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Die Welt · 1910-12-30 · 52 (30.12.1910) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
52 (30.12.1910)
Date
1910-12-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DER GENOSSEN! Von Dr. Franz Binnen Jahresfrist sollte der Genossenschaftsfonds zusammengebracht sein — so wollte es der Hamburger Kongreß: das Jahr ist um, und der Fonds ist da! Ist da, und stärker, als ich ihn verlangte. Hunderttausend Francs forderte ich, als das Minimum, mit dem das große Werk zur Not begonnen werden könnte — und wir können heute bereits feststellen, daß über hunderttausend Mark gezeichnet und gesammelt sind. Dieses Ergebnis erfüllt mich mit Freude und Stolz. Nicht etwa, weil ich persönlich mir einen gewissen Anteil daran zuschreiben darf, insofern ich in einer Vortragsreise von drei Monaten fast den letzten Rest einer auch durch meine wissenschaftliche Arbeit erschöpften Kraft auf die Propaganda verwandte, sondern weil sich die jüdische Qemeinbürgschaft wieder einmal in ihrer ganzen Glorie bewährt hat. Ich sage ausdrücklich: die jüdische, und nicht die zionistische Gemeinbürgschaft: denn, wenn auch der Hauptteil der Gelder von Zionisten aufgebracht und die ganze Arbeit der Propaganda von ihnen geleistet worden ist, so sind doch auch nichtzionistische Juden mit stattlichen Summen beteiligt. Das ist mir ein erfreulicher Beweis für meine nun gerade von vielen unserer Freunde so oft bestrittener Auffassung, daß wir Juden nur uneins sind, wenn wir von „Prinzipiis" und „letzten Zielen" sprechen, daß wir aber immer einig sind, wenn es sich um die nächsten Schritte handelt. Wenn der Zionismus sich vorerst auf sein nächstes Ziel beschränken wollte, die Schöpfung eines jüdischen Wirtschafts- und Kulturzentrums in Palästina, wahrlich alle Juden der Welt wären Zionisten, und wir brauchten unsere schwachen Kräfte nicht in Kämpfen und Scharmützeln nach allen möglichen Seiten hin zu zersplittern, sondern könnten eine verhundertfache Kraft auf das eine Ziel konzentrieren, das sich dann verhältnismäßig schnell und leicht erreichen ließe. Und mit ihm wäre doch alles, wenn nicht erreicht, so doch vorbereitet, was vielen von den Unsern heute schon als das nächste Ziel erscheint: der jüdischeNationalgeist, dieResurrektion der hebräischen Sprache, der Neubau einer Kultur auf der Basis jüdischer Religion und jüdischer Tradition! Indem wir all das schon heute, schon für die Länder der Diaspora, auch für Assimilierte und Assimilanten, trotzig und drohend fordern, legen wir der eigentlich rettenden Tat, der wirtschaftlichen Organisation und friedlichen Durchdringung des Landes, selbst die schwersten Hindernisse in den Weg! Uns hangen aber die Eierschalen aus unserer stürmischen Jugendzeit des Charterismus noch gerade so an, wie etwa den Sozialdemokraten aus ihrer Jugendzeit her chiliastische Erwartungen. Und wie sie schrecken wir die „Mitläufer", ab durch Forderungen, die gar keine Forderungen sind, sondern Folgen, die sich ganz von selbst ergeben müssen, wenn die Grundlage erst einmal gelegt ist. Wie eine sozialistische Gesellschaft, wenn überhaupt, nur denkbar ist als „Freibürgerschaft", d. h. als eine sich selbst regierende und verwaltende Gesellschaft freier Menschen, ohne Absolutismus und Klassen- und Pfaffenherrschaft, — so ist der Zionismus, wenn überhaupt nur denkbar als ein nationaljüdisches Gemeinwesen mit hebräischer Sprache und eigenwüchsigjüdischer Kultur! Oppenheimer Indes, die Debatte, die sich an meinen im gleichen Sinne gehaltenen Aufsatz: „Volks- und Stammesbewußtr sein" geknüpft hat, hat mich belehrt, daß es vorläufig noch nicht möglich ist, den immer noch gährenden Most des Zionismus als klaren Wein in die Flaschen eines zunächst rein praktischen Programms einzufüllen. Lassen wir also die letzten Prinzipien bei Seite und freuen wir uns, daß es gelungen ist, alle Schichten unseres Volkes für das praktische Werk zu gewinnen. So zu gewinnen, daß in den kurzen zwölf Monaten die gewaltige Summe eingegangen ist, trotz der ungeheueren Ansprüche, die die Bewegung an die Zionisten, und die wachsende Not unserer östlichen Volksgenossen an die Juden im allgemeinen erhoben hat, — und trotz mancher Unstimmigkeiten in unsern Reihen. Die Begeisterungs- und Opferfähigkeit unseres Stammes hat sich damit wieder, wie schon so oft, auf das herrlichste bewährt. Inzwischen haben sich die Aussichten für das Unternehmen selbst wesentlich gebessert. Meine Vorträge im Lande haben, wie es scheint, die unmittelbar Beteiligten, die jüdischen Landarbeiter Palästinas, dem Plane gewonnen. Sie haben nicht nur den Glauben erhalten an den ernsten und guten Willen der zionistischen Leitung, das Unternehmen genau nach den Versprechungen durchzuführen, sondern sie haben sich auch mit dem Schema selbst befreundet, seit sie begriffen haben, daß jedem von ihnen, wenn alles gut geht, der Weg zur vollen Selbständigkeit als freier unabhängiger Bauer auf unverlierbarer Scholle offen steht, und ferner hat der prächtige Erfolg des ersten, unter nicht allzu günstigen Umständen gemachten Vorversuches in Um-Djuni am Tiberiassee auch den Ungläubigsten Mut gemacht. Von dieser Seite sind kaum noch Schwierigkeiten zu erwarten. Und die technischen Schwierigkeiten der Einführung einer wahrhaft rationellen Ackerwirtschaft werden mit Eifer und Hingabe und unter der Hilfe der Versuchsanstalt zu überwinden sein! Als Träger des Gedankens, als der persönliche Vertrauensmann des jüdischen Volkes in dieser großen und schweren Sache, spreche ich allen Gebern und Mitarbeitern meinen herzlichen und gerührten Dank aus. Ich werde mein möglichstes tun, meine Schuld durch eifervolle Hingabe an das Werk selbst zum Teile abzutragen. Darf ich mit diesem Versprechen eine Bitte verbinden? Weiter sammeln! Was ich in Hamburg forderte, war, wie anfangs gesagt, das Minimum des Notwendigsten. Hunderttausend Francs, das reichte eben hin, um unter nicht allzu ungünstigen Umständen einen auf 3000Dunam angestellten Versuch zum glücklichen Ende zu führen. Und diese Größe des Versuchsgutes darf nicht unterschritten werden, wenn nicht der eine große Vorteil des Planes, der Großbetrieb illusorisch werden soll. Die Aussichten, auf 5—6000 Dunam zum schnellen Erfolge zu kommen, sind jedenfalls größer.- Dazu kommt, daß, um aus der Arbeiter-Produktivgenossenschaft die Siedlungsgenossenschaft zu entwickeln, die Abgabe von Land erforderlich werden wird, um Handwerker, Gärtner usw. anzusetzen. Das wird aber bei einem Gesamtareal von

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