Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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damals nicht im Parteiwesen und der Tagespolitik aufging, der die Vollendung der individualistischen Weltanschauung war, der letzte Rest der Aufklärungsepoche in Europa. Denn aufgeklärt, rationalistisch ist der Jude des neunzehnten Jahrhunderts durch und durch. Und wie Demokratie und Tyrannismus zusammengehören, so sind Individualismus und Kosmopoiitismus stets verbunden. Von den allgemeinen Rechten des Menschen spricht dieser Jude nicht nur deshalb mit Verehrung, weil er Gründe Für seinen Befreiungskampf braucht, er ist, wie nur ein Mensch des achtzehnten Jahrhunderts, von dem Bewußtsein durchdrungen, daß die Humanität, der reine Gedanke des Menschentums, über alle nationalen Bindungen siegen müsse. In diesem Gefühle bestärkte ihn seine Freude an allem Gedanklichen; denn der Gedanke erhebt den Anspruch allgemeiner Geltung und ist von allen menschlichen Werten am wenigsten national gefärbt. Die Lust des reinen Geistes machte den Juden zum Intellektuellen, zum Skeptiker, der in unfruchtbarer Zergliederung die Welt und vor allem sein Ich betrachtet und dem Leben der geistigen Aktivität, dem schöpferischen Dasein fremd geworden ist- Aus dieser Zeit stammt die Klage, daß der Jude nur kritisch, nicht produktiv begabt sei. Ihm wird die spöttische Gebärde zur Gewohnheit, die sich mit derselben Neigung gegen sein eigenes Wesen, wie gegen das fremde richtet. So wird sein äußeres Merkmal die gesellschaftliche Unsicherheit, besonders dann, wenn in seiner Gegenwart von jüdischen Dingen die Rede ist. Und wo er dieser Unsicherheit sich bewußt wird, da verfällt er, der die selbstverständliche Haltung der in sich ruhenden Persönlichkeit verloren hat, in die Grimisse der Schüchternheit, die Frechheit. Wurzellos, individualistisch, intellektuell gerichtet, ohne jene tiefen Hemmungen der Tradition, der Familie, des Staatsbewußtseins^ wird er in ungeahntem Maße receptiv und aufnahmefähig. Er hat seelische Fühler entwickelt, die ihm in den neuesten Erscheinungen verraten, was Zukunft, und sei es nächste Zukunft, enthält. Welches diese Erscheinungen auch waren, nacheinander Goethe, Romantik, junges Deutschland, Revolution, Wagner, Kapitalismus, Ibsen, freie Bühne, Sezession, — überall ist der Jude unter den ersten Pionieren der „modernen" Bewegung. Ihm fehlen die Hemmungen, die tiefere Naturen an die Vergangenheit binden, ihnen verbieten, sich dem Neuen bedingungslos ohne Vorurteil hinzugeben. Diese reine Receptivität, die allem Eigenwillen entsagt, führt zur formalen, zur ästhetischen Kultur. Alle aktiv gerichteten Juden ergaben sich dem Handel, der Industrie, — das rein geistige Dase:n erschöpfte sich in der Kontemplation, im ästhetischen Genuß Das gilt auch von der Masse der jüdischen Mediziner und Juristen, die ihren Beruf ergriffen, weil er allein von allen akademischen Berufen ihnen offen stand, und deren eigentliche geistige Existenz, soweit sie eine solche besaßen, sich fernab von jenem Beruf, in irgendeiner ästhetischen Provinz der Seele abspielte. Ich suche mit Absicht ein Gesamtbild zu geben und denke nicht daran, etwa Persönlichkeilen wie Max Liebermann oder Hermann Cohen in diesen Rahmen hineinspannen zu wollen, — aber es ist doch wohl kein Zufall, wenn die schöpferischen Juden besonders die ästhetisierende Skizze und das Stimmungsbild in Vers und Prosa pflegten, vor allem aber in jener Kunst etwas bedeuteten, die reine künstlerische Form darstellt, von sachlichem Inhalt am meisten losgelöst ist, der Musik. Die nicht eigentlich schöpferisch begabten Individuen, die ihrem Leben einen geistigen Inhalt geben wollten, strömten in Scharen den reproduktiven Künsten zu, und die Masse der deutschen Juden ging auf in einer lebhaften, passiven Anteilnahme an aller ästhetischen Produktion. Diesen Zustand nennen wir, ein wenig spöttisch, wir können wohl nicht anders, Assimilation. Er war die Folge eines Strebens, das aus der Entwurzelung stammte, und dem eine falsche Voraussetzung zugrunde lag, die Lehre von der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen. Es ist für den westlichen Zionismus charakteristisch, wie Maarabi in einem seiner schönen Aufsätze in der „Jüdischen Rundschau" dargetan hat, daß er die umfaßte, die sich .durch ihn aus der Assimilation in das Judentum gerettet haben. An ihnen wirkte er das Wunder einer innern Neugeburt. IV Individualismus, Intellektualismus, Ästhetizismus, — es sind drei verwandte Formen der einen Erscheinung, der Wurzellosigkeit; sie zu überwinden ist die besondere erzieherische Aufgabe des deutschen Zionismus. Man wirft dem Zionismus immer wieder vor, er sei mit ernsthaftem Deutschtum nicht vereinbar. Der Einwand kann durch die unmittelbaren Zeitumstände erklärt werden, er ist zum Teil der Angst vor dem Antisemitismus entsprungen. Man hat oft gesagt, daß der Zionismus eine Frucht des Antisemitismus sei. Ein Körnchen Wahrheit ist auch in diesem Gedanken, aber mindestens ebenso wahr ist es, daß die Angst vor der feindlichen Bewegung Tausende von dem Zionismus zurückhält, daß sie somit auch gerade eine Verbreitung des Zionismus verhindert. Im Grunde jedoch bot der Antisemitismus zu jenem Einwand nur den äußern Anlaß, er wäre unmöglich, wenn nicht in der Seele des Juden die individualistische Auffassung vom Wesen der Kultur so tief Wurzel geschlagen hätte. Die den Einwand erheben, leben der rationalistischen Vorstellung, als ob das jüdische Individuum, losgelöst von der Geschichte seines Blutes, im freien Räume der deutschen Kultur ungebunden schwebe, und imstande sei, sich deren Werte vorbehaltlos in ihrer gegebenen Form anzueignen. So glauben sie in genau demselben Sinne Deutsche zu sein, wie der Deutsche nichtjüdischen Sfammes; sie wollen nicht sehen, daß der Rhythmus der jüdischen Seele eben ein besonderer ist. Richard Dehmel hat einmal gesagt, daß Max Liebermann nur darum für die deutsche Kultur so wichtig werden konnte, weil er ganz Rasse, jüdische Rasse darstellt. Der Zusammenhang mit der Vergangenheit ist für so große Menschen bestimmend; aber auch die Masse der deutschen Juden kann sich deutsche Kultur nur aus der Tiefe ihrer eigenen, durch Blut und Geschichte bedingten Seele in Wahrheit aneignen. Die Juden, die innerhalb der deutschen Kultur wirkten und wirken, verraten in all ihrem Schaffen jüdische Eigenart; jüdischer Stil und jüdische Geistesart, jüdische Lebensform wie jüdische Körperhaltung sind für das vorurteilsfreie Auge unverkennbar. Solange man sich vernünftelnd vorlog, es gebe keinen wirklichen Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden, und so das jüdische Individuum wurzellos in seine Umwelt hineinstellte, bestritt man ihm, ohne es zu wissen, die Grundlage alles kulturellen Schaffens. Erst die Besinnung auf unser jüdisches Dasein macht es uns möglich, deutsche Kultur von innen heraus zu verarbeiten und zu gestalten, wie ja eben diese Kultur nur von den Juden wahrhaft gefördert wurde, die, bewußt oder unbewußt, ein entschiedener Ausdruck jüdischen Blutes waren. Darum erfaßte man den Sinn unseres Lebens nicht, wenn man jenen Einwand von der Unvereinbarkeit des Deutschtums und des bewußten Judentums durch die Tatsache zurückweisen wollte, daß wir Zionisten ja gute deutsche Staatsbürger seien. Man ist verflucht wenig, wenn man ein guter Staatsbürger ist, und sonst nichts. Es mag einzelne deutsche Juden geben, die an die Bedeutung der deutschen Kultur für ihr eigenes Dasein nicht glauben, sie werden sich über einen Widerspruch zwischen Deutschtum und Judentum ^eichten Herzens hinwegsetzen. Die Tiefe des Problems beginnt erst für den, der sich bewußt in die deutsche Kultur hineinlebt, von ihrer Luft sich tragen läßt, um wiederum in ihr zu wirken. Denn diese Welt hat unsere Seele ergriffen, und wir deutschen Zionisten, die wir Bürger deutscher Kultur sind, können und wollen nicht darauf verzichten, an ihren Werten mitzuarbeiten. Wir scheuen den Vorwurf nicht, daß wir so ein Doppelleben führen, die Vielfältigkeit des Daseins ist mit einfachem ja ja, nein nein nicht aus der Welt