Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Zuzählung zu fremden Nationen, wobei dieses Unrecht gefördert wird durch die Unterdrückung der von 900 000 Juden Österreichs gesprochenen jüdischen Sprache. Die Versammlung erhebt Einspruch gegen eine Zählungsmethode, die wissenschaftlicher Kritik nicht standhalten m kann und geeignet ist, den Kampf des jüdischen Volkes in Österreich um seine nationale Gleichberechtigung zu hemmen; sie verlangt die Ersetzung der Rubrik „Umgangssprache" durch die Fragen „Muttersprache" und „Volksstamm" (Nationalität). Die Versammlung fordert die jüdische Studentenschaft auf, bei der Zählung am 31. Dez. d. J. dafür einzutreten, daß alle österreichischen Juden, in erster Linie die Galiziens und der Bukowina, die sich in jüdischer Sprache verständigen können, die Rubrik „Umgangssprache" mit „Jüdisch" ausfüllen. Die Juden aber, die Jüdisch weder sprechen noch verstehen, mögen zum Zeichen des Protestes gegen die Umgangssprachen-Rubrik die Rubrik mit „nicht landesüblich" ausfüllen. Die Resolution fordert schließlich zu Kundgebungen für die Beseitigung der Rubrik „Umgangssprache" auf, die an die Regierung und an das Parlament zu richten sind. Die Obmänner der zionistischen und jüdischen akademischen Korporationen Wiens hielten am 29. d. M. eine Sitzung ab, um über die Durchführung der obigen Resolution zu beraten. Eine Abordnung der Konferenz sprach hierauf im Reichsratsgebäude bei den Mitgliedern des „Jüdischen Klubs" vor, um die Ansichten der Abgeordneten über die Volkszählungsaktion anzuhören. Abg. Stan'd erklärte, daß am U.d.M. die Reichsexekutiv e der Jüdischen Nationalpartei zu einer Sitzung in Wien zusammentreten werde. Sie wird auch die Volkszählungsfrage erörtern und die Vertreter der jüdischen Studentenschaft zu diesen Beratungen heranziehen. Zu erwähnen wäre noch, daß in der Obmännerkonferenz gegen die Ausfüllung der Sprachenrubrik mit „n icht la ndesü blich" vielfache Bedenken geäußert wurden. Die Beschlußfassung wurde mit Rücksicht auf die bevorstehende Beratung der jüdischnationalen Reichsexekutive vertagt. Rußland Tolmatschow, der Wohltäter Der Selbstherrscher Odessas und Schutzengel des Verbandes des russischen Volkes, General Tolmatschow, veranstaltete dieser Tage zugunsten der Odessaer Studentengruppe dieses Verbandes eine wohltätige Lotterie, die einen Reinertrag von rund 20 000 Rbl. ergab. Die Billetts wurden von der Polizei fast ausschließlich unter der jüdischen Bevölkerung „abgesetzt". Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Juden nicht gerade aus besonderer Vorliebe für die studentische Antisemitenorganisation die hübsche Summe beigetragen haben. . . . Zu gleicher Zeit ging man in jüdischen Kreisen damit um, einen wohltätigen Abend zugunsten der jüdischen Trödler zu veranstalten, die durch den übereifrigen Kampf Tolmatschows gegen die Pest um ihr kärgliches Brot gebracht worden sind. Da griff aber Tolmatschow ein und verbot die Veranstaltung des Abends wie überhaupt jede Sammlung zugunsten der ruinierten Trödler. Die Sachwalter des jüdischen Volkes in Polen Die „Polen mosaischer Konfession" haben sich wieder einmal durch knechtische Gesinnung und niederträchtige Handlungsweise ihren „Glaubensgenossen" gegenüber ausgezeichnet. Nachdem Herr Dr. Nußbaum erst vor kurzem sich bemüßigt gesehen hat, gegen die russische freisinnige Presse aus Anlaß der Stellungnahme derselben zugunsten der Juden in der Frage der kommunalen Vertretung der Juden in Polen einen geharnischten Protest zu veröffentlichen und die russischen Publizisten barsch zurechtzuweisen, daß sie sich in den internen „Familienstreit" zwischen jüdischen und christlichen Polen eingemischt hätten, — sind nun andere zwei Führer in Israel, die Herren Natansohn und Dickstein, in der Verteidigung der polnischen Ehre einen Schritt weiter gegangen. Diese Herren begaben sich nämlich im Auftrage ihrer assimilatorischen Gesinnungsgenossen eigens nach Petersburg. Hier hatten sie eine Konferenz mit den polnischen Dumaabgeordneten, wo sie in aller Form erklärten, daß die Rechtseinschränkung der Juden in der kommunalen Selbstverwaltung durch die kulturelle Minderwertigkeit der polnischen Juden begründet sei. Durch diese Erklärung sollte der Agitation der jüdischen „Nationalisten" gegen die neue Entrechtung ihres Volkes das Wasser abgeleitet werden. . . . Türkei Der Großwesir über die nationale Erziehung Vor einigen Tagen fielen vor dem Senat hochwichtige Äußerungen über die Frage des öffentlichen Unterrichts in der Türkei. Die Versammlung der türkischen Peers hatte in dem Entwurf ihrer Antwort auf die Thronrede inmitten entschiedener Angriffe auf die Politik der Regierung, da, wo die Erziehungsfrage zur Erörterung kam, von der Staatsexekutive die strikte Durchführung einer für alle Elemente uniformen Erziehung verlangt. In seiner Antwort trat der Großwesir Hakki Pascha sehr energisch dieser Forderung entgegen. Er bezeichnete eine solche uniforme Erziehung, besonders was den Elementarunterricht betreffe, als eine absolute Unmöglichkeit im türkischen Staate, gegen die nicht aufzukommen sei. Die alten Privilegien und das Bewußtsein der Völker ständen dem im Wege. Die Regierung könne also ein solches Mandat nicht übernehmen. Wenn diese Prinzipien herrschend bleiben, so kann man sich über das Schicksalder verschiedenen nationalen Schulwesen in der Türkei beruhigen. Es ist nicht überflüssig hervorzuheben, daß der vom Großwesir hier vertretene Standpunkt vollkommen mit den in der Proklamation des Saloniker Jungtürkenkongresses entwickelten Staatsprinzipien in Einklang steht. Dr. Nasim Bej und die hebräische Sprache Rabbi Jakob Meir und Dr. Nasim Bej, der Sekretär des Komitees „Union et Progres '•, haben sich gegenseitig Besuche abgestattet, und bei dieser Gelegenheit kam es zwischen ihnen über die hebräische Sprache zu einem Meinungsaustausch. Dr. Nasim Bej erklärte, daß man mit größter Bereitwilligkeit den Unterricht der hebräischen Sprache an den Staatsschulen einführen würde, vorausgesetzt nur, daß die Gemeinden bereit wären, die Kosten der Honorare für die Lehrer aufzubringen. Einem andern jüdischen Besucher gegenüber äußerte Dr. Nasim Bej sein großes Befremden, daß die türkischen Juden^noch immer das Spaniolische reden, die Sprache des Landes, das sie vertrieben habe. Er erkenne zwar an, daß diese Mundart in Abnahme begriffen sei; leider aber nehme das Französische den freigewordenen Raum ein. Er würde es viel mehr begrüßen, das Hebräische, das ihre nationale Sprache sei, unter den Juden sich verbreiten zu sehen, als das Französische. Palästina Jerusalemer Lehrer in Buchara Die Juden der Buchara, die seit mehreren Jahren mit Vorliebe nach Jerusalem einwandern und dort eines der schönsten jüdischen Stadtviertel besitzen, haben in der letzten Zeit mehrere sephardische Chachamim von Jerusalem nach der Buchara kommen lassen, damit sie bei ihnen als Rabbiner und Lehrer wirken. Diese Einrichtung wird gewiß zur Verstärkung der Palästinaliebe unter der bucharischen Judenheit beitragen. Es wäre zu wünschen, daß die Verbreitung jüdischen Wissens durch palästinensische Lehrkräfte auch in andern Ländern Eingang fände." Vom hebräischen Gymnasium in Jaffa Am 31. Oktober 1. J. fand im hebräischen Gymnasium anläßlich der Eröffnung des neuen Gebäudes, das bekanntlich ein Geschenk des Herrn Jakob Moser ist, ein Schülerfest statt. Die große Aula des Gymnasiums war überfüllt, da nicht nur die Schüler und Schülerinnen, sondern auch deren Eltern und Verwandte gekommen waren, der Feier beizuwohnen. Zuerst sprach der Direktor Herr Dr. Bogratschoff über die Bedeutung, die dem neuen Prachtbau in der Entwicklung der Schule zukommt; er würdigte hierbei nach Verdienst den edlen Spender. Dann gedachte Herr Dr. Mossinsohn in warmen, von Herzen kommenden Worten des schmerzlichen Verlustes, 'der die hebräische Literatur und das jüdische Volk vor wenigen Tagen betroffen hatte, des Todes A. Lewinskys; seine Rede machte auf die Schüler sowie auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck. Hierauf sangen einige Schülerinnen im Chor hebräische Lieder; zuletzt führte man ein historisches Drama „Bar Kochba" auf; die Aufführung kann als sehr gelungen bezeichnet werden. Nachher blieben die Schüler noch bis in die späten Abendstunden in den Räumen des Gymnasiums und vergnügten sich daselbst auf mannigfache Weise. Es herrschte eine überaus fröhliche Stimmung; die Schüler waren von dem Verlauf