Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-12-30 · 52 (30.12.1910) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316457--54144-3347923
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die durch die Beschlüsse dei Dumakommission, sowie durch das Auftreten der Herrn Nußbaum. Nathansohn und Dickstein geschaffene Situation beriet. Die Konferenz nahm folgende Resolutionen an: 1) Die geplante Rechtseinschränkung der Juden in den künftigen Organen der städtischen Selbstverwaltung in Polen widerspricht den Grundrechten eines jeden Bürgers und den obersten Grundsätzen einer rationellen Selbstverwaltung, dem Grundsatz der gleichen Pflichten und gleichen Rechte aller Bürger, ohne Unterschied der Nationalität und der Konfession. 2) Für den Fall, daß die Reichsduma das Kurialsystem für die Wahlen in die Organe der städtischen Selbstverwaltung in Polen einführen sollte, nehmen die Juden das unbedingte Recht für sich in Anspruch, daß die Zahl der Abgeordneten der jüdischen Kurie dem Prozentverhältnis der Juden zur Gesamtbevölkerung entspreche. Judenausweisungen in Moskau Vielen von den in Moskau wohnhaften jüdischen Kaufleuten I.Gilde droht, wie in der „Retsch" berichtet wird, Ausweisung aus Moskau auf Grundlage folgender Ergebnisse: 28 von ihnen haben das Recht mit ihren Familien in Moskau zu leben, 150 Kaufleute 1. Gilde haben nur das Recht, mit ihren Frauen, unverheirateten Töchtern und nicht volljährigen Söhnen in Moskau zu leben; von diesen Familien steht nur 21 volljährigen Kaufmannssöhnen das Aufenthaltsrecht zu; die übrigen sind gehalten, Moskau bis zum 1. Januar 1191 zu verlassen. Nach Informationen der „Retsch" sind dadurch gegen 90 jüdische Familien genöt'gt, sich aus Moskau zu entfernen. Wieviel Witwen und Waisen jüdischer Kaufleute dabei der Ausweisung unterliegen, ist noch nicht festgestellt. — Bei der Kür/e der Frist geraten die meisten der Ausgewiesenen in eine äußerst schwierige Lage, da sie so rasch ihre oft großen Geschäfte nicht liquidieren können. Außerdem haben viele jüdische Familien ihre Kinder in verschiedenen Lehranstalten und sehen sich nun genötigt, den Schulunterricht jäh zu unterbrechen. Bücherbesprechungen Im Verlage von Wilhelm Braumüller in Wien und Leipzig ist soeben in zweiter, vermehrter und verbesserter Auflage Dr. Jg. Zoilschans ausgezeichnetes Buch „Das Rassenproblem unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassenfrage" (Preis brosch. 6 JC 7 K 20 H, gebunden 7 J 40 8 K 8ü H) erschienen. — Daß von einem Buche wie dem Zollschanschen nach kaum Jahresfrist die erste starke Auflage vergriffen und eine zweite notwendig geworden ist, darf kaum erstaunlich erscheinen. Ist doch das Rassenproblem eines derjenigen, die in der neuesten Zeit den größten Einfluß auf Denken und Fühlen, auf Politik und Volkswirtschaft, auf das ganze soziale Leben genommen haben. Die glänzende Aufnahme der ersten Auflage, welche durch die in allen Buchhandlungen erhältlichen Prospekte bekundet wird, beweist, daß der Erfolg ein wohlverdienter ist. Karl Baedeker: Palästina und Syrien, die Hauptrouten Mesopotamiens und Babyloniens und die Insel Cypern. Handbuch für Reisende. Siebente Auflage. Leipzig 1910. Jl 10.—, In einem kürzlich in der Ze tschrift „Palästina" veröffentlichten, sehr interessanten Aufsatze „Zeugen wider Palästina" hat Sandler die Frage aufgeworfen und eingehend untersucht, woran es liegt, daß so viele Palästinareisende entmutigt von ihrer Reise nach Palästina heimkehren und sich oft so wenig liebevoll über das Land äußern. Er spricht da unter anderm auch von der Beeinflussung des Reisenden durch das Reisehandbuch, das zumeist von den Palästinareisenden benutzt wird, dem Baedeker: „Dieser Baedeker aber zeigt eine wahre Virtuosität in der lückenlosen Übergehung aller jüdischen Kulturtaten in Palästina"..... Inzwischen ist eine neue Auflage des Baedeker für Palästina erschienen, und wir müssen zu unserm Bedauern konstatieren, daß dieser Satz aus der Sand!erschen Arbeit auch für den neuen Baedeker gilt. Allerdings will der Baedeker nicht „modern" sein. Er will, wie es in der Einleitung heißt, nur „ein zuverlässiger Berater" sein für alle die, die das Land um seiner „historischen Erinnerungen" willen aufsuchen. Grund: Palästina ist „kein Touristenziel im gewöhnlichen Sinne. An Naturschönheiten bietet das Land wenig." Schon über diesen Satz läßt sich streiten. Viele Besucher Palästinas berichten anders. Aber davon abgesehen. Selbst wenn das Buch nur denen dienen soll, die das historische Palästina sehen wollen, so kann der Führer das moderne Pa ästina unmöglich ganz ignorieren. Und er tut es auch nicht. Nur ist er s in der Wahl dessen, was er von Modernem aufnimmt und was er r links liegen läßt, etwas — sagen wir — eigenartig. Als ich das Buch zur nähern Betrachtung in die Hand genommen, schlug ich zuerst das Register auf und suchte da ein Wort, das ich bei der " vorigen Auflage vermißt hatte: Kolonien. Und siehe da, ich fand es auch. Aber es hatte einen Zusatz: „s. Deutsche Kolonien." Also gbt es nach Baedeker nur deutsche Kolonien in Palästina? Doch nein! Unter der Hajptrubrik „Jerusalem" finde ich auch „Judenkolonien44 verzeichnet. Ich schlage nach und finde an den zwei angegebenen Stellen von Juden bewohnte Stadtteile Jerusalems, „die nichts Bemerkenswertes haben". Ich bin etwas enttäuscht. Doch ich b'ättere weiter und finde zerstreut 6 von unsern 35 Kolonien — erwähnt. Gegen die vorige Auflage bedeutet das immerhin schon eine mehr. Jedoch sie werden alle nur erwähnt. Bloß eine, Sichron Jakob (Zammarin), wird ein *r Besprechung von fünf Zeilen gewürdigt. Dagegen sind die fünf deutschen Kolonien sämtlich angeführt, zumeist mit ausführlichem Angaben und — mit ein wenig mehr Liebe. Ich schlage wieder das Register auf und suche bei B vergebens das Wort „Bezalel". Ich suche es bei Jerusalem im Register, im Text, — vergebens, Und ich frage mich: Sollte der Bearbeiter des Buches, Herr Dr. Benzinger, der doch auch Lehrer an der Lämeischule ist, nie etwas vom Bezalel gehört haben? Oder ist es der Einfluß jener an derselben Schule wirkenden „prominenten Persönlichkeit", die den Bezalel auch hier unterschlagen läßt, wie sie ihn den sich ihrer Führung anver rauenden Besuchern Jerusalems mit Erfolg schon so oft unterschlug? Sind doch sonst alle humanitären und religiösen Anstalten und Institutionen, speziell bei Jerusalem, erwähnt, so z. B. auch die „Zentralbibliothek" alias Nationalbibliothek. Bei Jaffa vermisse ich indes das Schaare Zionhospital und die , drei höhern jüdischen Schulen, die doch wohl von mindestens der Bedeutung sind wie die da angegebenen „italienischen Schulen für Knaben und Mädchen". Bei Schilderung der Klagemauer sind „polnische Juden" erwähnt. Das unschöne Beiwort, das sich hier findet und dem man noch einmal beim „Judenquartier" von Jerusalem begegnet, wirkt zumindest'in dieser Veral gemeinerung auch nicht gerade freundlich. Die Filialen der Anglo-Palestine Company sind sämtlich bei den betreffenden Orten angegeben. In dem wichtigen einletenden Kapitel indes, das von Reisekosten, Kreditbriefen usw. handelt, sind sie vergessen worden. Das ist um so bedauerlicher, als die Erinnerung gerade zu der Zeit, da man Reisevorbereitungen trifft, von Wert ist. In den historischen Vorbemerkungen ist die jüdische Bevölkerung Palästinas ausführlicher behandelt als in der sechsten Auflage. Was der Verfasser ausführt, zeigt, daß er an den Bestrebungen des modernen Judentums, des jüdischen Nationalismus, nicht teilnahmlos vorübergegangen ist. „In der neuern Zeit machen sich starke Bestrebungen geltend, die hebräische Sprache neu zu beleben und zur jüdischen Volkssprache zu machen; sie bildet in der Tat ein Bindeglied zwischen den verschiedenen Bestandteilen und wird jetzt schon vielfach gesprochen." (S. LX.) Es wäre nur zu wünschen, daß der Autor auch nach anderer Richtung im neuen jüdischen Palästina etwas Umschau hält und von den Früchten der dabei erworberen Kenntnisse ein wenig mehr als bisher seinen Lesern vermittelt. Nicht bloß den jüdischen Leser des Führers dürfte das interessieren. Für manchen jüdischen Leser aber werden die Tatsachen erst dadurch die richtige Weihe erhalten, daß der christliche Autor sie berichtet. (Wie auch der Inhalt der oben zitierten Stelle über das Hebräische als Umgangssprache.) Herr Dr. Benzinger weiß ja auch aus eigener Anschauung, daß die Bedeutung des jüdischen Elements für Palästina erheblich größer ist als in einem andern Lande bei einer entsprechenden Kopfzahl. Darum sollte er dafür sorgen, daß das jüdische Element und vor allem das, was es in Palästina geschaffen, im Baedeker nicht als quantite negligeable betrachtet werde. Das ist unser Wunsch für die nächste Auflage des Baedeker. Man könnte vielleicht dagegen einwenden: Wir haben ja eine jüdische Ergänzung des Baedeker in dem vorzüglichen Handbuch von Trietsch. Ganz recht. Aber nicht jeder, der nach Palästina reist, kennt und benutzt auch dieses Buch. Wir haben aber ein lebhaftes Interesse daran, daß kein Besucher Palästinas, gleichviel ob Christ oder Jude, ein so wenig objekives Bild vom Palästina der Gegenwart erhalte, wie es der Baedeker von heute leider gibt Wir wollen aber auch nicht annehmen, daß Autor und Verleger des Baedeker nicht objektiv sein wollen. Es sei im übrigen noch konstatiert, daß die neue Auflage gegen die vorige an Umfang etwas zugenommen hat. Neu eingefügt ist dem Buche ein Panorama von Jerusalem und neu aufgenommen ist eine Beschreibung der Insel Cypern. Breslau. Hugo Schachtel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.