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Die Welt · 1910-12-30 · 52 (30.12.1910) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1366 DIEMKE LT No, 52 Glatt, fließend, wie eine Deklamation. Und erzählte, was Chanuka bedeutet. Alles ist zum leblosen Symbol verdünnt und entseelt worden. Chanuka, lehrte er, sei eine recht ehrwürd;ge Erinnerung; aber keine Hoffnung, ein verflossenes Ereignis, aber keine Sehnsucht. Und die Makkabäer, lehrte er, bewiesen es, daß Zeistörtes und Vergangenes nicht mehr aufgerichtet werden könne, die Makkabäer, die eigentlich doch bloß Ehrgeizlinge und Aufwiegler waren. Sie richteten einen Thron auf, den sie nicht erhalten konnten, weil es des Judentums Bestimmung war, keine eigene Heimat zu haben, sondern als Wanderlehrer mit eigentümlich schlechter Belohnung in der ganzen Welt herumzuirren. So lehrte jener Mann und rief sie immer wieder auf — seine Andächtigen. Ich aber schämte mich in meinem Kindergemüt, daß ich zu der Gemeinde der Andächtigen nicht gehörte. Ich fühlte keine Andacht bei diesen gemeißelten Worten. Das war mein Golus-Chanuka. Dir, me:n Freund, war Chanuka eine Unzulänglichkeit, ein Nichterkennen, ein mangelhaftes Durchdringen, mir aber war es eine bewuß e Verneinung, eine Verleugnung. Zum Erfrieren kalt, zum Weinen betrübt fühlte ich mich, als ich die herrliche Synagoge an jenem Chanukaabend verließ. Und ein Dritter wird sprechen: Und doch, seht ihr, gerade das alte Chanuka ist der erste Schritt geworden zu unserer Heimkehr und der erste Stein zu unserrn Wiederaufbau. Als noch alles schlief im Judentum, hoffnungslos und sehnsuchtslos, da wachte zuerst die Jugend auf und das erste, was sie tat, war, daß sie Chanuka feierte. Erst spielend und tändelnd, dann aber immer wärmer und begeisterter. Sie holte die verschollenen Makkabäer aus der Vergessenheit hervor und brachte ihr helles Heldenandenken zu neuem Glanz und neuem Ruhm. Und so wurde aus dem kühlen Chanuka — ein warmes Makkabäerfest. Als solches ist es ein lebenbauendes und seelenstärkendes EL ment im jüdischen Volke geworden. Da standen sie da. die prächtigen Jungen, und redeten sich heiß und berauschten sich an den eigenen starken Worten, und priesen die Makkabäer und schworen ihrem Heldentum Treue und N^cheiferung. Und mancher Funke, der aus diesen Worten flog, fing da und dort Feuer und manche Flamme entzündete sich, die nicht mehr verlosch. So entstand der Vortrab, der die erste Fahne aufrollte und als dann der Große kam, fand er schon einen starken Kern von einem Heere vor, das des Führers harrte. Und er ist der Führer geworden. So sind schließlich doch im letzten Grunde die alten Makkabäer zum zweitenmal unsere Erlöser geworden. Es ist wirklich nur billig, daß wir auch heute, am Neuchanuka dieser edlen Helden gedenken! * Und ein Vierter wird rasch erwidern: Der Makkabäer gedenken? Ja, — der erstem, nicht aber der spätem. Die sollen uns gepriesen sein, die einst das Volk wieder aufgerichtet haben, nicht aber, die einen Thron wieder gegründet. Throne sollen hier nicht mehr erstehen. Neujudäa soll kein Boden mehr werden für kleine und große Eitelkeiten. Bloß der große und edle Ehrgeiz des Volksdienstes, des Lichtdienstes soll hier herrschen für alle Ewigkeit. Jeder an seinem Platze und der Gesamtgeist über Allen! Ein Johann Hyrkan, ein Aristobul, ein Alexander Janai sollen bei uns nie mehr in die Höhe kommen. Einer für Alle und Alle für Einen, so wollen wir den Gemeingeist wieder gewinnen, der uns im Golus abhanden gekommen. Ein Volk wollen wir werden, wie es noch in der Welt keines gab, ein Volk von Brüdern. Das Höchste — unser Ziel; das Edelste — unser Wollen; das Geradeste — unsere Richtung! So wollen wir unser Leben gestalten: voll und schön und gut. Die Welt soll staunend sehen, was Juda auf seinem Boden und unter seinem Himmel werden kann. * So werden sie, die Heimgekehrten, Rückschau und Vorschau halten. Den Blick in die Weite gerichtet und den Kopf aufrecht, — so werden sie ihrer großen Zukunft entgegenschreiten. Und um sie herum werden sich ihre Kinder tummeln, — rotbackig, lebensfroh und zukunftssicher. Von ihren kirschroten L;ppen werden helle, klingende Worte fließen, in uralter und doch von Jugendfrische und quellender Kraft strotzende Sprache. In der Sprache, in der man zweitausend Jahre nur geweint und geklagt hat, werden Kinder singen, werden Kinder lachen, werden Kinder ihre Lebensfreude und ihren Übermut hervorquellen lassen. Und aus den Glanzaugen der Kinder werden Strahlen schießen, helle, warme, sonnige. Strahlen, die Leben schaffen, Strahlen, die Ahnen, Hoffen und Zuversicht wecken. Und über Allen wird sich der große blaue Palästinahimmel breiten, — eine Unendlichkeit und eine Ewigkeit. * „Chanuka le'athid" ... Jawohl, es wird ein schönes und warmes Fest sein, das Chanuka der Zukunft, das Chanuka nach der Heimkehr. Es wird wohl kein Winterfest sein. Es wird sicherlich im Frühling gefeiert werden. .. Die Menorah des Lebens Von Dr. Otto Abeles In der Synagoge des galizischen Städtchens Pögrobyszcze steht eine alte, berühmte Menorah, die wie der Baum des Lebens anmutet. Dieser Chanukaleuchter ist von buntestem und zartestem Zierat umrankt und von einer ganzen Schar fröhlicher, ja übermütiger Kreaturen bewohnt. Aufrechte, biegsam-schlanke Löwengestalten tragen ihn auf ihren Vordertatzen. Sie schauen zu den gefiederten Sängern hinauf, die aus den Ecken des Untersatzes die vier Himmelsrichtungen begrüßen. In den Leuchterannen — dort, wo sie aus dem Stamm herauswachsen — haben sich ebenfalls junge Löwen eingenistet, die sich wohlig im Lichterglanz dehnen. Jeder Kerzenkelch wird von einem muntern Sperling getragen, und auf den „Diener" springt gar mit kühnem Satz ein Widder hinauf. Auf der luftig gearbeiteten Krone aber, die dem Stamme aufgesetzt ist, hoch oben, die acht Lichter und den „Diener" überragend, steht majestätisch ein richtiger Gockelhahn und ruft durch die Chanukanacht dem grauenden Morgen zu .... Wir freuen uns dieses Werkes, das uns die naive, urkräftige, in der grausamsten Enge des Ghetto ungebrochen fortwirkende Volksphantasie beschert hat. Wir entfachen die Flammen daran, daß all das liebe, krälre Qeranke und alle die sehnigen Tierleiber vom Schimmer übergoldet werden, wir nehmen das teure Symbol in die Rechte und leuchten zurück in die herrlichen Tage des Hasmonäergeschlechts. Vor allem neigen wir diese Leuchte ihm zu, dem kraftstrotzenden, dem freudigen Helden des Nikanorsieges, unserm Judah Makkabi. Das war seine Antwort an die Kleinmütigen, die um ihr armseliges Leben bebten und ihren Führer fast schon dem Syrerfeldherrn uasgeliefert hätten: Er pflanzte Nikanors bleiche, blutige Hand vor dem Tempel auf. Das war seine Art, den besudelten Altar wieder herzustellen: er säuberte ihn nicht, er wusch ihn nicht, er riß ihn ganz nieder und baute ihn neu auf aus unbehauenen Steinen. Und das war seine Art zu Sterken: Umbraust vom tausendstimmigen Leben der Schlacht, berauscht an dem eignen übersch|umenrj§n Kraftgefühl, Aas ihn tief in die zehnfache Übermacht dss Bachides und des Alcimus

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