Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 50 - DJEÜ Israel zuwandte, die Forderung aufstellte, daß die Juden die Erforschung ihres Stamm- und Zukunftslandes als ihre Ehrenpflicht ansehen sollten. Er war bewußter Nationaljude und Zionist, wenn er auch in der Methode von uns abwich und sich deshalb nicht offiziell der Partei anschloß, ja einige Jahre hindurch zum Teil ihr schroff gegenüber stand. Freilich hatte er für den ersten Kongreß ursprünglich das Palästinareferat übernommen, und erst die Differenz über die einzuschlagende Politik hatte ihn aus der in der Gründung befindlichen Organisation hinausgeführt, derer selbst in den Zeiten ernster Gegnerschaft das Interesse bewahrte, das ihn trotz allem stets als Parteizugehörigen erscheinen ließ. Aber neben seiner Zionsliebe, die er Dr. Hirsch Hildesheimer stets betätigte, hatte er Zeit, große Arbeiten zur Verteidigung der Rechte und der Würde der Juden auszuführen und in der gesamten Judenpolitik ein gewichtiges Wort zu sprechen. Daß der von ihm mitbegründete Hilfsverein der deutschen Juden entgegen den Befürchtungen bei seiner Gründung so eminent jüdisch wurde und Hand in Hand mit uns arbeiten kann, war in erster Linie das Werk Hirsch Hildesheimers. Er war ein aufrichtiger Freund seiner Freunde, ein Mann mit weichem Herzen und ohne Falsch, ein Mann, dessen Oberschwang in Worten oft bespöttelt wurde, bei dem aber dieser Reichtum an großen Worten einem unerschöpflichen Schatz an großen Gefühlen entsprach. Unermüdlich war er in Liebe für sein Volk, für die jüdische Wissenschaft, für die Erhaltung jüdischer Sitte und jüdischer Geisteswelt tätig, und wenn er selbst kein organisiertes Mitglied unserer Bewegung mehr geworden ist, so .war es seine größte Freude, daß alle seine Kinder mit Recht aus der von ihm empfangenen Erziehung und dem väterlichen Vorbilde den selbstverständlichen Schluß zogen, eifrige, tätige und wertvolle Mitglieder des Zionismus zu sein, dessen Fortschritte auch er in Liebe begleitete. Hirsch Hildesheimer war streng fromm für seine Person und ebenso duldsam gegen jeden andern. Er war Jude durch und durch und betätigte sein weiches jüdisches Herz in einer Mildtätigkeit und Hilfsbereitschaft, die ihm diejenigen erst einmal im Kitinsten EELT 132! nachmachen mögen, die es für nötig erachten, ihn jetzt, wo er schweigt, anzugreifen. Das Judentum hat viel, sehr viel an ihm verloren, die darbende Menschheit nicht weniger. Zwei Tote an einem Tage, zwei solche Tote, das ist ein schwerer Verlust, den das jüdische Volk, den die zionistische Partei erlitten. Aber wenn das Andenken der Gerechten zum Segen gereicht, wenn aufrechte und tapfere Männer in ihren Werken fortleben, so trifft das auf die beiden Toten zu, die wir als Mitkämpfer betrauern, daß sie derartige Werke geschaffen haben, die in ihrem Sinne fortwirken für die Erhaltung des Judentums und die Neubelebung der zerstreuten Gebeine unseres Volkes zu einem lebendigen Organismus. Wir ehren das Andenken der Toten, wenn wir sie in ihren Werken durch deren Fortführung leben lassen. Ham-mabit. Die Beerdigung des verstorbenen Dr. Hirsch Hildesheimer fand Mittwoch den 7. Dezember auf dem Friedhofe der Gemeinde Adass Jisroel in Weißensee statt. Die Leichenhalle konnte bei weitem die Zahl der Erschienenen nicht fassen. Man bemerkte die Vertreter fast aller gemeinnützigen jüdischen Vereine. So war der Hilfsverein der deutschen Juden, der Verband der deutschen Juden, das Zentralkomitee des Esra durch Delegationen vertreten. Für das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Djutschland waren Rechtsanwalt Dr. Hantke und Gronemann, für den Misrachi der Vorsitzende Dr. Rudolf Leszynsky erscheinen. Ebenso ließ sich Herr David Wolffsöhn persönlich vertreten. Im Namen des Neuen Jüdischen Gemeindevereins erschien Herr Dr. Klee. Eine kurze Trauerfeier der Familie war bereits im Trauerhause vorangegangen. Herr Rabbiner Dr. Esra Münk ergriff als erster das Wort zu einer ergreifenden Trauerrede. Im Namen des Rabbinerseminars sprachen Direktor Dr. Hoff mann, das Mitglied des Kuratoriums Hermann Gumpertz-Hamburg und Oberlehrer Dr. Josef Carlebach als Schüler. Justi^rat Timendorfer sprach für den Hilfsverein der deutschen Juden, Dr. Elbogen für den Verband der Geschichtsvereine und Bondi-Frankfurt a. M. für die Frankfurter Israelitische Religionsgesellschaft und die Freie Vereinigung für das orthodoxe Judentum. Zum Schluß sprach Herr Yellin aus Jerusalem hebräisch im Namen aller Palästinaorganisationen und rühmte die unermüdliche Arbeit des Verstorbenen für die Förderung der palästinensischen Institutionen. Die zionistischen Verwandten und Freunde des verewigten Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer richten an die zahlreichen Verehrer des Verstorbenen die Bitte, die Pflanzung des auf seinen Namen begonnenen Ölbaumgartens zu fördern. Wie Dr. Hildesheimer unser gesamtes Palästinawerk mit dem liebevollsten Interesse verfolgte, so war die Begründung seines Gartens eine große Freude für ihn, der er bei jedem neu gespendeten Baume wieder Ausdruck gab. Wir bitten, Beiträge für diesen Zweck an Herrn Lazarus Barth, Berlin, Metzerstr. 1, zu adressieren. Ausweis erfolgt in der „Jüdischen Rundschau". S. P. Rabbinowitz Ein Gedenkblatt Von Ben=Koheleth So ist auch er nun gestorben, er, der scheinbar gar nicht sterben konnte. Denn in ihm war unerschöpfliche Lebenskraft aufgespeichert, er erschien wie eine Verkörperung der rastlosen Lebensenergie. Tatendrang, Lebenslust war die Eigenart seines Wesens, und zwar war es nicht die freie, heitere Lebenslust, wie wir sie an dem vor kurzem dahingegangenen L e w i n s k y bewunderten, vielmehr war es die Lebenslust des Golusjuden, jener verbitterte, verschlossene, verzweifelte Hang am Leben, der nicht * heitere Ruhe und abgeklärte Seelenharmonie verleiht, sondern zu trotzigem Ringen mit dem Schicksal und den feindlichen Mächten i, der Welt treibt. Und gekämpft hat auch S. P. Rabbinowitz sein Leben lang mit der Ungunst des Schicksals. Zuerst ein paar Worte über seinen Lebenslauf. Im Jahre 1845 zu Schnippischok (einer Vorstadt von Wilna) als Sprößling einer