Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 52 DIE m ELT 1369 mit den vielseitigsten Problemen des allgemeinen Kulturlebens aufs engste verkettet, mit Fragen geschichtlicher und geographischer, politischer und volkswirtschaftlicher, naturwissenschaftlicher und künstlerischer Natur. Von dem anscheinend engen Gesichtswinkel führen unzählige Brücken hinaus in die weiten Gefilde des Lebens, auf die Höhen der Kunst und in die Tiefen der Wissenschaft. Der Zionismus ist der Träger und Vermittler reicher Bildungswerte, die nicht eine trockene Bereicherung des Wissensbestandes vorstellen, sondern durch die intime Verknüpfung mit dem Persönlichen, den persönlichen Gefühlen, Strebungen und Wünschen, der Persönlichkeitsentfaltung dienstbar werden. Der Zionismus läuft als pädagogisches Prinzip letzten Endes da hinaus, wohin alle Menschheitserziehung zielt, zu der Entwicklung und Ausreifung von Persönlichkeiten. Das höchste Glück der Erdenkinder ist und bleibt die Persönlichkeit. Und Persönlichkeiten wird der Zionismus aus seinen Jüngern allezeit heranbilden, Persönlichkeiten, frei in ihrem Bekennertum, treu in ihrer Hingebung, fest in ihrer Gesinnung, schlicht in ihrem Wandel und hochstrebend in ihrem Idealismus! I Baron David Günzburg 1 Wieder liegt uns die schmerzliche Pflicht ob, das Hinscheiden eines „Fürsten und Großen in Israel" zu verzeichnen. Wie aus St. Petersburg gemeldet wird, ist dort am 10./23. Dezember der ausgezeichnete jüdische Gelehrte, Philanthrop und Vorkämpfer im öffentlichen Leben der russischen Judenheit, Baron David Günzburg, nach mehrmonatigem qualvollen Leiden gestorben. Baron David Günzburg wurde im Jahre 1857 in Kamenez-Podolsk als ältester Sohn des vor zwei Jahren verstorbenen, rühmlichst bekannten Baron Horaz Günzburg geboren. Seine Eltern ließen ihm eine vortreffliche jüdische Erziehung angedeihen. Frühzeitig bekundete er lebhafte Neigung für das Studium der semitischen Sprachen und der hebräischen Literatur und gab sich diesen Studien mit rastlosem Eifer hin. U. a. waren Adolf Neubauer, Senior Sachs in Paris und der Dichter Jehuda Lob Gordon seine Lehrer auf diesen Wissensgebieten. Als zwanzigjähriger Jüngling erlangte er bereits einen akademischen Grad an der Petersburger Universität. In den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts beschäftigte er sich eingehend mit dem Studium der großen spanisch-arabischen Epoche der hebräischen Literatur undgab u. a. den „Tarschisch" von Moses Ibn-Esra heraus. Er schrieb ferner mehrere Aufsätze über die Ornamentik bei den alten Hebräern, zahlreiche Abhandlungen zur Geographie des alten Orients, über Kabbala, jüdische Religionsphilosophie usw. Seine Aufsätze erschienen in den vornehmsten französischen Revuen sowie in verschiedenen hebräischen Zeitschriften, wie „Hameliz", „Ben-Ami", „Hazefirah" und dem von ihm begründeten „Hakedem". Er war auch ein großer Bibliophile, und seine Bibliothek enthält kostbare Schätze an alten hebräischen Handschriften und Druckwerken. Neben seiner ausgedehnten wissenschaftlichen Tätigkeit widmete der Verstorbene seine Kräfte in hervorragender Weise auch den öffentlichen Angelegenheiten der russischen Judenheit und des Gesamtjudentums- Er bekleidete das Amt eines Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde St. Petersburg, war Vorstandsmitglied des Vereins zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden, Mitglied des Zentralkomitees der Ica, Hauptgründer des Vereins für die Kunde des Morgenlandes und der von diesem Verein ins Leben gerufenen Akademie in St. Petersburg, an der er auch als Dozent für Talmud und arabische Literatur wirkte, Vorsitzender der Chewrath Chowewe Sefath Ewer in St. Petersburg, Mitgründer und Ausschußmitglied der Societe des Etudes Juives in Paris, Mitglied der Gelehrtenkommission des russischen Unterrichtsministeriums, Vorstandsmitglied zahlreicher Wohltätigkeitsgesellschaften usw. In aller Erinnerung ist noch seine Tätigkeit als Vorsitzender der Rabbinerkonferenz, die in den ersten Monaten dieses Jahres in St. Petersburg tagte. Aber nicht nur die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bestrebungen seiner jüdischen Brüder in Rußland und andern Ländern fanden-in Baron David Günzburg einen warmherzigen Förderer, auch die manigfachen Anliegen einzelner Juden, die um ihres Judentumswillen zu leiden hatten, waren ihm stets ans Herz gewachsen, und er bot unzähligemal seinen ganzen Einfluß im Interesse verfolgter und in ihren Rechten verkürzten jüdischen Existenzen auf. Durch seine warme Anhänglichkeit an die jüdische Tradition erwarb er sich das Vertrauen weitester Volkskreise und genoß namentlich unter den Führern des orthodoxen Judentums hohes Ansehen. Obwohl der Verstorbene unserer Organisation nicht angehörte, war er doch Nationaljude durch und durch und nahm insbesondere an den Bestrebungen zur Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Literatur regen Anteil. Ehre seinem Andenken! c □ □□□CD © REVUE DER WOCHE „ □□□□□Ho Das Schicksal der Gesetzes vor läge wegen Aufhebung" des Ansiedlungsrayons Ganz unerwartet brachten uns die letzten Tage einen Zwischenfall, der das Geschick der Vorlage auf Abschaffung des Ansiedlungsrayons so gut wie besiegelt hat. In der Duma bestanden bis jetzt Meinungsverschiedenheiten darüber, welcher Kommission man den betreffenden Gesetzentwurf zur Vorberatung überweisen sollte. Manche waren für die Einsetzung einer speziellen Kommission, andere — namentlich aber alle diejenigen, die eine menschliche Erledigung dieser Frage ehrlich wünschten — traten für die Überweisung der Vorlage an die verhältnismäßig liberale Kommission für die Frage der „Unverletzlichkeit der Person" ein, mit der ja das Problem der Freizügigkeit eng zusammenhängt. Nun ist die Fraktion der „Nationalisten" auf einen guten Einfall gekommen: sie beantragte nämlich die Überweisung der Vorlage an die Kommission für verschiedene Initiativvorlagen. Diese Kommission genießt mit Recht seit langem einen Totengräberruf und niemand zweifelt daran, daß man eine Vorlage von noch so bescheidenem liberalen Anstrich nur an diese Kommission zu verweisen braucht, um ihr ein stilles Begräbnis zu sichern. — Die Nationalisten legten nun ihren Antrag der Oktobristenfraktion vor. Das oktobristische Fraktionsbureau besteht zwar zum größten Teil aus sog. „linken" Oktobristen, ja, fünf von den Bureaumitgliedern haben sogar die Ansiediungsvorlage mitunterzeichnet, aber gerade deshalb sind die Herren, nach echter Oktobristenart immer bemüht, zu beweisen, daß sie, Gott bewahre, nicht zu radikal sind. Und so haben sie sich denn auch diesmal beeilt, ihren Freunden von Rechts entgegenzukommen und die Ent-