Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1318 DIE3§KELT No. 50 auch wenn man sich mit statistischen Zahlen nicht befreunden kann, daraus schließen, da(3 in einigen Städten die Genossenschaftsläden geradezu die Läden der Oberklasse darstellen. Dr. Oppenheimer macht nicht den Vorschlag, mit der Landwirtschaft zu schließen, sondern mit ihr zu beginnen. Sie ist das Rückgrat jedes sich selbst versorgenden Gemeinwesens. Zwischen den Landwirten werden sich unzweifelhaft städtische Elemente ansiedeln. Sie werden aus natürlichen Gründen kommen müssen, um dringende wirtschaftliche Bedürfnisse der landwirtschaftlichen Siedler zu befriedigen, und die Vereinigung ländlicher und städtischer Elemente bildet den anziehendsten Charakterzug der von Oppenheimer projektierten Gemeinschaftsbildung. Sein Gedankengang scheint durchaus gesund und praktisch zu sein, und man kann wirklich nicht einsehen, warum Menschen, wenn sie wollen, nicht gerade das tun sollten, was Oppenheimer sagt, daß sie tun werden. Der kommunistische Zug des Planes ist die vorgeschlagene Art der Landpachtung. Das absolute Eigentum, mit dem Rechte zu verkaufen, bleibt ausgeschlossen. Die Genossenschaft bleibt der einzige Grundeigentümer, und jeder Siedler ist Pächter der Genossenschaft. Aber unter einer Form der Pacht, die ihm alle Rechte und Vorteile des Privateigentums sichert, mit einziger Ausnahme des Rechtes, das Land zu verkaufen. Mit andern Wörtern: Niemand wird durch Landverkauf Profit machen können. Der Bauer mag seinen Anteil mit der absoluten Sicherheit bebauen, daß seine Ernten sein bleiben, und daß er sitzen bleiben wird, solange er will. Das Land wird sein volles Eigentum sein mit jener einzigen Ausnahme, daß er nicht verkaufen kann. Nur dieses Recht wird ihm durch die Form des Pachtvertrages entzogen, so daß sozusagen zwischen Individuen niemals ein Landwert entstehen kann, daß der Zuwachs des Landwertes niemals von einzelnen Personen usurpiert werden kann, die sich als Spezialisten für diese Form der Reichtumsanhäufung etablieren. Die Form der Pacht und die Art der Ansiedlung, die Dr. Oppenheimer vorschlägt, erinnert stark an die Vorschläge von Henry George, nur daß weder von der Single tax (einzige Steuer) noch von der mystischen Doktrin der ökonomischen Bodenrente die Rede ist. Die in Wahrheit gesunde Lehre vom Eigentum der Gemeinde oder des Staates über das Land bei vollkommener Sicherung des Einzelbesitzes und der Einzelnutzung wird durch Dr. Oppenheimer ohne unnötige Erschwerungen dargeboten. Vom ökonomischen Standpunkt scheinen Dr. Oppenheimers Ideen gesund und ausführbar, vom zionistischen Standpunkt sind sie zum Teil bewundernswert. Zunächst löst der Plan das Problem, das zwischen den Zionisten eine Quelle der Zwietracht gewesen ist, die Frage, ob Kleinkolonisation oder Großkolonisation ins Werk gesetzt werden soll. Sein Plan vereinigt Groß- und Kleinkolonisation, groß in ihrem äußern Aufbau, klein darin, daß sie das Individuum zur äußersten Energie anstachelt und seine persönlichsten Neigungen befriedigt. Ferner zeigt der Plan einen Weg, wie man unabhängige Kleinbauern ansiedeln kann, ohne die Hilfe von Philanthropen in Anspruch zu nehmen. Eine Genossenschaft, der das Land gehört, auf dem sie sitzt, ist in ungewöhnlichem Maße kreditfähig, und weiter: die Art der Genossenschaft, die Dr. Oppenheimer skizziert hat, befriedigt gewisse Bedürfnisse, die speziell der jüdischen Psychologie entspringen. Der Jude widerstrebt der Existenz in der Isolierung; das Grenzleben ist seiner Natur zuwider; die jüdische Religion erfordert das Gemeindeleben und macht das Dasein auf einsamen Bauernhöfen unsympathisch. Die genossenschaftliche Kolonie beruht auf vereinter Tätigkeit und entzieht dem Bauernleben auf diese Weise seinen Stachel. Schließlich ist die landwirtschaftliche Betriebsgenossenschaft, wie Dr. Oppenheimer feststellt, ganz besonders der Entwicklung in der>Richtung gewerblicher Unternehmungen fähig und geeignet, das Landleben mit städtischen Zügen zu durchsetzen. Einmal in Tätigkeit gesetzt, kann das genossenschaftliche Prinzip auf unzählige wirtschaftliche Unternehmungen angewendet werden. Darum kann die landwirtschaftliche Genossenschaftskolonie eine kräftige Saat sein, die, wenn die Umstände sonst günstig sind, sich zu einem mächtigen Staate entfalten könnte, und dennoch würden die Mitglieder dieser Genossenschaft schon von Anfang an eines vollen und harmonischen Daseins genießen können. Vom Standpunkt des zionistischen Zieles aus ist ersichtlich, daß die; Genossenschaftskolonie die größten Vorteile dem zersplitterten Einzeleigentum gegenüber darbietet. In jener haben wir den Staat schon im Keim, mit einem Teil der Kraft, die dem entfalteten Organismus eigen ist: in diesem haben wir wehrlose, schwach kämpfende vereinzelte Zellen. Dr. Oppenheimers Plan ist ausführbar, wenn man ihn vor dem Forum der ökonomischen Theorie prüft. Er ist wohl geeignet, den Zionismus seinem Ziel näher zu bringen, und vor allem er ist wert, überall irgendwo in der Welt, in Texas so gut wie in Palästina, ausgeführt zu werden. Wir hören, daß die Deutschen in starkem Strome in das Land eindringen, das der Zionismus zu gewinnen trachtet. Der isolierte jüdische Bauer mag vielleicht dem deutschen Bauer gegenüber nicht bestehen können. Aber die genossenschaftliche jüdische Farm wird sicherlich bestehen können. Man sagt, daß die deutsche Kolonisation in Palästina sich vollzieht nach weit ausschauenden Plänen, die ihren Ursprung im Zentrum des kaiserlichen Deutschland haben. Warum soll die jüdische Kolonisation diesen Wink nicht beherzigen? Wenn sie es tut, so hat sie keine bessere Waffe in ihrem Zeughaus als die genossenschaftliche Ansiedlung. Zu diesen Verlautbarungen möchte ich folgendes bemerken; Ich würde annehmen, daß Herr Professor Löb auf Qrund ungenügender Informationen zu seinem im allgemeinen ablehnenden Urteil über den von mir entwickelten Plan gelangt sei, wenn nicht Herr Lipsky auf Qrund augenscheinlich derselben Materialien das volle Verständnis erlangt hätte. So kann ich die Stellungnahme von Herrn Professor Löb nur auf ein gewisses Maß von Vorurteilen zurückführen, mit denen er die Dinge anzuschauen gelernt hat. Hier ist von keiner der „57 sozialistischen Methoden" die Rede, die mein Herr Kritiker kennt, sondern hier handelt es sich lediglich um eine Organisation der Genossenschaft, und zwar in ihrer strengsten Form, unter ängstlicher Vermeidung jedes kollektivistischen* oder gar kommunistischen Einschlages: genügende Verzinsung des Kapitals, Entlohnung und Gewinnbeteiligung streng nach der Leistung, Selbstverwaltung der Kolonie erst dann, wenn sie sich finanziell auf eigene Füße gestellt hat. Diese Art der Organisation mag man als „sozialistisch" bezeichnen (der verstorbene Schäffle hat sie „assozialistisch" genannt), weil sie in der Tat darauf hinstrebt, die Verteilung zwischen Arbeit und Kapital zugunsten der Arbeit zu modifizieren, aber man soll sich dann klar sein, daß gegen diesen „Sozialismus" die alten liberalen Einwände absolut nicht ziehen, weil er eben liberaler Sozialismus ist. Die freie, auf Selbsthilfe beruhende Genossenschaft ist neben dem Gewerkverein die einzige Maßnahme, mit der der politische Liberalismus die soziale Frage anfassen kann; und so hat denn auch der Liberalismus von jeher ex professo diese beiden Organisationsformen gefördert und eingeführt und gegen den kommunistischen Sozialismus als das einzige wirkliche Mittel gepriesen. Wenn Herr Professor Löb, was ich nicht annehme, nicht etwa zu den seltenen Exemplaren des homo sapiens gehört, die die Existenz einer sozialen Frage überhaupt leugnen und behaupten, daß in dieser Welt überhaupt alles aufs allerschönste bestellt ist, so daß wenigstens eine auch nur quantitative Änderung völlig „gegen die Natur" sei, — so möchte ich wirklich wissen, was er grundsätzlich gegen einen Versuch haben kann, der mit dem liberalen Credo absolut übereinstimmt. Sachlich hat man auf das schärfste zu unterscheiden zwischen kommunistisch-kollektivistischen und liberalgenossenschaftlichen Siedlungsunternehmungen. Wenn Herr Professor LOb das in meiner Siedlungsgenossenschaft, Berlin 1896, enthaltene Material ansehen will, so wird er finden, daß die beiden Formen nicht nur praktisch sich durch ihren völlig entgegengesetzten Lebens-