Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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k*^^^r|*^.>.:*^^5^?? ••»^^^ •. I . - " *" s jüdischen Gemeinschaft, er bindet sein Gefühl an diese Gemeinschaft, und befreit seinen Willen. Es ist klar, das alles sind im wesentlichen sittliche Kräfte; sie verleihen dem Individuum die Kraft der Selbstbehauptung. Denn allein von der ännem Erziehung des Individuums ist hier gesprochen worden. Gerade dadurch, daß der Zionismus eine Gemeinschaftsidee ist, wird seine erzieherische Aufgabe an und in dem einzelnen geleistet. Der östliche Jude kann aus Tradition, aus Gefühl, aus Stammes- E LT " -===== No. 1 gewohnheit Zionist sein, wir wollen die Einheit, die sein Zionismus dadurch vor dem unsern voraus hat, nicht geringschätzen. Zionist oder nicht, das ist für den deutschen Juden wohl auch eine Frage des Verstandes, auch eine Frage des Gefühls; aber es gibt viele, deren Einsicht und Gefühl uns zustimmen, und die doch nicht zu uns kommen können; letzten Endes ist es eine Frage des Willens und des Mutes, — sonst nichts. c □ □□□□ REVUE DER WOCHE □□□□□ )§ Ein neues Jahr. Ein Jahr ist zu Ende, ein anderes kam. Kein neues. Denn der so weit verbreitete Glaube, daß in der Nacht zwischen dem 31. Dezember und dem 1. Januar die Weltgeschichte für einen Augenblick Halt macht, ist ja nur eine Fiktion, die auch durch die lärmende und geräuschvolle Intensität und Inbrunst der Feier nichts zu ihrer Begründung gewinnt. Ihrer Wirkung freilich, einer Massensuggestion von fast unheimlicher Kraft, kann sich niemand entziehen, den die unzähligen Fäden modernen Wirtschaftslebens umstricken. Wir Juden feiern zweimal im Jahr ein eigenes Neujahr. Am 1. Nissan und am 1. Tischri. Als wohlerzogene Bürger, die den Verdacht freiwilliger Separierung weit von sich weisen, nehmen wir dann an der bürgerlichen Neujahrsfeier, zehn Tage nach dem Winter-Anfang teil und beginnen ein neues Jahr. Was ist ein Jahr aber unserer Zeitrechnung gegenüber! Was will ein Jahr für unsere Geschichte bedeuten, die die Zählung ihres Alters nicht bei irgend einem Datum beginnt, sondern mit keinem geringeren Ereignis als mit der Weltenschaffung einsetzen läßt! In unserer Geschichte sind wir nachgerade gewöhnt worden, ganze große Strecken des zurückgelegten Weges zu überblicken und die Abschnitte, in die man unsere Historie geteilt hat, umfassen immer ein paar Jahrhunderte. Immerhin mag sich auch in einem Zeitraum von 365 Tagen manches vollziehen, was, an den Ereignissen der Vorjahre gemessen, den Anspruch erheben mag, als Abschlußstadium zu gelten. Für uns handelt es sich nur um Wegmarkierungen. Und sie sehen einander so ähnlich! Das Jahr 1910 ist abgelöst worden. Aber wir können uns nicht mit Goethes Bürger freuen, daß es vorbei: Es hatte geerbt und gibt sein Erbteil, wie sich's geziemt, vermehrt, verändert weiter. Was es vorfand, hat es sorglich behütet und getrachtet, daß sich der Besitzstand nicht mindere. An den jüdischen Wunden geht die Zeit, die nach dem Sprichwort alles heilt, ungerührt vorbei und gräbt ihre Runen nur tiefer in Ahasvers Stirn. Wir haben Ausweisungen, Beschränkungen gehabt, die jüdische Wanderung kam nicht ins Stocken. Ihr Weg veränderte sich kaum merklich. Ein / paar Tore, durch die sie vordem ziehen durfte, wurden vor ihr geschlossen. Sie ist nicht zu kurz gekommen. Es fanden sich Hausherren, die ihr neue öffneten, durch die sie ausziehen konnte. Die Äußerungen des antijüdischen Geistes waren in dem abgelaufenen Jahr ebenso zahlreich wie je. In Rußland setzte es mit Austreibungen im größten Stile ein. Ihnen folgten Hausdurchsuchungen, Konfiskationen, Verhaftungen, Aburteilungen, — alle die bekannten "Mittelchen einer unverständlichen, unsinnigen Gewaltpolitik, die nur unter dem einzigen Gesichtspunkt zu begreifen ist, daß alles jüdische erbarmungslos erdrosselt werden soll. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika verschärften wieder ihre Einwanderungsvorschriften für Newyork sowohl wie für Galveston und setzten letzthin eine neue Kommission ein, welche ein neues Regulativ ausarbeiten soll. In Österreich und in Deutschland zog der Staatsantisemitismus weiter seine unheilvollen Kreise, Rumänien vertiefte das Elend seiner jüdischen Bürger. In Frankreich wenden sich alle Parteien gegen die jüdische Zuwanderung und in England gabs der Symptome genug, daß dieses freie Land auch fernerhin dem amerikanischen Beispiel folgen will. Und schon gibt der Umstand, daß ein russischer Verbrecher im jüdischen Viertel Londons wohnte, den Zeitungen die Gelegenheit, eine schärfere Überwachung eines „gewissen Teiles der Bevölkerung" zu verlangen. Etwas besser scheint die Situation innerhalb des Judentums geworden zu sein. Die Zerklüftung, die ehedem alle Teile des Volkes von einander schied, scheint sich schließen zu wollen. Und dies ist einzig und allein dem heiligen Ideal der Palästinaarbeit zu danken. Ihre Notwendigkeit anerkennt heute fast das ganze jüdische Volk Europas und Amerikas und die Kenntnis der Institutionen Palästinas, die Liebe zum Land der Väter erobert sich täglich neue Kreise und alle Organisationen, die aus dem lebenden,'strebenden und hoffenden jüdischen Volk erstanden sind, müssen Palästina in ihren Aktionsradius ziehen. Die zionistische Bewegung, deren Initiative diese Verbreitung des Palästinismus entsprang, ist vorwärts geschritten, ihre kinetische Energie hat sich verdoppelt. Ihre Organisation, die wie ein gewaltiges Schwungrad Kräfte aufgespeichert und übertragen hat, beherrscht heute mehr denn je das Leben des jüdischen Volkes. Zwar sind die internen Steuerleistungen der Zionisten, die Zahlung des Schekels, nicht auf der Höhe der Anforderungen geblieben. Aber die nationale Steuerleistung ist gestiegen: Der Genossenschaftsfonds hat die zunächst ins Auge gefaßte Höhe erreicht. Wie Dr. Oppenheimer in der „Welt" ausführte, ist dieses Resultat der freudigen Mitarbeit aller Kreise des jüdischen Volkes zu danken. Der Jüdische Nationalfonds wird demnächst seine Bilanz veröffentlichen. Die Frage, die jeder Zionist stellen wird, wie hoch nämlich die Eingänge im abgelaufenen Jahr waren, wollen wir schon heute beantworten: Der Nationalfonds hat eine Einnahme von über einer halben Million Francs erzielt und die Sammlungsergebnisse des Vorjahres überholt. Es ist dies ein gutes Zeichen, unter dem wir in das Jahr 1911 eintreten. Der Volkszählungsskandal in Österreich. Politischer Einfluß, staatliche Macht und Vorherrschaft setzen sich aus Unscheinbarkeiten zusammen. Es ist irreführend, wenn man die Stellung und geschichtliche Rolle von Nationen und Parteien nach ihren lautverkündeten Programmen und tönenden Enunziationen beurteilen will. Politische Grundsätze sind allzu oft nur die Draperie, die Dekoration, hinter der eine den schönen Worten direkt widersprechende Betätigung steckt. Zu den größten Meistern dieser dekorativen Politik der Schminke und des Zierats gehören wohl die Polen. Es wird eine verlockende Aufgabe des Geschichtspsychologen der Zukunft sein, das Rätsel zu lösen, wieso es der polnischen Schlachta möglich war, mit Hilfe von bunten Kappen und vielfarbigen Mänteln die klarsten und skeptischsten Köpfe der europäischen Demokratie über ihre wahren Absichten und Grundsätze zu täuschen. Ein Jahrhundert hindurch galten die geschmeidigen, rebellisch schillernden Großgrundherren Polens als zuverlässige Träger