgangssprache in Gaiizien nicht existiert. Es ist zu erwarten, daß das widerrechtliche Eingreifen der Statthalterei zu Klagen an das Reichsgericht, wegen Schmälerung der vom Staatsgrundgesetz gewährleistesten bürgerlichen und Gewissensfreiheit, sowie an den Verwaltungsgerichtshof wegen der Ungesetzlichkeiten der galizischen Statthalterei führen wird. Die Anstrengungen der vereinigten Polen und Israeliten lassen uns aber ermessen, mit welchen Hemmnissen der nationaljüdische Gedanke in Gaiizien zu kämpfen hat. Eben deshalb muß mit Bedauern konstatiert werden, daß von jüdisch-nationaler Seite nicht alles geschehen ist, um, wie zur Zeit des Wahlkampfes vom Jahre 1907, die jüdischen Volksmassen aufzurütteln. Aus dieser ersten Volkszählungsschlacht werden die Juden geschlagen hervorgehen. Aber nicht besiegt. Die Völkerzählung in Österreich, das werden im Laufe des nächsten Jahrzehnts die Juden wohl einsehen, ist eine eminente Volksangelegenheit. Wenn die Judenheit Österreichs gewillt ist, sich ihr nationales Recht und ihren Platz in der österreichischen Völkerfamilie zu erkämpfen, dann wird sie auch die Kraft aufbringen, den ihr gebührenden Platz in der österreichischen Statistik einzunehmen. Daß es aber möglich war, ein ganzes Volk aus der Statistik hinaus zufälschen, ist ein Beweis mehr für den geringen politischen Gefechtswert der jüdischen Nation in Österreich. Die Art und Weise, wie in Österreich die Völker gezählt werden, gestaltet sich zu einem europäischen Skandal! Die „galizischen Wahlen", ein Stück polnischer Nationalpolitik, haben ihre würdige Ergänzung erhalten — in der „galizischen Volkszählung"- Die Ausweisungen aus Ostrau. In Mährisch-Ostrau wurden von polnischen Flüchtlingen aus Russisch-Polen räuberische Überfälle verübt. Aus Sicherheitsgründen verfügte nun die Polizei die „Säuberung" der Gegend von den „fremden" Elementen. 418 russische Flüchtlinge wurden gezwungen, die reiche Bergbaugegend zu verlassen. Darunter sollen nur 75 jüdische Arbeiter gewesen sein. Es ist der zweite Fall, daß russische Juden in großer Zahl abgeschoben werden. Im Jahre 1907 wurden die jüdischen Flüchtlinge in Czernowitz von einer derartigen Maßregel getroffen, die ausschließlich gegen Juden gerichtet war. In Wien wurden bereits