Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1380 - DIE] Statutenänderung, 5j Aufnahme neuer Mitglieder. Für das kommende VerwaUungsjahr wurde für die öffentlichen Ausgaben der Kolonie ein Budget von ca. 7000 Frcs. fe-tgesetzt; a ßerdem wurde der Waad ermächtigt, für die Beleuchtung der Straßen bis 1000 Frcs. auszugeben. In den neuen Waad wurden folgende Herrn gewählt: Disengoff, Ismozyk. Dr. Puchowsky. Dr. Mossinsohn, .laife, Korkidi und Kahn. Es wurde beschlossen, für den Bau einer Synagoge einen Bauplatz von mindestens 1530 Ellen zur Verfügung zu stellen. Die hebräische Presse in Palästina Durch die Möglichkeit freier Betätigung, welche die Konstitution den Zeitungen gebracht hat, hat das hebräische Zeitun jswesen in Palä tinaeinen großen Aufschwung genommen. An Stelle der beiden ehemaligen Wochenblätter,, Haschkafah" und „Hach wazeleth", die beide in sehr kümmerlicher üestalt in Jerusalem erschienen und viele Jahre hindurch die einzigen Vertreter der öffentlichen Meinung waren, gibt es jetzt bereits sechs hebräische Ze tungen, die fast alle finanziell gesichert sind und vom Publikum eifrig gelesen werden. Von diesen sechs Zeitungen ist am verbreitetsten das in Jerusalem täglich erscheinende „Haor" das von der Familie Ben-Jehuda herausgegeben wird und sich die Neubelebung und Verbreitung der hebräischen Sprache zur besondern Aufgabe gemacht hat. In literarischer Beziehung ist der „Hapoel hazair" am bedeutendsten, der alle zwei Wochen in Jaffa erscheint. Die „Achduth", dis Wochenblatt der „Poaie Zion", erscheint in Jerusilem und vertritt ausschließlich die Interessen der Arbeiter. Fast gleichzeitig mit dem „Achduth" wurde von orthodoxer Seite das Wochenblatt „Moriah" begründet, das durch seinen frischen Ton und seine moderne Sprache dem veralteten orthodoxen „Hachwazeleth" ernstliche Konkurrenz bereitet. Von sephardischer Seite erscheint dreimal wöchentlich die „Hacheruth". Zugleich mit dem Aufschwung des Zeitungswesens haben sich auch die Druckere en in Palästina vermehrt und vervollkommnet. So hat im letzten Jahre die Druckerei von J. Levy in Jerusalem mehrere profane Bücher hergestellt, die inbezug auf Geschmack und Gediegenheit der Austattung nichts zu wünschen übr g lassen. Die Jerusalemer Druckerei „Achduth", die eine kooperative Genossenschaft ist, hat ebenfalls das Bestreben, technisch Volkommenes zu leisten. In Jaffa ist gleich nach der Wiederherstellung der Konstitution eine hebräische Druckereibegründet worden, die sich ebenfalls sehr gut entwickelt. Es wäre im allgemeinen Interesse zu wünschen, daß auch die ausländischen Autoren und hebrä sehen Verlagsanstalten ihre größern Publikationen in Palästina drucken ließen, zumal da die palästinensischen Druckereien auch billiger als die ausländischen sind. Die Druckereien könnten dann noch Hunderten | üdischer Arbeiter einen Erwerb bieten, und unter dem Einfluß des „Bezalel" würde sich das Druckereiwesen auch in dekorativer Beziehung vervollkommnen. Einen Anfang in dieser Richtung hat bereits der amerikanische Verlag „Assaf" gemacht der statutarisch seine Bücher in Palästina drucken läßt. Protest gegen Frescos Verleumdung Jaffa, 10. Dezember. Die bekannten gehässigen und verleumderischen Angriffe des Herin Fresco, des Redakteurs des „11 Tiempo" zu Konstantinopel, gegen den Zionismus im allgemeinen und gegen den Konstantinopeler Turnverein „Makkabi* im besondern haben auch hier einen Widerhall gefunden. Um nämlich ein Rundschreiben, daß der „Cercle des Intimes*1 in Saloniki in span olischer Sprache an sämtliche jüdischen Gemeinden gerichtet hat und das sich mit der angeblich bedrohten Stellung des Großrabb ners Chaim Nahum befaßt, zu beantworten, hat der hies;ge Waad Hair (jüdische Gemeinderat) eine Versammlung von Asehkenasim und Sephardim einberufen, in der folgende Resolution gefaßt wurde: 1. Die Versammlung protestiert gegen die Verleumdungen des Herrn Fresco und erklärt ihn als Feind des jüdischen Volkes (Zorer hajehudim). 2. Die Versammlung erwartet vom Chachambischi in Konstantinopel, daß er nicht den Verdacht wird aufkommen lassen, als billige er das niederträchtige Vorgehen Frescoss und daß er vielmehr der Regierung klarmachen wird, daß ein der ottomanischen und nichtottomanischen Juden, heit keine Partei gibt, die irgendwelche separatistische Gelüste in der Türkei verfolgt. 3. Die Versammlung erklärt, daß die durch die hebräische Sprache und die andern nationalhistorischen Güter vereinigten Juden der Türkei sich als eine besondere Nation innerhalb der Familie der ottomanischen Nationen fühlen, die miteinander in Frieden und Eintracht leben und für das Wohl des gemeinsamen Vaterlandes arbeiten wollen. KELT =— No. 52 Die Reorganisation des Jerusalemer hebräischen Gymnasiums ist nunmehr vollzogen. Zurzeit sind außer den frühern Lehrern noch zwei neue Lehrer am Gymnasium tätig: Herr Salomon Schiller, der Gründer des galizischen Verbandes der hebräischen Lehrer, und Herr Dr. Torczyner aus Wien, der sich auf dem Gebiete der semitischen Philologie bereits durch gediegene Arbeiten bekannt gemacht hat. Die pädagogische Leitung d^r Schule ist Herrn Dr. Metmann, dem bisherigen Lerer des Jaffaer Gymnasiums, anvertraut, der sich bereit erklärt hat, unentgeltlich an der Reorganisation der Jerusalemer Schule mitzuwirken. Konzert der Lehrer der Musikschule Vor kurzem fand in Jaffa im großen Saale des hebräischen Gymnasiums das erste Konzert der Lehrer in der von Frau Dr. Ruppin begründeten Musikschule statt. Der große Saal war fast bis auf den letzten Platz gefüllt, und das Publikum lauschte gespannt den gediegenen Darbietungen der Lehrer. Einen besondern starken Eindruck machte das Geigenspiel des Herrn Kopenko. Auch Herr Ha mm erschlag fand mit eignen Kompositionen am Klavier vielen Beifall. Rußland Eine jüdische Universität in Rußland Dieser Tage fand in Petersburg eine Konferenz jüdischer Notabein statt, die sich mit der Frage der Gründung einer speziellen jüdischen Hochschule in Rußland beschäftigte. Der Gedanke, durch die Gründung einer jüdischen Hochschule dem drückenden Mangel abzuhelfen, der sich durch die außerordentliche Schwierigkeit der Zulassung zu den allgemeinen Hochschulen ergibt, wurde seit einiger Zeit von der jüdischen Presse, ganz besonders vom „Heed- Hasman44, lebhaft propagiert. Nun ist dieser Plan von Männern der Tat aufgegriffen worden. — Die Universität soll in Wilna gegründet werden. Die zurzeit in Petersburg bestehende Lehranstalt für semitische Philologie und Or.entalia soll der neuen Universität als Fakultät für die Wissenschaft des Judentums angegliedert werden. Aus zuverlässiger Quelle wird berichtet, daß Herr Ginsburg aus St. Petersburg, der unter dem Namen „Port Arthur-Ginsburg" bekannte Philanthrop, für diese Sache eine halbe Million Rubel zur Verfügung gestellt hat. Tolmatschow und Konsorten als Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Odessa Die aus Kreaturen Tolmatschows bestehende Stadtbehörde Odessas unterzog vor kurzem die bisher übliche Verteilung der Einkünfte der Koscherfleischsteuer an gemeinnützige und wohltä ige jüdische Institutionen einer strengen Prüfung. Das Ergebnis war, daß der rühmlichst bekannte, von Rabb ner Tschernowitz geleiteten Musterjeschiwah die Jahressubvention von 8000 Rbl. entzogen wurde. Die Jeschiwah gerät dadurch in äußerste finanzielle Not und ist dem Untergangenahe. Gleichzeitig wurde der musterhaften, nahezu fünfzig Jahre bestehenden Handwerker¬ und Technikerschule „Trud" die Jahressubvention im Betrage von 18000 Rbl., die ungefähr die Hälfte des gesamten Atisgabenetats ausmacht, entzogen. Selbstredend gerät auch diese Anstalt dadurch in eine sehr kritische Lage. Denen um Tolmatschow genügte es indes noch nicht, daß die Verfügung über die Erträge der jüdischen Fleischsteuer den Führern des schwarzen Hunde-t übertragen wurde. Die Herren verspürten auch den Ehrgeiz, als „GaboTm" der Chewra-Kadischa zu fungieren. Und so hat denn Tolmatschow vor kur/em verfügt, daß die Verwaltung der Chewra-Kadischa an die Stadtobrigkeit übergehe. Die Juden Odessas haben es nun erlebt, den wütenden Hooltganenhäuptling Pelikan zum Gabbai der Chewra-Kadischa zu bekommen. Der Rechtskampf der Juden in Polen 1 $6? Aus Anlaß der geplanten Rechtseinschränkung "der Juden bei der kommunalen Selbstverwaltung in Polen fanden in den letzten Tagen mehrere Protestversammlungen der jüdischen Arbeiterschaft statt. Es wurden Resolutionen gegen die geplante Entrechtung der Juden, sowie gegen das unwürdige Verhalten der jüdischen Assimilanten, die sich den Unterdrückern zugesellt haben, gefaßt. Dieser Tage fand in Warschau eine Konterenz von Vertretern verschiedener Gruppen und Richtungen im Judentum statt, die über