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Die Welt · 1910-12-30 · 52 (30.12.1910) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1368 dieS^elt No. 52 fahrungen, die uns zu sammeln reichlich Gelegenheit ward, dürferi wir auf die Fragen, die uns hier beschäftigen, eine Antwort geben; die alle Bedenken und Befürchtungen zerstreut. Der Zionismus hat der Jugend, die sich ihm anschloß, nichts an innern Welten geraubt, ihr aber vieles an Erziehungs- und Bildungswerten geschenkt. Das Beste, was der Zionismus seinen Adepten geben konnte, ist die Wahrheit und Klarheit über sich selbst und ihre Stellung innerhalb der Welt, die sie umgibt. Für manchen mag die Wahrheit, wie so oft im Leben, schmerzhaft gewesen sein; sie hat ihn jäh aufgerüttelt aus einem süßen Traum, in den er sich gewiegt hatte. Aber dieser Schmerz war von größter erzieherischer Bedeutung. Nur wer über sich und das, was um ihn ist, Klarheit erlangt hat, gewinnt einen festen Stützpunkt zur Beurteilung des Lebens und der zeitgenössischen Kultur. Der Zionismus bedeutet deshalb mehr als eine Anschauung über Wesen, Bedürfnisse und Ziele der Judenheit; er ist eine Lebens- und Weltanschauung. Von der Erkenntnis der geschichtlichen und Zukunftstendenzen sowie der Qegenwartssituation des Judenvolkes ausgehend, erweitert sich der Blick und lernt klar sehen in die schwierigen Verkettungen des Völker- und Kulturlebens. Die Geschlossenheit und Einheitlichkeit der Lebensauffassung ist eine der am höchsten einzuschätzenden psychischen Werte, die der Zionismus erzeugt. Auf ihrem Boden entsprießt auch die wahre und echte Heiterkeit des Gemüts. Niemand ist wohl der Gefahr einer innern Zerrissenheit, eines unruhigen Pendeins zwischen den verschiedensten seelischen Strömungen, einer Verdüsterung des Gemüts in höherm Grade ausgesetzt als die jüdische Jugend. Von früh auf drückt auf die Seele das Bewußtsein, unverdienten Zurücksetzungen, Gehässigkeiten und Anfeindungen ausgesetzt zu sein, während die Erziehung in Haus tmd Schule auf die äußere und innere Verwachsung mit eben der Umgebung hinsteuert, von der sich die jüdische Jugend urückgestoßen fühlt. Dort, wo starke jüdisch-religiöse Traditionen vom Hause auf das Kind ausgehen, entwickelt sich allen ungünstigen äußern Angriffen zum Trotz eine gewisse Festigkeit des Strebens und Harmonie der Stimmung. Freilich geht oft genug das, was die elterliche Erziehung und das häusliche Milieu an jüdischen Werten dem Kinde mitgeben, unter den Einflüssen des Lebens und unter der Einwirkung des wissenschaftlichen Bildungsganges verloren. Einem großen Teile der modernen jüdischen Jugend fehlt von vornherein die auf eine Belebung und Stärkung des jüdischen Bewußtseins gerichtete häusliche Erziehung, oder letztere vermeidet geflissentlich, dem Kinde etwas nahezubringen, was es an seine Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft erinnern könnte. In den Jahren, wo der junge Mensch das Haus verläßt, um in das Leben zu treten, erkennt er mit geschärftem Auge und Ohr und fühlt mit der empfindlichen Besaitung des Gemüts das Zwiespältige seiner Situation in einer Gesellschaft, die ihn um seiner Abstammung von einem Volke, das er nicht kennt und nicht liebt, nicht als gleichwertig mit seinen christlichen Genossen behandelt; es entsteht das Bewußtsein einer Zwitterstellung, eine Disharmonie des Gefühls- und Willenslebens, die man als geistige Judennot bezeichnet und die nicht selten modernen Schriftstellern und Dichtern als Vorwurf für ihre tragische Kunst gedient hat. Je nach dem Individualcharakter und dem Milieu differenzieren sich die Wirkungen der moralischen Judennot: der eine brütet in dumpfem Schmerze über sein Geschick: der andere spinnt sich in einen Trotz ein gegen die Gesellschaft und kommt zu einer negativen Haltung gegenüber allen Grundlagen des Gesellschafts- und Staatslebens; andere üben Resignation, vermeiden es, sich mit dem Judenproblem zu beschäftigen, und gehen als tüchtige Berufsmenschen ohne höhern Schwung durchs Leben; wieder andere retten sich durch die Taufe aus dem Wirrsal oder sagen sich wenigstens innerlich völlig los von der Gemeinschaft, an die sie nichts kettet als das Leiden. Wer vermöchte die volle Tragik im Leben jener jungen Juden auszuschöpfen, die dort nicht stehen dürfen, wo sie wollen, und dort nicht stehen wollen, wo sie sollen? In diesem Zustand der Psyche kommt der Zionismus als Befreier und Erzieher. Er senkt dem jungen Menschen tief in die Brust den Gedanken, daß die jüdische Jugend eine hohe Berufung hat, daß sie den Bannerträger der Zukunftshoffnungen eines Volkes bildet. Der Zionismus läßt .die sich selbst vergeblich suchende jüdische Jugend an ihre Bestimmung glauben, Mehrer zu werden des Glanzes und Ruhmes, der Ehre und Sittlichkeit des Judenvolkes, für das wir eine tatenfrohe Zukunft erträumen und erarbeiten. Wir pflanzen in das jugendliche, empfängliche Gemüt den Stolz eines Adelsgeschlechtes, das in sich die kategorische Forderung des „Noblesse oblige" empfindet und in sich das Gefühl der Pflicht trägt, alle guten Traditionen des Stammes zu hüten und weiterzubauen. Und an hundertfältigen Beispielen haben wir es voll Genugtuung gesehen, wie dieses Erfülltsein von der Erkenntnis dessen, was der einzelne der Zukunft des Volkes schuldet, einen mächtigen Ansporn bildete, die gesamte äußere und innere Entwicklung, den geistigen Bildungsgang, die berufliche Ausbildung und die persönliche Kultur zur höchstmöglichen Vollendung zu erheben. Der Zionismus verleiht seinen Jüngern Bodenständigkeit, leider noch nicht im physischen Sinne, aber eine innere Bodenständigkeit, die alle Schwankungen und Wirrungen ausgleicht. In der Hingabe an eine Zukunftsidee liegt eine seltene gemütsbildende Kraft. Die jüdische Jugend in den Kulturländern ist auch in ihrem Gemütsleben entwurzelt. - Sie schöpft nicht mehr aus jenen Quellen jüdischer Gemütsbildung, die unsern Vorfahren in unerschöpflicher Frische gerauscht, haben. An Stelle der Tiefe und Ausgeglichenheit des Gemütslebens, die unsere Ahnen inmitten der schlimmsten äußern Bedrängnis bewahrt haben, ist eine Verflachung und Verödung des Gemüts getreten. Auch das Gemüt ist heimatlos geworden, in dem Maße, als die Erziehung von den alten guten jüdischen Traditionen abgerückt ist. Gerade in den modernen jüdischen Familien herrscht vielfach der Drang, in unruhiger Hast den modernsten Lebensgenüssen nachzujagen und sich von den Modeströmungen fortreißen zu lassen. Der Zionismus hat alte jüdische ästhetische Werte belebt und neue hinzugeschaffen, an denen sich das Gefühl bildet und die Lebensfreude erhebt. Es ist eine sich in den letzten Jahren immer deutlicher bemerkbar machende Erscheinung, daß sich Hand in Hand mit der Lossagung von den jüdischen eigenvölkischen Traditionen der Lebensführung eine Lockerung jener Eigenschaften vollzieht, dem das . jüdische Volk seine hervorragende biologische Stellung unter den Völkern verdankt, der Mäßigkeit und Nüchternheit, der Reinheit des Familienlebens und der geschlechtlichen Sitten. Wir schärfen unserer Jugend ein, daß damit die Grundpfeiler untergraben werden, auf denen die Lebensfähigkeit unseres Volkes beruht, und indem sie erglüht in Liebe zu diesem Volke und im Glauben an seine Zukunft, ist sie sich der hohen Verantwortung bewußt, die sie auch in ihrem Genußleben auf ihren Schultern trägt. Wir wollen kein Asketentum in unserer Mitte großziehen, verlangen aber von unserer Jugend, daß sie ihre gesamte Lebensführung unter den großen Gesichtspunkt der Erhaltung und Regeneration des Volkes stellt. Welche Fülle edler und reiner Freuden erwächst unserer Jugend aus der Betätigung der körperlichen Leibesübungen, des Sports und Spiels, die als Mittel der körperlichen Regeneration unseres Volkes bei der zionistischen Jugend eine weite Verbreitung gefunden haben. Während unsere jungen Juden zu spielen scheinen, dienen sie der Zukunft ihres Volkes. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß der Zionismus durch die Einführung des jüdischen Befreiungsgedankens in das Seelenleben der Jugend eine Verstrickung der letztern in den engen. Banden der Einseitigkeit beabsichtige oder bewirke. Der Zionismus legt . seiner Jugend keine Scheuklappen an, hinter denen sie nur sehen kann, was den eigenen Kreis berührt. Nein, unsere Bewegung ist

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