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Die Welt · 1910-12-30 · 52 (30.12.1910) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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No. 52 DIE^ELT 1375 sagt diesem gewöhnlich eine gewisse Trockenheit, Reizlosigkeit nach. Welche Poesie kann z. B. in den verschiedenen juristischen Fragen, in der Kasuisterei des Talmuds liegen? Aber wohl in den Menschen, denen diese Fragen das Lebensinteresse waren, die ganze Welt bedeuteten. Bialik führt uns mit einer unerhört plastischen Kraft einen derartigen Asketen des Geistes vor in seinem Gedichte „Hamasmid": „Der Flüssige". „Flüssig" ist eben nicht das richtige Wort. Es ist einer, dem das Lernen, die Thora, der Talmud das Allerheiligste, dem das alte Bethamidrasch der Tempel seiner Jugend ist. „Wände des Bethamidrasch, heilige Wände, Zuflucht eines Riesengeistes, eines Ewigkeitsvolkes! Warum steht ihr so still, — verträumt und verzweifelt"? .... „Schwarze Schatten über euch, Schatten des Schweigens!" So trauert der Dichter um dieses Heiligtum des alten jüdischen Geistes. Und im Schatten der verfallenen Tempel bergen sich noch hie und da, in weltentlegenen Städtchen junge Menschen, die fühlen und leiden und nach Sonne, nach Licht, nach brausendem Leben sich sehnen, — und doch in sich alle Begierden ersticken, jede Sehnsucht durch eine gewaltige Willensanstrengung töten, jeden Schrei des jungen Blutes durch die melancholischen Töne des Talmudwortes übertäuben. Und sie klagen diese Töne in die enge Welt hinaus, so wehmütig . . . Wozu, wofür opfert der „Masmid" seine Jugend? Der Erkenntnis wegen? Aber gelangt er denn je zur Erkenntnis, bietet ihm denn das Lernen etwas anderes als das Wissen um tote Dinge, um Gewesenheiten — und bloß das Wissen? Oder ist es nicht vielmehr die alte Sehnsucht nach einem einheitlichen, zielgerichteten aktiven Leben des Geistes, die Aktivität nach innen gekehrt, das säkulare Streben des alten Judentums, das den Jüngling in die Zelle drängt, zur Asketenbank in Bethamidrasch? . . . Bialik war der größte Gestalter dieser jüdischen Askese. Aber schließlich siegt die Wirklichkeit über die Gespenster. Tritt nun einmal der jugendlose, frühzeitig gealterte, alle Last der Vergangenheit auf sich tragende Jude aus dem Schutt der täglich mehr verfallenden Ruine heraus, dann ist ihm die Welt eine Fremde, eine Wüste. Er beginnt sein Ich zu suchen und findet nur Splitter, findet bloß Wurzeln, in die Vorzeit versenkt. „Wo ist meine Jugend?" fragt er sich. Es beginnt dieTragöiie der betrogenen Seele. Das ist die zweite Periode, — wenn ich eine derartige Teilung machen darf, — der Bialikschen Dichtung. Es kommen nun aus dem Dichterherzen Lieder der Liebe und der Sehnsucht, oder richtiger, der Sehnsucht nach Liebe. Keine Minnelieder, keine primitive, leidenschaftliche Erotik. Minnesängerei, die Erhebung des Sinnlichen, des Geschlechtsmotives zur Grundnote des Lebens und Dichtens ist dem jüdischen Wesen überhaupt fremd. Der Jude intellektualisiert die Gefühle. Und wo er es nicht eingestehen will, wird er ironisch — Fall Heine. Nicht weil er, wie Weininger sagte, innerlich unheimlich kalt sei, sondern weil er viel zu viel verstandessinnig ist. Bialik klagt um die Liebe, die ihm verwehrt ist. In zarten Schmelztönen, im leisesten Moll singt er sein „Amoroso": „Birg mich unter deine Flügelein, sei mir Schwester und Mutter zugleich." Es ist nicht mehr Leidenschaft, nicht Liebe zu einem bestimmten, konkreten Weib, nicht Begehren, sondern Sehnsucht nach dem Symbol der Liebe, nach der Sehnsucht der Liebe. Er merkt es ja bald selbst. Er fühlt, daß ihm die primitive Kraft des unmittelbaren Erlebens abgeht. Und er klagt: Man sagt, es sei in der Welt Jugend vorhanden — wo ist meine Jugend? . .. Man sagt — es sei in der Welt Liebe vorhanden, was ist Liebe?" In allen seinen Liebesliedern wiederholt sich dieses Motiv des Suchens und Fragens. Er ist eben der alte „Masmid" geblieben, der fragt: „Sonne, Frühling, was wollen sie bedeuten." Wer Gefühle erst deuten muß, der hat sie nie erlebt Bialik hat das Machtvolle, Schöpferische, Geheimnisvoile-Urweltliche, der Liebe nicht erlebt und auch nicht wiedergegeben. Er kam noch nicht zur Liebe und war schon über sie hinaus. Von der Liebe Süße und ihrem herben Weh hat er nicht gesungen. Er begann mit der Frage und schloß mit der Resignation: „Du gehst von mir." Im Pathos liegt die Stärke der Juden, die Stärke Bialiks. Ihm sind zündende, wuchtige Worte, das Pathos des Fluchens und Verfluchens und des Segnens gegeben. Im alten Judentum nannte man es Prophetie. Prophetie ist ja auch nur die Betrachtung der Welt unter trägischem Aspekt Alles ernst nehmen, und nichts tragisch, sagt der Sinnierer, der Gemütsmensch, der innerlich Vielseitige. Der große Einseitige aber nimmt alles tragisch. Pathos ist das seelische Korrektiv des Intellektuellen, der Ersatz für die Plastizität. Hebbel war pathetisch, weil er kein Gestalter war. Slowacki war ein Pathetiker, weil es ihm an innerer Gestaltungskraft, an Unmittelbarkeit gebrach. Bialik ist ein Pathetiker ersten Ranges, weil er dabei immer — Künstler bleibt. Erst dort, wo in ihm der Zorn und der große, objektive, kalte Schmerz spricht, wird er der Meister der Form, ein Präger unvergänglicher Wendungen, ewiger Worte, die wie Sturmglocken dröhnen und wie Dolche tötlich verwunden, Auf der Suche nach der Lösung des Problems seines Seins traf er das große kollektive Ich des Golus, des jüdischen Volkes und — sie fanden sich. Das wollende, suchende, stüimische Individuum — und das müde, resignierte Kollektivum, Und es begann die Aussprache zwischen den beiden, die noch nicht abgeschlossen ist Das Individuum bäumte sich auf. „Welkes Gras ist das Volk, und trocken wie Holz. Und eine Leiche das Volk, von unendlicher Schwere". Je mehr er vom Volke erhoffte, verlangte, je höher seine Hoffnungen gespannt waren, um so bitterer war die Enttäuschung, die sich zum Zorn, zum Ingrimm steigerte. Das bitterste war ja nicht bloß das Leiden des Volkes, sondern die Zweck- und Sinnlosigkeit dieses Leidens, der Mangel an innerer Rechtfertigung dieses Lebens. C a r 1 y 1 e erzählt von sich, daß er in seiner Jugend fürchterliche seelische Qualen zu ertragen hatte. Er sah überall Gespenster des Unglücks und des Schreckens. Bis ihm eines Tages die Erleuchtung kam: „Was droht dir denn schließlich mehr als der Tod?" fragte er sich. Der Gedanke an den Tod hat dem Leiden des Lebens den Stachel genommen. Wer sich mit dem Tode versöhnt — kann auch die Qual des Daseins ertragen. Aber wer den Tod fürchtet, am Leben mit allen Nervenfasern hängt, wer so wehleidig ist wie der Jude — der kann auch die Leiden nicht ohne inneren, rechtfertigenden Grund hinnehmen. Und findet er keinen — dann kommt die Verzweiflung über sich selbst Bialik hat nicht gegen das jüdische Schicksal rebelliert, sondern gegen die jüdische Art, das Schicksal zu ertragen. Die Kischinewer Metzeleien, die Erniedrigung der Juden, die Entwürdigung der jüdischen Seele haben ihm einen Wutausbruch entlockt — gegen den jüdischen Marasmus, gegen das Spießerische, Kleinliche, das die jüdische Psyche überwuchert Es ist vielleicht ein grausames Lied, maßlos in seinem Schmerz. Es ist vielleicht ein kaltes Lied, vom kalten Feuer des Zornes durchglüht. Es fehlt ihm gewiß an lyrischer Wärme, an unmittelbarer Empfindung, an Liebe zum Einzelnen, an Einfachheit Er fühlt ja mit dem Kopfe, nicht mit den Nerven. Er kennt nicht das einfache Weh, die tiefe, lyrische Wehmut der persönlichsten Augenblicke, wo keine Gedanken, keine Erinnerungen, keine Vergleiche und keine Wünsche vorhanden sind, wo alles — Vergangenheit und Gegenwart — in einem Nebel der nagenden Sehnsucht eingebettet ist Wie soll ichs sagen? Bialik fehlt vielleicht eben das „Mystische", Ahnen des Leisen, Tiefen, Unendlichen. Was Bialik empfindet — gießt er in Formen. Er denkt in starken, formvollendeten Sätzen. Gewiß — es gelang ihm oft manch zartes, stimmungsvolles Lied, wie z. B. „Friedhof („Leise rauschen die Weiden, sprachen leise zu mir" usw.), aber sein Stil, d, h. sein Plastizitätsgefühl ist zu stark und übertönt bald die schlichte Stimmung. Das Malerische überwiegt bei ihm das Lyrische, Musikalische. Wer würde nicht für eine Strophe von Verlaine die „Orientales" Victor Hugos hingeben? Wem weint es nicht in der Seele beim kleinen, so zarten Gedichtchen Verlaines: „Es weint in meinem Herzen, wie über der Stadt es regnet" usw. Und doch — ist Hugo mit Recht für die französische Kultur unvergleichlich wertvoller als der Lyriker Verlaine. Denn er war das dichterische Gewissen der Nation. Er hat sie in allen „Chätiments" gegeißelt wie keiner vor ihm — und dann tröstete er wieder sein Volk mit warmen Worten, mit berauschender Beredsamkeit. ... Bialik ist der Victor Hugo des jüdischen Volkes — fast in allen Zügen wesensähnlich. Marmorkalt im Fühlen und glühend in der Form, klug und nie sentimental, nie rhetorisch, aber auch selten erfrischend lyrisch. In seiner Poesie kommt nur der denkende Mensch, seltener der fühlende Mensch zum Wort Aber schließlich spricht aus ihm die kollektive Seele — die Seele des Judentums von heute. . . . Das Judentum ist im Wandeln begriffen. Das „Golus" stirbt — so oder so. Es hat seine Form verloren, hat sich begrifflich, wenn auch nicht inhaltlich — aufgelöst. Was aus den aufgelösten Elementen sich bilden wird, ist die Frage der Zukunft, hängt nicht zum wenigsten vorn Willen und von der vitalen Kraft des jüdischen Volkes selbst ab. Aber das „sterbende Golus" hat wunderschöne Spätherbstblumen gezeitigt — das letzte Aufsprießen der produktiven Energie. Vielleicht auch der Anfang eines neuen, keimenden Lebens. Wer weiß? Bialik ist auf jeden Fall das prachtvollste Erzeugnis der jungen Kultur des sterbenden Golus. In ihm haben sich alle Nuancen des jüdischen Geistes zu einer satten, ganzen und starken Einheit vereinigt, wie auch durch ihn die hebräische Sprache ihren wahren Beieber und Meisier besitzt. Kann nun unter all diesen Voraussetzungen Bialik in Westeuropa Erfolg haben? Bei den Juden sicherlich nicht. . . .

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