Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316460--54162-3347936- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
No. 1 DIEX^ELT tars natürlich keine absolute Sicherung gewährt. Privatpersonen können solche Kredite nicht gewähren, denn die Kapitalisten in Palästina sind gewohnt, ruinöse Zinsen zu nehmen, und solchen im Ausland fehlt die Möglichkeit der Überwachung. Haben wir aber einen größern Fonds in Verbindung mit dem Nationalfonds, so existiert einerseits die Möglichkeit der Überwachung, anderseits aber auch das moralische Ansehen, welches verhindert, daß durch Leichtsinn oder Böswilligkeit die Grundlagen des Kredits, die Häuser, das lebende Inventar und die Pflanzungen Schaden erleiden. Da es sich nur um einfache billige Häuser und Stätten handelt, ferner um eine Kuh und Pflanzungen von V* ha pro Familie, so läßt sich vermutlich schon mit ein- bis zweitausend Mark pro Familie auskommen, wenn der Nationalfonds "die Hälfte der Gebäude trägt und die Kolonisten einen kleinen Zuschuß für Pflanzung und Inventar leisten, was schon aus prinzipiellen Gründen absolut erforderlich ist. Wir könnten demnach mit einem Kapital von 100 000 Mk. schon nach kurzer Zeit etwa 50—100 Familien zu Haus und Garten verhelfen. Meiner Ansicht nach sollten wir bei Haifa und Jerusalem mit solchen Kolonien beginnen und, wenn sie glücken, vor allem bei Gaza, Nazareth und Nabulus solche Viertel bilden, damit auch die Städte Palästinas, wo jetzt noch keine Juden wohnen, Mittelpunkte jüdischen Lebens erhalten. Die Hauptsache ist aber, daß wir einen solchen Siedlungsfonds auch wirklich schaffen, mit Hilfe dessen in Verbindung mit dem Nationalfonds wir meines Erachtens in wenigen Jahren mehr in Palästina werden leisten können, als bisher in mehreren Jahrzehnten geschaffen wurde. Die Gründung dieses Fonds als Ablösung des dann hoffentlich bereits recht groß gewordenen Genossenschaftsfonds würde das schönste Geschenk sein, welches der Jubiläumskongreß dem jüdischen Volke darzubieten vermag. Die erzieherische Aufgabe des deutschen Zionismus Von M. Calvary, Crossen a. O. I Der Judenstaat Theodor Herzls fand die deutschen Juden mangelhaft vorbereitet. Ais er erschien, hatten sie sich von dem Schrecken des jungen „politischen" Antisemitismus noch nicht erholt und waren eifrig dabei, dessen Folgen in Vereinen, Zeitschriften, Agitationen von sich abzuwehren. Die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur suchten in regem Betrieb massenhaftes Einzelwissen zu verbreiten, meist mit apologetischer Tendenz, ohne wissenschaftliche Orientierung, im Bewußtsein befriedigten Bildungseifers. Jüdisches Innenleben zeigte sich nur in den religiösen Kämpfen. Neben der großen Masse der religiös Gleichgültigen die Orthodoxie auf der einen, die Anhänger eines positiven religiösen Liberalismus auf der andern Seite. Das sieht nach Kampf aus und war es auch, — aber es bedarf gar nicht des Hinblicks auf jene gemeinsame Tätigkeit in der Abwehr und der Vereinswissenschaft, um zu sehen, wie einheitlich die psychologische Struktur der Juden war, auch der religiösen Gegner. II Orthodoxie und Liberalismus hatten nicht nur dieselbe Problemstellung, sie gaben auch ganz verwandte Lösungen des Problems, — beide beeinflußt, um nicht zu sagen bestimmt, durch die Kämpfe der Emanzipationszeit. Das Problem ihres Lebens war der Gegensatz von Religion und moderner Kultur. Die Liberalen erklärten stolz, daß das Judentum die eigentliche Weltreligion sei, man brauche es nur ein wenig zu entjudaisieren. Die Orthodoxie erkannte entweder einen Gegensatz von Religion und Wissenschaft überhaupt nicht an — beides seien Kreise, die sich niemals schnitten — oder sie gab die Parole aus: Thora im derech erez Religion und moderne Bildung. Keine der Parteien wollte richtunggebend auf den ganzen Menschen von innen heraus einwirken, das ganze geistige Dasein mit religiösen Triebkräften umfassen.*) Wenn später religiöse Schwärmer in begeisterter Hingabe ein Opfer des Intellekts, einen Verzicht auf wesentliche Bestandteile der modernen Kultur fordern konnten, so war davon in jener Generation nicht entfernt die Rede. Man war modern gebildet und legte ungeheuren Wert darauf, es zu sein. Die Bildung war die Form, in der das Deutschtum von der Judenheit Besitz ergriff; es wäre ganz falsch, hier irgendeinen Unterschied zwischen einer strengen und einer freiheitlichen Richtung zu konstatieren. In den orthodoxen Kreisen Norddeutschlands erwartete man mit Spannung die neuesten Romane Spielhagens, gab sich mit einem ästhetischen Entzücken, das von aller religiösen Gebundenheit losgelöst war, Heyses Kindern der Welt hin und nahm in den Kämpfen um die neue Musik mit Leidenschaft und Entschiedenheit Partei. Das gilt erst recht von der großen Masse der deutschen Juden, die mit dem Worte Judentum einen religionsgesellschaftlichen Sinn verbanden, verbinden wollten, und die mit dieser Konfession kein religiöses Gefühl verband. Sie stürzten sich mit aufrichtig gutem Willen in das geistige Leben Deutschlands. Wenn hier von einer wirklichen Assimilation, einem organischen Verwachsen mit dem deutschen Leben hätte gesprochen werden können, — nun, dann hätten wir ja damit zwar eine verzweifelte, aber doch eine Lösung der Judenfrage. Im wesentlichen handelte es sich jedoch um eine äußerliche Übernahme fertiger Kulturgüter, — und feinern Köpfen, die für die Erkenntnis der Differenzierungen nicht blind, für den antisemitischen Jargon nicht blöde genug waren, erschienen die Juden als das Volk der allgemeinen Bildung, der grauen Internationale. Iii Oberflächliche Auffassung wird mit der Begründung dieser Tatsache bald fertig sein. Wie die Juden, denen eine soziale Position erschwert war, sich den plattesten Faktor sozialer Macht, Geld, verschafften, so eigneten sie sich, als man ihnen ihr Deutschtum bestritt, die Resultate deutschen Geisteslebens an, um so den deutlichsten und brutalsten Beweis deutscher Kultur zu liefern. Aber die allgemeine Bildung ist mit dem Wesen der deutschen Juden zu eng verbunden, als daß diese Erklärung genügen sollte. Die Sucht nach Bildung läßt sich bei den Juden bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zurückverfolgen, also bis in jene Zeit, in der die produktiven Kräfte der deutschen Judenheit nachlassen, seit der sie nicht mehr imstande sind, die allgemeinen Menschheitsideen aus jüdischer Seele heraus zu verarbeiten und zu gestalten. Die Auflösung des Ghetto von innen, die eben erwachende national und künstlerisch bestimmte Kultur Deutschlands von außen, — beides bewirkte oder beförderte diese Entwicklung, und es ersteht der Jude, dessen wesentliches Merkmal die Wurzellosigkeit ist. Die schöpferischen Kräfte versagen, die intellektuellen und ästhetischen beginnen zu dominieren. Ende des neunzehnten Jahrhunderts ist diese Entwicklung vollendet. Der Jude, der einst in den Banden des Volkstums und der Familie so fest und sicher verschlungen ruhte, ist zum Individualisten geworden. Er hat sich bedingungslos dem politischen Liberalismus verschrieben, der *) Dieser Auffassung scheinen Sätze S. R. Hirschs zu widersprechen; es ist hier nicht der Ort, die Präge ausführlich zu behandeln; ich begnüge mich mit der Feststellung, daß ich mich jener Worte wohl erinnere. .2