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Die Welt · 1910-12-30 · 52 (30.12.1910) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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No. 52 DiE^ELT 1379 in Mazedonien. Die bulgarischen Abgeordneten bekämpften die Regierungstaktik:, welche darauf hinaus.äuft, das islamische Element in dieser Provinz auf Kosten der Griechen und Bulgaren zu verstärken, und wiesen darauf hin, daß die ganze Aktion, weil sie eine künstliche sei, nur sehr geringe Erfolge aufzuweisen habe. Im ganzen seien innerhalb der letzten drei Jahre nur 8000 Personen angesiedelt worden. Der Grieche Boscho Effendi meinte, die Immigration als solche sei dem Lande sehr nötig und gleich vorteilhaft, ob nun die Einwanderer Türken, .Christen oder Juden seien; nur müssen Ungerechtigkeiten vermieden werden, welche Erbitterung hervorrufen könnten. Eine große Rede hielt Dr.Risa Tewfik Bei derselbe, der als Freund der jüdischen Einwanderung in die Türkei gilt. Auch er trat prinzipiell warm für die Immigration ein, fand aber, daß für das Land der Zeitpunkt noch nicht gekommen sei. Vorerst seien noch eingreifende Reformen zugunstender gegenwärtigen Landesbevölkerung zu vollziehen, die vor Dezimiemng durch Hunger und Seuchen geschützt werden müsse. Der Staat müsse vor allem, bevor er eine Einwanderung zulasse, streng darüber wachen, daß keine Paupers, sondern nur brauchbare, ökonomisch kräftige Elemente Eintritt finden. Amerikas Beispiel sei nachzuahmen, wo eine strenge Einwanderungskontrolle bestehe. England sogar habe seinerzeit, als eine Flut armer jüdischer Flüchtlinge das Land zu überschwemmen drohte, die Zuwanderung verboten. Ebenso müsse auch die Türkei verfahren, da auch hier nicht gerade die Rothschilds es sein werden, die anklopfen, sondern die Judenheit ihre Ärmsten und Elendesten in die türkischen Gebiete werde abschieben wollen. Man kann nicht gerade sagen, daß diese Rede sehr geeignet gewesen sei, Vertrauen in eine jüdische Immigration zu erwecken. Jedenfalls scheint Dr. Risa Tewfik Bej durchaus noch nicht in die tatsächlichen Verhältnisse eingeweiht zu sein, die klar genug beweisen, daß es durchweg leistungsfähige jüdische Elemente sind, zum Teil mit großen Kapitalien ausgestattet, die Einlaß in die Türkei begehren. Zum Schlüsse der interessanten Debatte wurde der verlangte Kredit bewilligt, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß noch vor Votierung des Budgets die Regierung das langerwartete allgemeine Einwanderungsgesetz der Kammer vorzulegen habe. So wird denn also noch in diesem Winter, vielleicht sogar in einigen Wochen schon, eine der wichtigsten Fragen der jüdischen Gegenwart in der türkischen Volksvertretung zur Besprechung und zu einer ersten Lösung kommen. Hoffen wir, daß sie zugunsten der jüdischen Einwanderung ausfällt! Die Wahlen zum Mischlisch Umumi Die „Aurore" vom 29. November hat in ihrer grundlegenden Abrechnung mit der ganzen, in der Leitung des ottomanischen Judentums herrschenden Wirtschaft die Überzeugung geäußert, daß die Intrigen, die den Kriegsiärm in Saloniki und Konstantinopel gegen die Zionisten hervorgerufen haben, lediglich dem gut verborgenen Zweck dienen sollen, die dunklen Machenschaften bei den Wahlvorbereitungen zu verdecken. Die bisher bekanntgewordenen Tatsachen scheinen dieser Überzeugung durchaus Recht zu geben. Ungeniert wird der an den Massen begangene Wahlrechtsraub fortgesetzt. Die Sitzung, von der unser Gesinnungsgenosse Dr. Wellisch klüglicherweise, ferngehalten worden war, und in der Rabbi Nahum das Recht zugesprochen wurde, selbstherrlich die Anzahl der Wahlkandidaten jedem Stadtquartier vorzuschreiben, hatte festen Grund für alles Weitere gelegt. Jetzt sind in neuer Sitzung des Mischlisch dschismani und der Wahlkommission diese Zahlen festgelegt worden. Um dein Anschein der Eigenmächtigkeit zu mildern, hat man vorher die Chachamim von Hasköj zusammenberufen (nicht die Gemeindevorstände!) und von ihnen die Aufstellung einer Liste derjenigen Männer verlangt, die als Notabein und wahlfähig anzusehen seien. Man weiß zu gut, welchen Einflüssen diese armen Chachamim unterliegen, um sich darüber zn verwundern, daß sie anstatt der zwanzig von ihnen verlangten Namen nur sieben angeben zu können erklärten. Von diesen sieben Männern bewilligte man alsdann der über 20 000 Seelen zählenden Hasköjer Gemeinde nur fünf als Kandidaten. Und dementsprechend zählte man den andern ihre Raten zu: Hasköj 5, Balat 5, Haidar Pascha, der Residenz David Frescos, wo zionistische Opposition nicht zu fürchten ist, dagegen zehn, Galata und Pera, dem Wahlkreis mit relativ geringster Seelenziffer, gar ihrer dreißig! Das heißt, man legte diesen Ziffern nicht die Anzahl der Wähler, sondern die der sogenannten „Notabein" jedes Stadtteils zugrunde; das Ergebnis war alsdann natürlich höchlichst zufriedenstellend. Ganz selbstverständlich erscheint es, daß man keine Personen auf der Liste der Kandidaten dulden wird, die der Frescoclique nicht genehm sind, und sollten doch solche, um Sand in die Augen zu Streuen, auf der Liste figurieren, so wird zum voraus für ihren Durchfall gesorgt sein. Das Reizendste ist, daß man sich bei all diesen Maßnahmen ■ — und mit dem Anschein des Rechts — auf das Gesetz des Chacham-Chane-Nisamnamessi beruft, dessen Buchstabe peinlichst genau erfüllt werde. Zuerst muß festgestellt werden, daß die Juristen selbst nicht imstande sind, anzugeben, was diese oder jene maßgebende Stelle des famosen Gesetzes besagen will. Wäiier und Wahlkandidaten figurieren beispielsweise darin mit demselben türkischen Ausdruck! Natürlich wird dann die volksfeindlichste Auslegung als die richtigste erklärt. Diese ganzen Sünden sind eben zurückzuführen auf die eine „Erbsünde", die Rabbi Nahum nicht so leicht von sich abwälzen wird: daß er die Reform eben des Chacham-Chane-Nisamnamessigesetzes, die er bei seiner Erwählung feierlich beschwor, nicht angestrebt hat. Die Abänderung der einen und einzigen Bestimmung, die früher auf Lebenslänglichkeit der Amtsdauer der Mischlischmitglieder und jrtzt auf zehnjährige Amtsperiode lautet, kann nicht als Einlösung dieses Versprechens gelten. Sie kann, da sie ihm gelang, nur die Tatsache beweisen, daß auch weitere Reformen möglich waren. Es sei hier an das schöne, ausführliche Reformprogramm erinnert, das Rabbi Nahum noch vor dreiv ertel Jahren Ihrem Berichterstatter entwickelte und das in diesen Blättern veröffentlicht war. Von alledem ist auch nicht ein Jota zu realisieren versucht worden. Und jetzt beruft man sich auf den Buchstaben des Gesetzes. Die Cholera in Konstantinopel Zum Unglück der hiesigen jüdischen Bevölkerung scheint gerade der Vorort Balat zum f/üuptheide der Cholera geworden zu sein, seit einiger Zeit gibt es dort relativ die meisten Cholerafälle. Zahlreiche Häuser sind in Quarantäne, zeitweise sogar ganze Straßen. Die überwiegend jüdische Bevölkerung von Balat ist von Furcht und Aufregung ergriffen. Vor acht Tagen fanden große Meetings statt, Samstags bei den Juden und Sonntags bei den Griechen, die gegen die sträfliche Vernachlässigung der Straßenhygiene in ihrem Stadtteile heftig protestierten und von der Regierung augenblickliche Abhilfe verlangten. Die Aufregung und Verzweiflung erreichte ihren höchste Grad bei Gelegenheit der Beerdigung eines beliebten, an Cholera verstorbenen Juden. Viele Tausende von Balat er Juden folgten dem Sarge. Die Polizei, die den Zug als eine Demonstration ansehen mochte, forderte zum Auseinandergehen auf und suchte die ungeheure Menge zu teilen und zurückzuhalten. Einige Individuen, die betrunken gewesen sein sollen, leisteten tätlichen Widerstand, und es entstand ein allgemeines Handgemenge zwischen den Juden und der bewaf.neten Macht, wobei einige Personen verwundet und Verhaftungen vorgenommen wurden. Das Großrabbinat hat einen Erlaß an die jüdische Bevölkerung gerichtet, in dem diese zur bedingungslosen Unterordnung unter die Vorschriften der Behörden aufgefordert wird. Palästina Generalversammlung von „Tel-Awiw" Jaffa, 10. Dezember. Vorige Woche fand hier die jährliche Generalversammlung der Hausbesitzer und Einwohner der neuen jüdischen Kolonie „Tel-Awiw" statt, die volle vier Abende in Anspruch nahtn. Aus der reichhaltigen Tagesordnung ist hervorzuheben: Entgegennahme der Bilanz für das Jahr 5670 und Genehmigung des Budgets für das Jahr 5671, Statutenentwurf für die Kolonie, Wahl eines neuen Waad, und eine Anzahl technischer Fragen. Herr Disengoff eröffnete die Versammlung mit einem Berichte über die Arbeiten, die im verflossenen Jahre durchgeführt wurden. Die im Druck vorgelegte Bilanz schließt mit einem Gewinn von 24831 Frcs ab, der hauptsächlich dadurch entstanden ist, daß die Bauplätze, die noch allgemeiner Besitz der Kolonie sind, inzwischen eine Preissteigerung erfahren haben. Allerdings beträgt dieser Gewinn für das Berichtsjahr bloß 6094 Frcs., während 18737 Frcs. als Gewinn der frühern Jahre anzusehen sind. Die Versammlung genehmigte die Bilanz und erteilte dem frühern Waad die Decharge. Die Versammlung beriet das vorgelegte Statut und nahm es mit einigen Änderungen an. Darnach findet alljährlich an einem der Chanukatage die ordentliche Generalversammlung der Bürger (Besitzer eines Hauses oder Bauplatzes) und der Einwohner (Leute, die zumindest für die Dauer eines Jahres zwei Zimmer mit Küche mieten) statt. Der Generalversammlung liegt ob: 1) den Rechenschaftsbericht des vorigen Waad entgegenzunehmen, 2) das Budget für das kommende-Jahr festzusetzen, 3) den neuen Waad, der aus sieben Mitgliedern zu bestehen hat, zu wählen, 4) eventuelle

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