Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 52 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316457--54128-3347907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nur 3000 Dunam nur in sehr beschränktem Maße möglich sein. Wenn uns weiter Gelder zufließen, werden wir das Areal des ersten Versuchsgutes größer zuschneiden, die Vorteile des Großbetriebes kräftiger ausnützen und selbständigen Siedlern und Genossenschaften von solchen freigebiger Wohn- und Gartenland zur Verfügung stellen können. Aber wir können auch darüber hinaus noch sehr viel Geld produktiv anwenden. Der erwähnte Vorversuch in Um-Djuni hat gezeigt, daß mit sehr geringen Mitteln jüdisches Land in Werte gesetzt werden kann, zunächst auch ohne große Aufwendungen an Gebäuden und dergleichen. Wenn wir die Mittel haben, um solche kleine Genossenschaften mit dem nötigen Inventare auszustatten, zu besolden und auf Nationalfondsland arbeiten zu lassen, so bereiten wir uns das wichtigste Ingrediens jedes neuen Versuches vor; die genossenschaftlich erzogene, an Zusammenhalt, Eintracht und Gemeinarbeit gewöhnte Arbeitergruppe, die der Träger der Organisation sein soll. Aus diesen wichtigen Gründen bitte ich herzlich, die Sammlungen für den Genossenschaftsfonds weiter zu führen. Wir wollen nie aus dem Auge verlieren, daß wir diese Kleinkolonisation nur treiben, um die Kreditbasis für eine umfassende Großkolonisation zu schaffen — und dazu brauchen wir Mittel, um im rechten Momente keine kostbare Zeit zu verlieren. „Chanuka le'athid" Von Dr. O. Thon, Krakau Chanuka der Zukunft . . . Und es wird ein Tag kommen, da der Geist der alten, der ersten Hasmonäer wieder auferstehen wird. Und eine Fahne wird geschwungen werden von einem Manne — nicht von einem Greise — mit fester — nicht zitternder — Hand, und auf der Fahne werden in Flammenschrift die Worte prangen: „Ihr Treuen, kehret heim!" Dann werden sie sich scharen um die helle Fahne, alle, die einen Funken von Treue im Herzen tragen; alle, die durch die schwere Not der Jahrtausende sich ihre Seele nicht haben verkrümmen und verkrüppeln lassen; alle, die trotz der Schmach der Jahrtausende ihre Fähigkeit, den Urgrund der eigenen Seele und die Heimat der Väter zu lieben, sich bewahrt haben; alle, die mitten in der Erniedrigung stolz und frei und mutig sein können; alle, die mitten im düstergrauen und freudlosnebligen Leben noch hoffen können und handeln wollen; alle, die Starken, die Stolzen, die Aufrechten, die Wollenden, die ganze sonnenhelle Auslese des Volkes — werden sie kommen und sich scharen um die flatternde Fahne. Und sie werden bauen an der Heimat und sie wiedererbauen. Und sie wird wieder erstehen, die Heimat, schön und voller Licht und voller Wärme. Der Traum der Jahrtausende wird verwirklicht, die Hoffnung der Jahrtausende wird erfüllt und der Glaube der Jahrtausende wird warmes Leben sein! * Dann wird man schlicht und schön „Chanukath-ha-bajith* — das Fest der Einweihung des neuerbauten Heims feiern. Es werden Freudenlichter angezündet werden. Natürlich, — es wird doch ein Fest des Lichtes sein. Umsomehr, als man sich ja anschicken wird, für Jutigjuda das „Ner-Thamid", das ewige, unverlöschbare, mild und sicher leuchtende Licht anzuzünden. Und beim hellen Strahle dieses Lichtes werden sie mit strahlender Seele dasitzen neben dem blühenden Weinstock und dem Feigenbaum und werden sagend und singend erzählen, wie es einst gewesen. Und einer mit blitzenden Augen wird anheben: „Wißt ihr noch, Freunde, wie wir erst, im Golus, Altchanuka feierten? Ich bin in einem frommen, sehr frommen Hause aufgewachsen. Was irgendwo in alten Schriften geboten oder auch nur empfohlen war, das wurde bei uns gewissenhaft geübt. Also auch Chanuka — als religiöse Zeremonie. Die Lichtlein wurden in vorgeschriebener Zahl angezündet und dazu wurde ein wenig rhytmisches Akrostichon eines Dichters namens Mordechai in recht schläfriger, eintöniger, nicht trabender, nicht triumphierender Melodie mehr gesummt als gesungen. Nein, ein Siegesmarsch war dieses Liedchen nicht! Und der Vater und noch mehr der Großvater wollten uns Kindern die Bedeutung der Chanuka in die Kinderseele prägen. Sie wollten uns etwas Warmes und Liebes erzählen, aber sie wußten nichts. Wohl waren sie im ganzen jüdischen Schrifttum daheim, aber für Chanuka flössen aus diesen sonst reichen Quellen nur spärliche Tropfen. Irgendwo in einer versteckten Ecke fanden sie ein Märchen von einem winzigen Wunder, das in den großen Hasmonäertagen geschehen ist. Wenig Öl reichte für acht Tage. Dieses Wunder erzählten uns nun die Alten. Da es aber nicht tief war, erzählten sie es breit. Wir hörten zu, wurden aber dabei nicht warm. Von Juda Makkabi, dem Helden mit dem funkensprühenden Auge und der eisernen Faust und dem löwenstarken Herzen wußten unsere Väter nicht viel, denn von ihm wird in den offiziell beglaubigten Akten nur wenig erzählt. Und so beflügelten sein Heldentum und sein Glanzsieg nicht, unsere Kinderseele. Man pflanzte eben in unser Gemüt nicht den fruchtbaren Keim von Nationalheldenverehrung. Was war uns Chanuka? Wenig, sehr wenig. Genau so wenig, wie jene Jüngern in Sera oder Pumpeditha, die ihre Lehrer mit beinahe verletzender Kindlichkeit fragten: „Was ist Chanuka?" Im Vaterhause war mir Chanuka etwas Vergangenes, Entlegenes, ohne einen Hauch von gegenwärtigem Leben, ohne einen Strahl in die Zukunft. Ach, es war kalt drüben im Golus am Chanuka! ♦ Und ein Anderer wird sprechen: In meinem Elternhause gab es überhaupt kein Chanuka mehr, auch das laue der Frommen nicht. Ein Chanukalämpchen hatten wir wohl, ein altes Erbstück, ein Museumwunder, aber es war seiner unglückseligen Bestimmung wegen geächtet. Denn unser Haus war assimiliert, d.h.: es war in Dienst bei seinen Dienstboten. Und so ward alles versteckt, was ein zu deutliches Erkennungszeichen hätte werden können. Bloß der Großvater konnte noch manche alte Erinnerung und -Gewohnheit nicht ganz überwinden. Und ihm verzieh man manche Schrulle, umsomehr, als er das Haus damit nicht belästigte, sondern sein bißchen Judentum in einem kleinen Bündel in die Synagoge trug. Dorthin nahm er auch mich, seinen Lieblingsenkel mit. Die Synagoge! Schön war sie, wie ein königlicher Palast, und sie schwamm in einem Meer von Licht und Fluten, ganzen Fluten von Orgeltönen ergossen sich über die versammelte Gemeinde. Vielleicht ist es wirklich wahr, daß etwas im Leben untergegangen sein muß, um in der Kunst zu leben. Je weniger warmes Leben, je weniger hochgestimmtes Zusammengehörigkeitsgefühl sie in sich tragen, desto prachtvollere Paläste bauten sie diesen letzten Resten von Judentum. Das erlebte ich auch damals am Chanuka dort in jener pracht- und glanzvollen Synagoge. Dann erschien auf der Kanzel ein schöner Mann und sprach mit einer prächtigen, volltönenden Stimme. Was der Mann sprach? Es waren feingeschnitzte Worte, sauber gearbeitete Sätze,, aber so fremd, so fern., so kalt, wie die großen Marmorblöcke, die da eingebaut waren. Es war alles so künstlich, — vielleicht auch künstlerisch, was verstand ich denn damals davon? — Aber nichts, was aus einem warmen Herzen hervorquillt. Es war alles so scharf, so geschliffen, kein sprachlicher Verstoß, keine Unebenmäßigkeit.