Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 52 16 Jahre, der älteste war Vater einer halberwachsenen Familie. Auch dieser Mann war vor zehn Jahren ins Land gekommen um die Kolonie Machnajim zu gründen: er war dann heimgekehrt, lebte 6 Jahre in der Bukowina und arbeitet sich mit seiner Tochter auf dem Felde ein, um so Qott will einmal Kolonist zu werden. Der Knabe ist das Hätschelkind der ganzen Arbeiterschaft, die auf ihn stolz ist. Denn bei der Arbeit stellt der Knabe seinen Mann, kam er doch aus purer Begeisterung für den Boden Palästinas aus Rußland hierher. Die Arbeit auf den Feldern von Galiläa aber ist kein Kinderspiel, und der Dolch, den der Junge im Gürtel trägt, gilt für den Ernstfall. In den Araberdörfern hier herum haust eine wilde Gesellschaft, so daß jedes Gerät, jedes Stück Vieh mit der Waffe in der Hand beschützt werden muß. In Galiläa beschäftigen die Juden keine Araber, sie bearbeiten den Boden ohne fremde Hilfe, schufen sich allein reine Felder aus Geröll und Unkrauthalden, und sie verteidigen sich sowie ihre Habe mit eiserner Faust. Nun aber sitzen die wackern Burschen, von der Erde gereinigt, fröhlich beim reichlichen Abendessen. Sie bekommen alle Produkte der Farm zum Selbstkostenpreis in ihre eigene Küche, der ein dralles Weibchen flink, sauber und eifrig vorsteht. „Wo ist Ihr Mann, Frau Wirtschafterin?1' ,,Mei Mann is in die Midbar surijat mit Herrn Aharoni auf die Jagd." Auf der Jagd in der syrischen Wüste mit dem jüdischen Zoologen Aharoni aus Jerusalem, das sagt man hier so ganz selbstverständlich. Und dazu tanzen die Burschen wilde Kosakentänze oder die ganze Tafelrunde singt ein jüdisches Lied. Und heute ist noch ein Besuch da, ein Arbeiter von der Pachtgesellschaft des Nationalfonds, die jenseits des Jordans ihre Versuche macht. Wenn Einfahrt in die Lehrfarm Sedjera der Mann nur im Halbdunkel daherkommt, meint man, eine Gestalt aus dem Nazareth vor 19 Jahrhunderten zu sehen. Zwei Fräulein sitzen neben dem Manne mit 1373 dem blonden Kopf, die eine näht, die andere liest in einem Buche. Es fällt mir auf, daß sie sich an der lauten Unterhaltung nicht beteiligen, sie blicken ernst, In Nazareth fast teilnahmslos drein. Ob denen die Gesellschaft der Arbeiter nicht paßt? Oben in der Verwalterswohnung sagte man mir, sie seien Feldarbeiterinnen, eine weitere Auskunft bekam ich nicht, denn die Konversation war etwas schleppend. Herr Krauß und sein kleines Töchterchen sprachen Französisch. Die Mutter von Madame, eine Jerusalemitin, war mit einer Tochter, die in Aleppo lebt, zu Besuch gekommen. Bei Tische bedienten ein arabisches Judenmädchen und eine russische Qerin. Die Dame aus Aleppo verstand etwas Englisch, das uns geläufig war. Die Großmama konnte sich in gebrochenem Deutsch verständlich machen und so entwickelte sich eine Konversation in fünf Sprachen, die uns alle recht in Atem hielt. Und nun weiß jeder Leser der „Welt", warum aus rein praktischen Gründen in Palästina jeder Jude Hebräisch sprechen soll. Die Fräuleins aber, die eine mit d6r Näharbeit und die andere mit dem Buche, die verstehen Hebräisch, und dann verstehen sie noch etwas, was nur wenige Frauen auf der Welt können, sie verstehen geschickt und sicher den Pflug zu führen. Das aber sah ich erst am nächsten Morgen und auch da merkte ich es nicht sofort, denn am Tage, als es an die Arbeit ging, da waren die netten jungen Damen verschwunden. Lebhaft ging es zu im Hofe von Sedjera. Das Vieh brüllte in den Ställen, bis es frei wurde, um auf die Weide zu gehen, die Pferde wieherten, die Geräte klapperten, Wasser wurde in Eimer geschöpft, um den Arbeitern als Labetrunk nachgeführt zu werden, die Menschen sprachen hell durcheinander, in der Küche nahm man das Frühstück recht hastig, packte noch ein Stück Essen mit und zog aufs Feld. Da kamen auch eilig zwei Geschöpfe in Zwilchbeinkleidern, die in hohen