Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Mo. i DIE2 zu schaffen. Wir wissen wohl, daß die Tragik unserer Existenz darauf beruht, daß wir hineingestellt sind in eine blutfremde Welt; wir wären keine Zionisten, wenn wir das nicht wüßten. Aber erst der Glaube an die Kraft der jüdischen Seele erklärt, wie überhaupt ein Jude am deutschen Leben produktiv teilnehmen kann; diese Kraft wollen wir steigern, indem wir sie ins Bewußtsein erheben. Ist ja auch so allein ein wahrhaftes Ineinander von Deutschtum und Judentum möglich. Was wir deutsche Juden schaffen, wird nach Inhalt und Gestalt deutsch, der Form nach (im Kantischen Sinne) jüdisch sein müssen; wenn wir wiederum rein jüdische Fragen behandeln, werden wir beeinflußt sein von der hundertjährigen Teilnahme an deutsche n Leben. Wie sehr Deutschland unser eigenstes schaffendes Dasein befruchtet, dafür haben wir ja den lebendigsten Beweis: der politische Zionismus ist ein Geschenk Europas an das Judentum. Und so können wir das flache Wort, wir wollen in deutschen Fragen gut deutsch, in jüdischen Dingen gut jüdisch sein, beinahe umkehren; laßt uns deutsche Werte recht tief aus jüdischer Seele in uns verankern, laßt uns jüdische Dinge recht weit in deutschem Sinne betrachten und ordnen. Die Oberzeugung von der determinierten Seele, die allein Kulturwerte aufnehmen und schaffen kann, ist nur eine Erkenntnis, nur eine Interpretation des geistigen Daseins: Kultur, so sagen wir, ist keine Materie, die von Hand zu Hand gegeben wird, sie ist organisches Wachsen. Das war sie freilich auch, bevor wir es erkannten. Aber wie die falsche, im Rationalismus befangene Lehre, dem deutschen Juden jede kulturelle Wirksamkeit erschweren mußte, so wird die neue Interpretation ihm helfen, in bewußtem Schaffen zugleich sich und seiner Urnwelt zu dienen. Der bewußte Stammesdeutsche, der die nationale Einheitlichkeit der deutschen Kultur fordert, wird auch von diesem Programm wenig entzückt sein; aber es ist die notwendige Konsequenz aus den Tatsachen des geschichtlichen Lebens. Wir wissen: es führt auch der deutschen Kultur höhere Werte zu als eine feige zurechtfrisierte Assimilation, und w i r überwinden nur so die Todsünde des schrankenlosen Individualismus. V. Der Erkenntnis unserer nationalen Gebundenheit entspricht ein tieferes Gemeinschaftsgefühl; diese Hingabe an das Ganze wird und muß auch die intellektuelle Selbstzersetzung des Individuums aufhalten. Sie zwingt den deutschen Juden, sein Judentum, ob er sich nun seiner freut oder in ihm ein schmerzliches Erbe empfindet, als eine feste Tatsache hinzunehmen, die in sich ihre naturbestimmten schwerwiegenden Konsequenzen trägt. So gewährt sie ihm die Sicherheit, die ihm ein verlogener Assimilationsgedanke geraubt hätte. Doch damit nicht genug. Seit 1800 kehrte sich ein großer Teil der deutschen Juden von dem religiösen Leben ab. Es ist hier nicht der Ort, den Grund dieser Erscheinung zu untersuchen. Dem einen fehlte vielleicht die Kraft und der Wille der Entsagung, andere hatten rationalistische Bedenken, mancher gab die alte Form auf, weil seinem Gefühlsleben diese Welt" zu enge ward. Damit schwand aber auch ein positiver Wert, denn die Religion hatte die enthusiastischen Kräfte_-des Individiums geweckt und gesteigert; nun war für viele das Judentum ein wissenschaftlicher Begriff geworden. Den Enthusiasmus aber, in dem die selbstsüchtige und in tieferm Sinne selbstmordende Eigensucht, in dem alle sterile Intelligenz wegschmilzt wie der Schnee an der Frühlingssonne, diesen Enthusiasmus erweckte der Zionismus wieder. In Herzls Schriften und auf dem Kongreß, in Volksversammlungen und Studentenvereinen erklang ein lange entbehrter Ton, ein Ton, der der religiösen Stimmung verwandt war, ja, der nicht anders als durch den Begriff des Religiösen charakterisiert werden kann; denn Religion ist aufgebaut auf schlechthinniger Hingabe, dem Wurzelgrund aller wahrhaften Persönlichkeit. Ist ja auch die religiöse Orthodoxie und der religiöse Liberalismus in diesen Jahren zur Selbstbesinnung gekommen. Jene erstrebt, wie ^ELT - 7 seit langem nicht, eine einheitliche und in sich geschlossene Weltanschauung, — ich erinnere als an ein Symptom dessen an den unverkennbaren innern Aufschwung, den ein Blatt, wie der „Israelit" genommen hat, — dieser sucht sich an Ewigkeitsdenkern wie Plato, Kant, Goethe neu zu orientieren und zu vertiefen. Wir schlagen nicht stolz an unsere Brust und rufen: Sehet das ist unser Werk; der Ruhm der Anciennität lockt uns nur wenig. Wir sind froh in dem Bewußtsein, daß die lange verschüttete Quelle, aus der wir Wasser lebendigen Lebens schöpfen auch andere neu erquickt, — die Quelle der tief begründeten Weltanschauung und des Enthusiasmus VI. Aber bedurfte es dazu des Zionismus? Genügte da nicht eine Betonung der nationalen Kräfte des Judentums, wie sie Achad Haam, Dubnow, Mathias Acher predigen? Ja, hatte das deutsche Judentum nicht eine Weltanschauung, oder doch wenigstens das Surrogat einer solchen, in jener ästhetischen Lebensrichtung, die im Anschluß an große deutsche Männer, der Schönheit in Leben und Kunst sich willig hingab? Nun, einem Nationaljudentum wäre es kaum gehingen, jenen Ästhetizismus der deutschen Juden zu überwinden, denn es ist in der Tat kein Zweifel, in der Wurzellosigkeit, auf der er sich aufbaut, stecken auch kulturfördernde Werte, und Theodor Mommsen wußte sehr genau, warum er die Juden als ein Element der D^komposition der Stämme und darum gerade als ein Ferment der deutschen Einheit willkommen hieß. Der reeeptive, feinnervige Ästhetiizsmus, der den gebildeten Juden cha-akterisierte, seine Organe in freier Beweglichkeit den neuen Erscheinungen öffnete, ist in einer Übergangsspoche wie d*r unseren überaus wertvoll, und ja auch keineswegs den Juden allein eigen. Wer in seinem Volkstum innerlich verankert ist, den wird diese Lebensrichtung verfeinern und vertiefen, — nur den Juden machte sie schlaff und haltlos, indem sie seinen Sinn allein auf die künstlerische Seite des Lebens richtete. Auch der Zigeuner hat seine Poesie, — aber es ist für den tätigen Menschen kein ermutigendes Bewußtsein, einem Stamme geistigen Zigeunertums anzugehören. Wir wollen gewiß keine Moialphilister sein, und können auf das törichte Gerede pfeifen, daß Israel oder Juda der Welt die Sittlichkeit erfunden habe; aber uns, als einer Gemeinschaft, hat der Ästhetizismus die Schwingen gelähmt. Wir verlangen, und gerade der wahrhaft ästhetische Sinn verlangt einen ganzen, einen tätigen Mann, keinen, der sich unproduktiv im Garten der Schönheit erlustiert. Der politische Zionismus schuf, nein, er war die Überzeugung, daß der Zustand des deutschen Judentums anormal sei, daß die innere Zerrissenheit der jücischen Seele erst schwinden könne, wenn für ein geschlossenes, heimatsicheres, sich selbst lebendes Judentum der Weg geebnet sei. So stellt er eine Forderung, eine Aufgabe, und weckte die vis activa, den handelnden Menschen. Das ist sein tiefster Sinn für den deutschen Juden. Man hält diese Wendung zu einem geistigen Dasein der Aktivität für unmöglich und beruft sich auf Mommsens Wort, daß die Natur dem Semiten die Pandoragabe des Staates versagt habe. Es gibt manche traurige Vorgänge in unserer Bewegung, die diesem Worte Recht zu geben scheinen; was sollen uir dazu sagen, wenn sich Sokolow noch kürzlich veranlaßt fand, der „innern Natur" des Juden gegenüber den organisatorischen, und das heißt eben auch den politischen Gewalten ihr Recht zu suchen. Aber wir mögen — trotz alledem und alledem — an so unverrückbare Rasseneigqnschaften nicht glauben, wir sind uns bewußt, daß der deutsche Jude nicht nur rassenpsychologisch, daß er auch geschieht! ch bedingt ist. Wir glauben in unserer deutschen Entwicklung geiernt zu haben, daß auch unser schönstes Träumen kein Genüge findet, bis es der tatkräftigen Erfüllung sicher ist. VII. Der Zionismus gewährt so dem deutschen Juden eine neue und fruchtbare Erkenntnis von dem Verhältnis des einzelnen zur 2*