Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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verlauf und ihren Ausgang auf das stärkste unterschieden haben, sondern daß sie auch theoretisch geradezu sozialpsychologische Antipoden sind. Ich wiederhole, daß bereits jeder Versuch einer ausreichenden Gewinnbeteiligung die Rentabilität des Betriebs überaus stark gesteigert hat; und ferner, daß alle Versuche der gemeinnützigen Siedlung um so erstaunlicher geglückt sind, je reiner sie das liberale Prinzip der Assoziation verkörpern, die Selbstverwaltung und die Verteilung des Ertrages nach der Leistung; während alle kollektivistisch-kommunistischen Versuche von dem Augenblick an in immer wachsende Schwierigkeiten gerieten, wo der zu teilende Reingewinn das Existenzminimum überschritt; denn von da an empörte sich regelmäßig die einzige Triebfeder alles ökonomischen Handelns freier Menschen, das Selbstinteresse, gegen die Zumutung, den Schwachen, Dummen und Trägen ebenso hoch zu beteiligen, wie den Starken, Klugen und Fleißigen. Wenn Herr Professor Lob die früheren Erfahrungen der Ica, Rothschilds usw. gegen mich geltend macht, so übersieht er eben zwei Kleinigkeiten: 1. daß ich einen Großbetrieb plane und nicht zersplitterte Bau ernsteilen, die in die Hände von völlig unerzogenen, physisch und technisch der Aufgabe nicht gewachsenen Personen gelegt worden sind; und 2. daß meine Arbeiter von Anfang an eine Gewinnbeteiligung von solcher Höhe erhalten sollen, daß sie der vollen Gewinnverteilung der Genossenschaft sehr nahe kommt. Hier ist also beides vermieden, was jene Unternehmungen zum Scheitern gebracht hat, die technische Unzulänglichkeit und die ökonomische Uninteressiertheit. Hier wird jeder Arbeiter von Anfang an nur solche Aufgaben zu erfüllen haben, denen er gewachsen ist, während die Disposition des Betriebes einer geschulten Kraft zufällt; und hier wird jeder Arbeiter von vornherein die volle Kraft und Sorgfalt einsetzen, deren er fähig ist. Was das aber zu bedeuten hat, dafür liegt im Augenblick eine Erfahrung vor, die mein Vertrauen zu dem Erfolg meiner Pläne in Palästina ungeheuer verstärkt; die kleine Arbeiterkolonie in Um-Djuni am Jordan hat im ersten Jahre einen Reingewinn erwirtschaftet, der sich auf etwa 50% ihres Lohnes belaufen dürfte. Und dabei handelt es sich um das erste Jahr eines Betriebes, der erst während dieses Jahres überhaupt eingerichtet wurde und der nicht viel mehr als einen etwas größern Bauernbetrieb darstellt, sowohl dem Umfang als auch der angewandten landwirtschaftlichen Technik nach. Wenn unter so ungünstigen Umständen ein so prachtvoller Erfolg erzielt wrerden konnte, so wird die mit reichlichem Kapital ausgestattete, als Großbetrieb organisierte, intelligent geleitete Siedlungsgenossenschaft, die ihren Arbeitern nicht 50, sondern 75°/o des Gewinnes zuführen will, mit noch ganz anderm Erfolge rechnen dürfen. Noch ein Wort: Die Siedlungsgenossenschaft in Palästina wird Schwierigkeiten genug zu überwinden haben, die in der Beschaffenheit des Menschenmaterials, in der Lage der Landwirtschaft und den daraus sich ergebenden technischen Problemen liegen, aber an sozialpsychologischen Schwierigkeiten wird sie sicherlich nicht scheitern. Denn sie baut auf nichts anderm auf als auf dem legitimen Selbstinteresse freier Männer, die sich ihre eigne Verwaltung geben. Die Berichte der Alliance Isr. Univ. und der Ica Die Berichte der Alliance Isr. Univ. und der „Ica" für das Jahr 1909 sind vor kurzem erschienen und liefern in großer Ausführlichkeit (der Icabericht umfaßt mehr als 300 Seiten) ein lehrreiches Material für den Statistiker wie den Sozialpolitiken Wir sehen, wie diese beiden kapitalkräftigen und einflußreichen Organisationen eine großangelegte Tätigkeit auf moralischem und wirtschaftlichem Gebiet ausüben, Schäden bessern, Gefallene aufrichten, Strauchelnde stützen. Wie sie versuchen, dem geistigen und körperlichen Elend der leidenden jüdischen Massen zu steuern, — und dabei doch so ohnmächtig der größten Volksnot gegenüberstehn. Wenn man bewundernd gelesen hat, was alles begonnen, ausgebaut und vollendet wurde, so schließt man die Lektüre mit dem traurigen Gefühl, daß diese unendliche Arbeit und Mühe etwa so erfolgreich ist wie das Unternehmen, mit einer Gießkanne das Höllenfeuerauslöschen zu wollen. Trotz mancher oft erwähnter Bedenken können wir der Tätigkeit der Alliance freudiger Beifall zollen, als jener der Ica. Sind wir auch in einzelnen Punkten mit der Art der Arbeit nicht einverstanden, so müssen wir doch anerkennen, daß nach einem durchdachten System gehandelt und deshalb mit den vorhandenen Mitteln viel Gutes geschaffen wird. Der Bericht bespricht zunächst die Lage der Juden in Rußland und Rumänien und geht dann zur Türkei über. Nach dem Yemen ist eine Expedition entsandt worden, die Herr Yomtob Semach führte und die Interessantes über das Leben eines bisher fast unbekannten Teiles unseres Volkes berichtet. Am 14. Februar 1910 traf Semach in Hoeida ein, und nach gefahrvoller Reise am 23. Februar 1910 in der Hauptstadt des Yemen, Sanaa, wo er aus dem Munde der Vertreter der Gemeinde die traurigen Worte hörte: „Wir wissen nichts, wir kennen nichts, wir sind wie die Wilden und wollen Menschen werden. Wir haben so viel geschrieben, gebeten und geweint, man hat bis heute unsere Stimme nicht gehört. Endlich wird Gott mit uns Mitleid haben." Dabei findet Semach diese Verlassenen intelligent, trotz vieler Jahrhunderte des mangelnden Unterrichts und der Unterdrückung. Selbstachtung und Eigenliebe freilich fehlen dem Yemeniten gänzlich. Ein arabisches Kind wirft auf ihn Steine, und er flieht schnell davon. — Die Alliance beschloß die Einrichtung einer Schule nnd eines öffentlichen Gartens in Sanaa. Das Schulwerk der Alliance hat auch sonst im vergangenen Jahre weite Ausdehnung gewonnen. Sie unterhält gegenwärtig 149 Schulen mit 41 000 Schülern und steuert zu den Kosten eine Million frei bei, während eine weitere Million von den beteiligten Gemeinden aufgebracht wird. Infolge der Verfassungsänderungen in der Türkei hat die Alliance erhöhtes Gewicht auf die Pflege der türkischen Sprache gelegt. Daß sie das gleiche mit der hebräischen täte, — wie so oft verlangt worden, — ist nicht ersichtlich. Natürlich fehlt es nicht an Ausfällen gegen den Zionismus. Herr Leven hat sogar dem türkischen Deputierten Riza Tefvik Bey versichert, daß die Alliance „den Zionismus nicht ermutige", eine Bemerkung, die in ihrer Naivität (10 Millionen Frcs. verglichen mit rund 250 000 Menschen bedeuten doch kein Übergewicht zugunsten der Franken 1) nicht verfehlen wird, manches Lächeln zu erwecken. Der Bericht der Ica bringt eine Menge interessanter Daten, von denen wir einige wiedergeben wollen. Die argentinische Kolonisation hat trotz großer Dürre und Heuschreckenplage nicht unerhebliche Fortschritte gemacht. Im letzten Jahre wurden 297 neue Kolonisten angesiedelt, so daß die Zahl der Bauern und ihrer Angehörigen jetzt 19 361 Seelen ausmacht; außerdem leben auf dem Kolonisationsgebiet noch 5964 nicht dem Bauernstande angehörige Personen. Der gesamte Grundbesitz der Ica beträgt 517130 ha, ist also sehr beträchtlich. Die Lage der Kolonisten verbessert sich ständig; sie konnten große 2.