Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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1 3*2 DIE^ELT No. 52 Heine-Reliquien. Literarische Schätze in einer Fülle und von einer Wichtigkeit, wie sie nicht geahnt werden konnten, unterbreitet in einem umfangreichen Buche unter dem Titel „Heine- Reliquien" der bekannte Verlag von Karl Curtius der Öffentlichkeit. Es sind das nebst zwei noch gänzlich unbekannten literarischen Arbeiten Heinrich Heines eine große Anzahl Briefe, die Heine an seinen Bruder Gustav, an seine Frau, an seine Mutter und an Ferd. Friedland geschrieben hat. Ferner Briefe zahlreicher Freunde und Zeitgenossen, wie Salomon Heine, Immermann, Gutzkow, Andersen, Mündt, Mendelssohn, Herwegh, Meyerbeer, Carriere, Fürstin Belgiojoso, die Mouche und noch zahlreicher anderer an Heinrich Heine. Eine längere Arbeit Gustav Heines über Heinrich ergänzt das Werk, dem überdies äußerst wertvolle Beilagen, fünf große Faksimiles und nicht weniger als fünf noch unbekannte Porträts beigegeben sind, darunter ein in Farben ausgeführtes entzückendes Porträt Heines nach einem Miniaturbild aus dem Besitze des Neffen des Dichters, Freiherrn Maximilian von Heine-Geldern in Wien. Diese Publikation, die in vieler Hinsicht ein ganz neues Licht auf Heines Leben wirft, wird eine Umwertung in der Beurteilung Heinrich Heines bedingen. Das gesamte Material ist noch gänzlich unbekannt und wird in dem Buche zum erstenmal veröffentlicht. In die Herausgabe dieses sensationellen, schriftlichen Nachlasses teilen sich der Neffe Heines, Baron Maximilian von Heine-Geldern, Wien und der verstorbene Heineforscher Dr. Gustav Karpeles. Neue Bücher Besprochen von Dr. M. Scherlag, Wien Max Hochdorf; Die Leiden der Simoni. Axel Juncker, Berlin 1910. In der Titelnovelle schildert Hochdorf die Leiden der jüdischen Familie Simoni, die irgendwo in einem abgelegenen griechischen Neste wohnt, vereinsamt, fremd und verfehmt unter Feinden. Man muß sich nur fragen, wie wurde Ephraim Simoni, der Glasgießer mit der Künstlerseele, dorthin verschlagen, wo kein Bedarf an Kunsterzeugnissen und Juden vorhanden war? Aber alle Fragen nach äußern Zusammenhängen verstummen angesichts der mit grausiger Phantasie ausgeführten innern Kämpfe und Qualen dieses düster verzückten Mannes, in dem ein an Wahnsinn grenzender Haß gegen die Feinde entzündet ist und wie ein Irrlicht flackert. Trotz der Bemühung, Ephraim als Symbol zu nehmen, in ihm die gequälte Kreatur, das alte, ewig neue Judenmartyrium versinnbildlicht zu sehen, fühlen wir uns ihm nicht näher gerückt, denn fremd ist uns jeglicher Haß. Nicht wie ein Wurm wollen wir uns unter den Verfolgungen krümmen, grübelnd, fluchend, sondern uns aufrichten, stolz und auf gleiche Menschenrechte pochend, wenti man sie uns höhnend und stichelnd verwehrt. Erst gegen den Schluß wird über dem großen Schmerz sein Haß verwischt, und seine Seele tut sich uns auf in einem erschütternden Seufzer: „Warum denn eigentlich, Gott, tust du nur mir allein so weh?" Wilhelm Holzamer; Der Entgleiste. Roman in zwei Bänden. Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W. — Preis Jt 8.—. Drei Jahre nach dem so frühen Tode des Dichters erscheint dieser nachgelassene Roman, ein Lebenswerk im wahrsten Sinne des Wortes — ein Lebens- und Kulturroman. Eigene Entwicklungsphasen und persönliche Erlebnisse sind mit der Fabel verknüpft, und durch das ganze Werk hindurch stößt man auf Menschen, Geschehnisse, Städte, die im Leben des Autors eine Rolle gespielt haben. Künstlerisch ist der Roman Holzamers reifste Arbeit. Seine Eigenart und Vielseitigkeit prägt sich in überraschender Weise darin aus. Eine große Schlichtheit und Lebenstreue, knappe Schilderung der Einzelheiten, verbunden mit einem tiefen psychologischen Erkennen der Zusammenhänge, zeichnen diesen Roman aus. Ein gewaltiges Gemälde von mannigfaltigen Gestalten entwirft der Dichter, von der hessischen Ziegelarbeiterin, der „Kaiser-Klar" zum Pariser Camelot Pierre, von der vornehmen Melanie zur leidenschaftlichen algerischen Tänzerin Beya, und durchmißt den langen Weg vom Heimatsdorfe bis Paris — von der Enge zur Weite der großen Stadt und der großen Welt. Für den Tieferblickenden kündet der Roman mehr von dem Wesen seines Schöpfers, als irgendeines seiner bisherigen Bücher es getan. Richard Huldschiner; Die Nachtmahr, Roman. Verlag von Albert Langen, München. Geheftet Ji 3.50, geb. Jt 5.—, in Halbfr. JC 6.50. Es ist ein Tiroler Bauernroman, den der Verfasser dem Publikum vorlegt. Aber das Problem dieses Romans liegt weit ab von der bekannten Sommerfrische-Literatur, in der wir sonst den Tiroler Bauern begegnet sind. Wohl aber wird jeder, dessen Auge diese Bauern auch einmal anders als durch die Perspektive der „Verschönerungsvereine'1 gesehen hat, in Huldschiners Buch eigene Wahrnehmungen wiederfinden. Die Macht der einfältigen Natur dieser Menschen erhebt sich aus sich heraus und ohne die Stelzen eines künstlichen Pathos zu höchster Tragik. Es ist eine Geschichte von unerlöstem Menschenleid, die uns zu tiefst erschüttert. Der Himmel ist verhängt, die Menschen folgen im Dunkeln ihren einfachen Instinkten. — Richard Hu'dschiner hat mit diesem Buche der und jener harten Wahrheit die Ehre gegeben. Aber die tragische Idee hebt diese Wahrheiten über das Realistische hinaus. Es ist ein tiefes gutes Buch. Ludwig Speidel: Persönlichkeiten. MayerundJessen,Berlin 1910 Daß Ludwig Speidel ein Herrscher im Reiche des Feuilletons war, dürfte auch außerhalb Wiens, wo er, dercharakterernsteSchwabe, seine zweite gemütliche Heimat fand, bekannt sein. Auf ihn selbst könnte man wohl die markigen trefflichen Worte mutatis mutandis anwenden, die er über Börne oder Bauernschmied schrieb. Und wenn Speidel auch bescheiden das Feuilleton die Unsterblichkeit eines Tages genannt hatte, so erwirbt sich der Verlag doch ein Verdienst um die deutsche Literatur dadurch, daß er die besten <ler in der „Neuen Freien Presse" erschienenen losen Blätter des Sprachgewalt gen Meisters herausgibt. Von der Sammlung, die mehrere Bände umfassen wird, liegen zwei vor: Persönlichkeiten und Wiener Frauen. Unerschöpflich ist der Reichtum, den der erste Band bietet. Mit einigen Strichen stellt Speidel eine Persönlichkeit vor uns hin, daß wir sie zu sehen wähnen. Man lese nur das Feuilleton über Börne oder Daniel Spitzer. Auch die übrigen Judengestahen, die er vorführt, so Spinoza, Heine und Mendelssohn, sind ihm wohlgelungen. Da erweist sich Speidel nicht so sehr als Kenner der jüdischen Psyche wie als Schätzer der eminenten Geistesarbeit und des Kulturwertes der Juden. Auch für den Zwiespalt in der Seele der Juden zeigt er Verständnis, wenn es sich auch nicht leugnen läßt, daß er die Überlegenheit des Deutschtums stellenweise zu stark und stolz herausstreicht, er, der im Leben recht bescheiden gewesen sein soll. Er hatte vielleicht zu viel Umgang mit demütigen Juden, die um jeden Preis ihre Eigenart zu verbergen suchten. Über den freisinnigen Kosmopolitismus des entnationalisierten Israeliten sowie über den deutschtümelnden Patriotismus des assimilierten jüdischen Gelehrten oder Politikers konnte Speidel wahrhaft zutreffende Worte finden. Andere, bewußtere Juden kannte er nicht. Nichtsdestoweniger hätte er vermocht, deren Art zu erfassen, wie man aus einigen seiner Aussprüche entnimmt. Besonders aufschlußreich sind seine Bemerkungen über die Dualität des jüdischen Wesens. In den Juden wohnt tatsächlich ein zwiefacher Trieb. Der Juden Sache ist das Ausschauen nach den Schätzen der Erde und der Einblick in die Tiefe des Gemüts. Speidel kann nicht umhin, die Juden ein wunderbares Volk zu nennen. Er sieht in ihnen ein scharfes und beharrlich wirkendes Ferment in der Geschichte, da sie durch die Macht des Geistes und eine unübertroffene Begabung in die höchsten Fragen der Menschheit entschieden eingreifen. Und eine lockende Aufg tbe dünkt es ihm, den Einfluß des jüdischen Geistes auf die moderne Bildungsgeschichte, zumal des deutschen Volkes, zu schildern. Er seihst begnügt sich, hierüber eine Skizze zu geben, die sehr viel Anregendes enthält und vielleicht in einem modernen Juden den Wunsch wecken wird, sie auszuführen. Hans von Kahlenberg, Ahasvera. Vita, Berlin 1910. Nietzsche hatte in einer seiner Visionen vom Übermenschen die Verschmelzung der semitischen Rasse mit dem deutschen Volke als wünschenswert hingestellt Dieses Problem hat viele Geister beschäftigt und mehr Schaden als Nutzen gestiftet. Auch die Schriftstellerin Hans von Kahlenberg nimmt Stellung dazu, indem sie in ihrem Roman „Ahasvera" Kreise schildert, wo die Verschmelzung jener heterogenen Elemente gang und gäbe ist. Nicht weniger als Übermenschen gehen aber aus dieser Synthese hervor. Nicht eine Veredlung der Rasse, sondern eine Verkümmerung findet statt. Auf die Verschmelzung folgt die Degeneration, die Fäulnis, die vielleicht eine Folge der Verlogenheit und der Selbstverleugnung ist. Die Verfasserin sagt das zwar nicht geradeheraus, aber sie läßt es durchschimmern. Trotz ihres Strebens nach strenger Objektivität bricht in ihr der Groll über das Eindringen des Judentums in die deutsch-christlichen Familien durch. Es sind eben nach ihrer Erfahrung nicht die besten Repräsentanten des alten Volkes, die sich durch den meist erheuchelten Akt der Taufe in das Deutschtum einschleichen und es zerset en, vergiften. Man lese nur die Reden, die in einer politischen Versammlung gehalten werden. Wie Donnergrollen tönt die ausführlich zitierte Philippika des antisemitischen hünenhaften Abgeordneten, während die spärlich mitgeteilten Brocken der Verteidigungsrede des schwächlichen Grafen Wolfgang Rechtem