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Die Welt · 1910-12-30 · 52 (30.12.1910) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Gemeinde der Btudapester gegenüber eine demokratische Müsterintsitution darstellt. In Budapest genügt es zur Ausübung des Gemeindewahlrechts nicht, Kultussteuerzahler und mit der Steuer nicht im Rückstände zu sein, man hat auch eine Inkorporationsgebühr von mindestens 30 Kronen zu entrichten, um das Wahlrecht zu erlangen, so daß von nahezu 20000 Mitgliedern der Gemeinde nur 8972 stimmberechtigt sind. Am 27. November fanden in Budapest die Kultuswahlen statt, an denen sich 978 Wähler, also weniger als llü/o, beteiligten. Der kleine Mann, dem es unmöglich ist,, neben der Kultussteuer noch weitere 30 Kronen zu bezahlen, wird ausgeschlossen, und so wird die Gemeinde eine Domäne der Reichen, die sich um sie*gar nicht kümmern. So ist es mit dem vor jedem galizischen Einfluß ängstlich behüteten ungarischen Gemeindeleben bestellt. Es wäre wahrlich an der Zeit, daß die galizischen Juden den ungarischen Brüdern und ihren morschen Institutionen neues Leben einhauchten. (dp qq□□ FEUILLETON Palästina-Bilderbuch Von H. York-Steiner*) Mit Momentaufnahmen von Frau Florence Moser (Bradford) O o ä □□□□□□ II o <N <0 e IV. Von Haifa nach Sedjera — Geritn — Mädchen am Pfluge Nehmen wir Abschied von Haifa! Leicht wird das nicht, denn uns ist, als seien wir in wenigen Tagen mit Leib und Seele eingewurzelt in dieser Stadt, aus der wir uns nur mit Zurücklassen weniger Fasern unseres Herzens losreißen können. Endlich aber hüpft unser Dreigespann (III. I.) über das Pflaster hinunter dem Hafen zu, hinaus aus der Enge der untern Stadt in die freie Ebene. Der Bach Kischon ist bald hinter uns und in leichter Steigung geht es die Höhen hinan gegen Nazareth. Die Eisenbahn läuft vorerst eine ganze Weile parallel mit der Straße. Dann zieht sie durch die Ebene Jesreel nach dem Tiberiassee, den sie bei Samach erreicht. Wir aber wollen uns in Galiläa umschauen, nicht bloß durchfahren, wir ziehen daher zu Wagen über die Berge. Uber die Berge im blühenden Frühling Galiläas. .Denn hier blüht im März das ganze Land. Der Boden ist mit Blüten bedeckt, daß er sich ansieht wie voll künstlich gehegter Blumenfelder. Farbenbänder ziehen die Hügel hinan, blaue, rote und gelbe und ergießen sich wie Blumenbäche ins Tal. Gleich bunten Geweben liegen die grünen Flächen, in denen sich die Blüten mannigfach mengen und abwechslungsreiche Muster bilden, der göttlichen Natur einzig köstliche orientalische Teppiche. An den lustig quellenden Wasserläufen schießen die Pflanzen noch üppiger zur Höh, und die Hügel schatten vielfach. Dunkle Steineichen, graue Ölbäume, Pimpernelle, Traganth undJohannisbrotbäume. Auch Koniferengedeihen hier, der Snöbar ähnlich der italienischen Pinie. Was aber bedeuten Namen, was gelten Worte in solchen Tagen, die einer Festtagslaune des Himmels ihr Dasein danken? Verklärt scheint die ganze Welt, in Äther aufgelöst die Erde, im All verschmolzen Himmel und Berge. Oder ist es die Heiligkeit des Bodens, die dem Auge die Bilder verklärt, die Begeisterung für die alte Heimat, die das tote Gefilde beseelt? Wahrlich, wenn ich mich besinne, ich habe Berge von bizarreren Formen gesehen, wilder rauschende Bäche bewundert und üppigem Baumwuchs — aber noch nie Judenmädchen, die den Pflug führen. Doch das will ordnungsgemäß erzählt sein. Wir sind noch lange nicht in Sedjera, wir kommen erst nach Nazareth. In Nazareth werden keine Juden geduldet, heißt es in den Reisebüchern. Auch Pierre Loti, der bekannte französische Autor erzählt dies mit einer hämischen Rand- Vgl. „Welt" Nr. 20, 27 und 40. glosse dazu; freilich wußten all diese guten Leute damals noch nichts von Judenmädchen, die den Boden beackern. Und der Herr über diese Pflüge, der Direktor aller galiläischen Kolonien der Ica, Herr Rosenheck, lebt in Nazareth, der erste Jude seit vielen, vielen Jahrhunderten. Wahrhaftig die Juden, die die Erde bearbeiten, sie fassen überall Boden. Der Pflug überwindet Nazareth. (III. II.) Zehntausend Menschen leben hier, davon achttausend Christen aller Bekenntnisse. Der Ort zieht sich aus einer Talmulde den Berg Dschebel-es-Sich empor, leuchtet rein aus dem Gestein heraus, und die großen Gebäude der verschiedenen christlichen Konfessionen, die zugleich meist Missionen sind, geben dem Städtchen ein stattliches Ansehen. Wir aberwollen heutenoch bisSedjeragelangen. Und das scheint so einfach nicht, denn unser Kutscher nahm sich einen wegekundigen Nazarener als Führer mit auf den Weg. Und das schien vonnöten, denn wir fuhren alsbald seitab von der guten Chaussee, die bis Tiberäas führt, und staken dann sofort zwischen Geröll und Steinblöcken, aus denen es kein Entrinnen zu geben schien. Wie der Wagen aus den Steinen und über die Felsen kam, das ist mir unverständlich gewesen, aber wir kamen immer wieder aus der Klemme, nur daß wir immer wieder meinten, unsere Knochen seien aus den Gelenken. Wir blieben soweit heil, aber der Wagen ging entzwei. Da standen wir nun hoch oben und sahen sehnsüchtig der schönen Straße nach, auf der das Leben glatt abrollte. Es herrscht Bewegung auf der Straße Haifa- Nazareth. Typen aus der ganzen Welt gleiten in solchen Frühlingstagen an einem vorbei. Da kommen die Touristen und Pilger, die von Jerusalem die Straße Nabulus (Sichem)-Nazareth benutzen, viele reisen weiter, um an den Tiberiassee zu gelangen, wo sie den Spuren ihrer Heiligen nachgehen. Diese Gruppe allein bedeutet Varianten der Type homo sapiens vom amerikanischen Millionär bis zum russischen Muschik. Dazwischen die Geistlichkeit aller Arten, oft in den seltsamsten Gewändern. Stolz traben zumeist auf feurigen, edelgeformten Rossen die Scheichs der Beduinenstämme daher. Die faltige Gewandung, und das Zaumzeug reich geschmückt. Dann kommen Alltage-Araber, denen ich weder bei Tage noch bei Nacht auf einsamer Stelle begegnen möchte, ihre Waffen sind für den Ernstfall. Alte Moslims sitzen auf den Hinterteilen kleiner Eselchen. Die Frauen zu Fuße, oft mit Kindern auf der Schulter hinterdrein. Beduinen, Kamele führend. Auch andere Viehherden im Trieb kommen vorbei, manche Beduinen haben ihre Frauen mit, die ihr Antlitz hinter Zierraten

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