Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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1374 DiEÄELT yj No. 52 Stiefelchen Stacken, darüber eine Zwitchbluse bis ans Knie, in der Taille von einem Riemen gehalten, die Frisur in einer Zwilchkappe, und das waren die netten Fräuleins von gestern Abend. Und sie arbeiten am Pfluge, nicht aus Demonstration, nicht zum Sport, sondern in ruhiger Begeisterung für das Land unserer Vergangenheit und unserer Zukunft, in dem sie nur im Tagelohn ihr Leben erhalten. Als sie in der abgearbeiteten Kleidung mit dem schweren Werkzeug zum Absäubern der Pflugschar an mir vorbeikamen, da sahen sie nicht eben vornehm; aus, aber auf dem Felde, so Schritt um Schritt hinter dem stattlichen Qespann, den Pflug fest in den Händen,, scharf Furchen ziehend und jede glatt neben der andern, die Erdkrume tief aufgewühlt, daß sie sich vornüberwirft und Scholle neben Scholle liegt. Wahrhaftig, ich habe nie eine adeligere Beschäftigung für wackere Mädchen gesehen, nie ein Bild, das mehr mein Herz bewegte. Ch. N. Bialik Von Dr. A. Coralnik Es möchte beinahe scheinen, daß Bialik populär zu werden beginnt. Erst vor kurzem 'war er den nicht hebräischlesenden Juden ein ganz Unbekannter. Vom gesamteuropäischen Publikum schon gar nicht zu reden. Man kannte in Westeuropa den jammernden Rosenfeld als den „Dichter" des Judentums und etwa auch Asch als den größten Künstler des jüdischen Volkes. Von Bialik haben die Wenigsten gewußt. Sogar die Jewish Encyclopdia hat diesem Dichter, dem eigentlichen und größten Dichter, den das Judentum seit Jehude Halevy besessen hat, gar keinen Platz eingeräumt. Und nun ist er allmählich in die europä.sehe Blickweite gerückt. Man fängt an, sich für ihn zu interessieren. — Übersetzungen der Bialikschen Gedichte beginnen zu erscheinen und fesseln die Aufmerksamkeit des europäischen Publikums. Er wird ins Russische, Deutsche, sogar ins Italienische übertragen. — Von allen Obersetzungen, die mir zu Gesicht gekommen sind, erscheint mir die italienische, von Armando Sorani in Florenz veranstaltete (Dai Poemi di Ch. N. Bialik, Firenze 1910) die beste und dichterisch wertvollste zu sein. Sorani, ein junger, begabter und für das Judentum begeisterter italienischer Dichter, ist selbst ein feiner Lyriker und ein Meister der Form. Er hat sich seine Form bei Carducci, diesem gewaltigen Wor-tbildner, geholt und handhabt sie mit Virtuosität. Und auch die Sprache, dieses tönende, durch und durch musikalische, reiche Toskanisch, hat dem Dichter sein Werk erleichtert. Bialik wird „europäisch" .... Und doch, ich glaube nicht recht an seinen Erfolg. Nicht weil er zu wenig Dichter wäre, nicht etwa, weil seine Kraft nicht ausreichte, ein mächtiges Echo zu erregen. Aber seine Stimmung, sein Grundton ist den Juden von heute nicht mehr verständlich. Man hat ihn den Dichter des „Schmerzes und des Zornes" genannt. Des Schmerzes, der an Verzweiflung grenzt, und des Zornes, der ein Richter ist, des heiligen Zornes und der ekstatischen Verzweiflung. Was wissen aber die heutigen Juden davon? Sind sie denn nicht schwach und seelisch verarmt, um nicht zu sagen seelisch bankerott? Sie können seufzen — im besten Falle. Gewöhnlich sind sie aber Gleichgültige oder — was noch schlimmer ist — Ironische. Sie kennen den nagenden, zerbröckelnden, alles Zusammengefügte auseinanderreißenden, alles Gewordene zerbrechenden Zweifel. Sie kennen Stimmungen und Verstimmungen, die Begeisterung des Augenblicks und die Entäusschung, die kühle, höhlende Ernüchterung, die über die momentane Aufwallung von Glauben und Unmittelbarkeit lächelnd zur Tagesordnung übergeht und das Ltben so sein läßt, wie es ist. Der Stachel des Leidens, die Glut der Verzweiflung, die den Mut des Nein hat, ist in uns gedämpft. Wir sind, um ein dantisches Bild zu gebrauchen, Seelen des „Cimbo", von aller reinen Freude ausgeschlossen und dem tiefen, reinigenden Leide unzugänglich. Positiv, schöpferisch aber sind nur starke Gefühle. Die Verzweiflung an der Gegenwart heißt zugleich Glaube an die Zukunft, an das eigne Sein. Und gerade ein solcher Dichter des Zornes und der Verzweiflung, aber auch der höchsten Bejahung ist ja Ch. N. Bialik.. — Nein, ich glaube entschieden nicht an seinen Erfolg; - . . . Es gibt eine alte jüdische Legende, die uns der Talmud aufbewahrt hat. Ais Messias ben Josef in seinem Todeskampfe lag% als er seine voreilige Tat, sein vorzeitiges Wollen mit dem Leben büßte, rief Messias ben David, der Wahre, der Kommende, zu Gott und bat nur um eine Gnade: um Lebenf. Leben um jeden Preis, unter allen Bedingungen, und sei es in Schmerzen und in Erniedrigung, nur sein. — Und der Erlöser aus dem Hause Davids, er, der Prinz von Geblüt, sitzt an den Toren Roms, kettenbeladen, alles Leid und allen Jammer der geplagten Menschheit tragend, — aber er lebt und wartet, bis die Stunde kommt, bis sich der Wille erfüllt..... In dieser Legende ist die ganze biotische Energie des Juden versinnbildlicht. Kein Volk hängt so sehr am Daseinv — und kein Volk lebt so viel in der Zukunft, wie das jüdische. Das ganze jüdische Leben ist eine Art Entropie-, die Einkehr dieser Lebensenergie in sich selbst. Daher konnten die Erscheinungsformen dieser Energetik nicht mannigfaltig, sein. Reich an äußern Beziehungen, an Berührung mit der Welt um sie, waren die Juden eigentlich Menschen einer einzigen, ich möchte fast sagen steilen Beziehung. Die Welt hatte für sie nur soviel Wert, als sie sich ihrem Grundriß unterordnen, auch ihm beiordnen konnte. Äußerer Reichtum und Vielseitigkeit, innere Graditnigkeit und Einseitigkeit, das ist sozusagen die Fundamentalantinomie des Juden. Wenn wir die jüdische Literatur nach dieser Richtung untersuchen, wenn wir in ihr die Abklänge, die Ausklänge der jüdischen Psyche suchen, so finden wir sie überall. Und bei keinem jüdischen Dichter so sehr wie bei Bialik. Weil er der potenzierteste Jude in seinen tiefsten Erlebnissen ist. Das erste Erlebnis — die brutale, häßliche Wirklichkeit, die echt-jüdische Not, die Misere zur Daseinsqualität erhoben. Der Dichter bekennt es: Bin gewohnt an Last und Bürde, Bin gewohnt an Wan^erstab; Bittre Fremde ist mein Vater, meine Mutter düstre Not. Es ist das echte Ghetto, das bittere, elende, noterfüllte, wo Menschen vor Mangel an Luft und Nahrung und Lebensfreude verkümmern. Proletarierelend, ewige Sehnsucht, ohne daß ihr nur im Traume Erfüllung gewährt ist. Ich muß hinzufügen: Das Ghetto von heute und von gestern. Das von vorgestern war doch anders. Es war Ziel und Sinn im Leben der damaligen Juden. Denn die glaubten an sich und den Wert ihres Seins. Haute ist nur der Jammer, nur der graue Alltag geblieben. Es ist ein Proletariermilieu, aus dem der Dichter hervorgegangen. Aber Proletarier, deren Hände zur Arbeit untauglich sind, die über die Enge ihres Lebens hinausgewachsen und in keine andern Verhältnisse mehr hineinwachsen können. Es gibt ein kleines Gedichtchen bei Bialik, das am plastischsten die Stimmung wiedergibt, die über dem Milieu seiner Jugend herrscht. Und das heißt: „Heimkehr". Alter Vater, gramerfüllt, sein Gesicht in tausend Runzeln, seine müden, alten Augen ruhen auf morschen Blättern, die von grauer Vorzeit sprechen. Ein Toter im Leben. Und die alte Mutter sitzt daneben, strickt mit ihren zitternden, runzlichen Händen am Strumpfe und entladet ihr ängstliches, schmerzensreiches Herz im Schelten, im Keifen. Und über die Wände ziehen schwarze Schatten, traurig flackert das dürftige Lämpchen . . . Tod, Tod. Und das war so immer, auch in der ersten Jugendzeit, im ersten Frühling des Lebens. „Mitten im Leben sind wir gestorD^n" — dieses alte Mönchmotiv klingt über diesem düstern Liede ... In diesem Häuschen hat der Dichter zum erstenmal das D chten gehört — von der zirpenden Grille, die von Not und Misere und von schaurigen Winternächten zirpte und von herzbeklemmender Wehmut ... — Aber seine Seele sehnte sich hinaus — und suchte ihren eignen Ursprung. Und er fand sie an einer alten, verschütteten Qülle. „Wenn dich der Engel fragen wird, wo ist die Qaelle deiner Seele?" — so sage ihm: „an der Schwelle des dunkeln Bjthamidrasch, unter den vergilbten Büchern des gewesenen Lebens." Kein Dichter des Judentums hatte bisher den Mut, das alte Judentum in einer solchen Weise zu verklären, kein Dichter überhaupt hat es verstanden, alten Lehren mit so starker Wahrhaftigkeit ihren Lebenswert abzulauschen. Das alte Judentum kann nur der erfassen, der es erlebt hat, was er in seinen Visionen gesehen hat, wenn es Wirklichkeit war. Mit einer ungeheuren Liebe hat Bialik dieses alte Bethamidrasch erfaßt. Ich meine nicht das mystische, chassidische, ekstatische und wundergläubige Judentum. Nicht darin besteht seine Kraft. Der Jude hat es verstanden, den Verstand, das Rationelle zur Kategorie des Überrationellen zu erheben. Er ist sozusagen der Mystiker des Verstandes. Man könnte fast sigen, Bialik ist der Dichter des ursprünglichen, antichassidischen Judentums. Man