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Die Welt · 1910-12-16 · 50 (16.12.1910) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
50 (16.12.1910)
Date
1910-12-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Familie von Rabbinern und Gelehrten geboren, erhielt der junge*1 Knabe die traditionelle rabbinische Erziehung, wie sie im Osten üblich ist. Er besuchte das Cheder und die Jeschibah, wo er als Jluj galt, und erwarb sich so eine tiefe und gründliche Kenntnis der alten hebräischen Literatur, die später dem Historiker von großem Werte war. Er heiratete jung und wandte sich dann, gleich vielen andern jüdischen Jünglingen seiner Zeit von einem mächtigen Drange nach Bildung und Wissen getrieben, den profanen Wissenschaften zu, um sich für das Universitätsstudium vorzubereiten. Er tat es gemeinsam mit einem Jugendfreunde, der später gleich ihm als großer Gelehrter und begeisterter Jude bekannt werden sollte; es war dies Prof, Schapiro, der Gründer ■ des Nationalfonds. Sein Wunsch kam jedoch nicht zur Erfüllung; auf die Bitten seiner Familie hin entschloß er sich, in Rußland zu l bleiben. Mit dem Plane Rabbiner zu werden, war es jedoch aus; in ihm wogte ein unbezähmbarer Lebensdrang, nach Taten trieb es ihn, und so siedelte er denn nach der Metropole jüdischen Lebens über, nach Warschau. Damit schließt die Periode seiner „Lehrjahre"; er tritt in die Zeit seiner öffentlichen Tätigkeit ein. Die Bedeutung S. P. Rabbinowitz für die jüdische Gesamtheit , erstreckt sich nacrh zwei Seiten hin; auf der einen steht.der Mann der Feder, auf der andern wirkt der Mann der Tat. Was seine schriftstellerische Tätigkeit anbelangt, so sei vor allem seine/ Bedeutung als Publizist gedacht Ich erwähne sie zuerst, weil der Publizist Rabbinowitz gegenüber dem Gelehrten und Agitator weit zurücksteht. Ihm fehlte zum Journalisten das "Leichte und Schwungvolle, die Gewandtheit und Volkstümlichkeit des Stils, wenn ihn auch auf der andern Seite eine scharfe, durchdringende Logik auszeichnete. Er hat an fast allen hebräischen und russisch-jüdischen Zeitungen publizistisch mitgearbeitet, in erster Linie an der „Hazefirah", deren Hauptmitarbeiter er in den ersten Jahren ihres Bestehens war. Was er da geleistet hat, war naturgemäß nur von ephemerer Bedeutung; um so größer und unvergänglicher sind seine Verdienste auf dem Gebiete der jüdischen Geschichtswissenschaft, zu deren hervorragendsten Vertretern er zählte. Seine größte Leistung auf diesem Gebiete war die hebräische Übersetzung des großen Geschichtswerkes von Grätz. Durch diese Übersetzung wurde S. P. Rabbinowitz zum Lehrmeister der jüdischen Geschichte für eine ganze Generation seines Volkes, ein Verdienst, das ihm nicht hoch genug angerechnet werden kann, und das ihm schon allein einen bleibenden Platz in der Erinnerung unseres Volkes gesichert hätte. Denn bei Männern, die Lehrer und Erzieher ihres Volkes sind, kommt es nicht so sehr auf ihre Taten selbst an als auf die Wirkung ihrer Taten. Mendelssohn wurde durch seine Bibelübersetzung zum Lehrmeister der deutschen Juden in der deutschen Kultur und zum Initiator der Assimilation. S. P. Rabbinowitz wurde durch seine Grätz-Übersetzung zum Lehrmeister der russischen Juden in der jüdischen Geschichte und dadurch indirekt zum Bahnbrecher der nationalen Bewegung. Außer dieser seiner vornehmsten wissenschaftlichen Leistung hat S. P. Rabbinowitz noch eine Anzahl selbständiger historischer Werke verfaßt, neben einer großen Menge von kleinen wissenschaftlichen Abhandlungen und Aufsätzen. Seine Schriften zeichnen sich vor allem durch tiefgründiges Wissen und logische Schärfe aus. Durch seine Biographien machte er die Begründer und Meister der in Deutschland entstandenen Wissenschaft des Judentums erst den russischen Juden bekannt und regte sie so indirekt zu selbständigem Schaffen und Mitarbeiten auf diesem in der hebräischen t Literatur jener Zeit arg vernachlässigten Gebiete an. Faßt man das Urteil über S. P. Rabbinowitz als jüdischen Historiker zusammen, j so wird man in ihm wohl keinen durchaus originellen Denker und i bahnbrechenden Forscher erblicken dürfen, dafür aber einen gründlichen, mit scharfem Blick und sicherem Verständnis begabten modernen Gelehrten in ihm verehren müssen, der schonallein durch die Erschließung der gesamten jüdischen Geschichte für die russischen Juden sich ein bleibendes, nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst erworben hat. Ich sagte, S. P. Rabbinowitz sei ein moderner Gelehrter gewesen. Und doch würde der sehr irren, der sich ihn etwa als eineiig deutschen Professor, nach Rußland versetzt, vorstellte, als einen Stubengelehrten, den das öffentliche Leben nicht kümmert und der über seine Folianten gebeugt den Kämpfen und Bestrebungen seiner Zeit kühl und fremd gegenübersteht. S. P. Rabbinowitz war der Gegensatz dieses modernen Gelehrtentypus. So sehr er seine Wissenschaft liebte, höher stand, ihm sein Volk. Ihm war die wissenschaftliche Arbeit nur Mittel zur Förderung des Volkes, und so nur eine Manifestation seines Wesens, eine Betätigungsart seiner Kraft. Und was er als Mann der Feder begonnen, wollte er als Mann der Tat vollenden. Verbreitung der Kenntnis unserer Geschichte, dadurch aber Verbreitung und Vertiefung der nationalen Idee war der Zweck seiner wissenschaftlichen Arbeit; Propagierung und Umsetzung dieser nationalen Idee in die Wirklichkeit war das Ziel seiner Betätigung als Chowew-Zion. Unermüdlich, mit Aufbietung der ganzen Kraft, die ihm eigen war, arbeitete er für den Gedanken der Kolonisation Palästinas. Er gehörte zu den Einberufern der denkwürdigen Kattowitzer Konferenz. Gemeinsam mit Rabbi Samuel Mohilewer begab er sich zu BaronEdmund Rothschild, um ihn für die Kolonisation Palästinas zu gewinnen. Er stand in Verbindung mit Moses Montefiore, dessen Bildnis er zum Besten der Chowewe-Zion unter den russischen Juden in vielen tausend Exemplaren verbreitete. Einige Jahre hindurch war er Generalsekretär der Chowewe-Zion, und als Herzl seinen machtvollen Ruf in die Welt sandte, schloß er sich mit Begeisterung als einer der ersten der zionistischen Bewegung an. Er besuchte fast alle Kongresse und noch zuletzt, als im vorigen Jahre in Berlin die Konferenz zur Gründung der Organisation für hebräische Sprache und Kultur abgehalten wurde, gehörte S. P. Rabbinowitz zu ihren Teilnehmern. So war sein ganzes Leben ein ununterbrochenes Schaffen zum Wohle seines Volkes, das er mit der ganzen Glut seiner leidenschaftlichen Seele liebte. Neben der rastlosen Energie war die Liebe zu seinem Volke der vorherrschende Zug seines Wesens und Schaffens. Und so viel er auch arbeitete, für sich sorgte er nie. Selten war ein Mensch so anspruchslos wie S. P. Rabbinowitz. Er war für sein Volk tätig, sorgte unermüdlich für seine Familie, suchte stets seinen Freunden zu helfen, und darüber vergaß er sich selbst. Und was er für sich selbst nicht erreicht hatte, das Schicksal hat es ihm nicht gegeben. Er hat kein sorgenfreies, ruhiges Leben führen können. Neben seinem rastlosen hehren Kampf für seine Ideals mußte er noch stets den aufreibenden, qualvollen und demütigenden Kampf um seine Existenz führen, einen Kampf, der ihn schließlich gebrochen hat. Selbst in seinen letzten Lebensjahren, wo er, der allezeit rastlos Tätige, wahrlich Anspruch auf ein ruhiges und sorgenfreies Dasein hatte, mußte er schwer um seinen Erwerb kämpfen. In dem Pogrom jähre 1905 mußte er Rußland verlassen und zog nach Frankfurt a. M., nach einer Stadt, die ihn nicht in dem Maße zu ehren und zu schätzen wußte, wie er es verdient hat. Hier begann er ein neues Werk „Die Geschichte der Juden Rußlands im 19. Jahrhundert"; er hatte einen Teil bereits fertiggestellt, die Vorarbeiten waren zu Ende gediehen, da nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand. Wäre ihm der Kampf um seine Existenz erspart geblieben, er hätte mit seiner gewaltigen Lebenskraft vielleicht noch lange leben und noch manches leisten können, anstatt seine ganze Kraft in dem häßlichen Alltagskampf nutzlos zu verzehren. So aber starb er frühzeitig, fern von seinem Geburtslande, ungekannt und ungeehrt, — ein Einsamer. Ein tragisches Schicksal beschloß das Leben S. P. Rabbinowitz. Um so höher müssen wir das Andenken dieses ausgezeichneten Mannes schätzen, der für die jüdische Gesamtheit kämpfte und für sich selbst nichts erwarb, der für uns alle sorgte und selbst

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