Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 50 DIE3^ELT 1317 höhere Schulen ist ja unter den gegenwärtigen hebräischen Schulverhältnissen direkt ausgeschlossen, und dennoch ist die Schaffung solcher Lehrbücher eine unumgängliche Notwendigkeit für die volle Entwicklung der hebräischen Sprache und des hebräischen Unterrichtswesens. Ein vielversprechender Versuch in dieser Richtung ist ja bereits außerhalb Palästinas durch die Organisation für hebräische Sprache und Kultur unternommen worden, die ein großangelegtes hebräisches Verlagsunternehmen mit .einem namhaften Aktienkapital geschaffen hat und die Absicht hegt, mit den in Palästina für die Wiedergeburt der hebräischen Sprache wirkenden Kräften einen ständigen Kontakt aufrecht zu erhalten. Dies mag uns mit froher Zuversicht erfüllen, daß wir die vielfachen Mängel und Widerstände schließlich doch überwinden werden und daß der gegenseitige Einfluß Palästinas und der Diaspora, dieser ewige Strom, der von Erez Israel nach den Ländern des Golus und wieder zurück in stetem Kreislauf dahinflutet, unsere Arbeit befruchten und uns ermöglichen wird, das Ideal der Wiedergeburt der hebräischen Sprache im Munde des jüdischen Volkes in lebendige Wirklichkeit umzusetzen. Zwei amerikanische Sachverständige über die Siedlungsgenossenschaft Von Dr. Franz Oppenheimer Der „American Hebrew" vom 23. September d. J. bringt zwei Gutachten über meine Qenossenschaftspläne, die ich in Übersetzung folgen lasse. Professor Morris Lob schreibt: „Ihre Bitte, mich über den Plan eines sogenannten praktischen Sozialismus in Palästina zu äußern, würde mich in Verlegenheit bringen, da ich für die Hauptbestrebungen des Zionismus und des Sozialismus wenig Sympathie habe, wenn nicht Dr. Oppenheimers Vorschlag glücklicherweise im Augenblick von der rein praktischen Seite her erörtert werden könnte, da er die Verteilung des Reingewinns so lange einer Gruppe von Theoretikern überläßt, bis der Plan selbst sich als erfolgreich erwiesen hat. Denn der Autor will, wenn seine Ideen 'richtig dargestellt sind, daß dem genossenschaftlichen Besitz des Landes eine Periode administrativer Kontrolle vorangehen soll, die mehr nach aufgeklärtem Despotismus als nach einer der 57 Abarten des Sozialismus und Anarchismus schmeckt. Mit andern Worten: seine Dörfer würden administriert werden nach dem Muster der Rothschildschen Kolonien in Palästina oder der argentinischen Ansiedlungen der Ica, — um nicht von Unternehmungen, die uns näher liegen, zu sprechen, — „bis die Reinerträge regelmäßig geworden sind". Danach handelt es sich mehr oder weniger nur um die Frage, ob die zionistische Leitung über ebenso gute oder bessere Administratoren und Landwirtschaftsiehrer verfügt, als die Rothschilds und die Ica haben finden können, und ob sie über das Kapital und die andern Fähigkeiten verfügt, die erforderlich sind, um diese Probezeit abzukürzen im Vergleich zu andern Kolonien, die immer nocrr nicht zu „regelmäßigem Reineinkommen" gelangt sind. Der Plan, den Pionieren Löhne zu zahlen und zukünftige Unabhängigkeit zu versprechen, kann kaum als Neuerung in landwirtschaftlicher Siedlungstätigkeit bezeichnet werden. Dr. Oppenheimer muß die Kolonien der „Maatschappij voor Weldadighed" kennen, die mehr als fünfzig Jahre in Holland gewirkt hat, ohne in regelmäßiger Folge Überschüsse zu erzielen, und, wie ich fürchten muß, ohne ihre Kolonisten zum Geiste wirklicher Unabhängigkeit zu erziehen. Vor einigen Jahren hat - die Jewish Agricültural - and Industrial Aid, Society meinen Plan eines ähnlichen Experiments angenommen; er mußte aufgegeben werden, hauptsächlich aus dem Grunde, weil wir fanden, daß der russische Jude in Amerika solcher Vormundschaft gegenüber sich ablehnend verhält. Nun mag es möglich sein, daß in Palästina die zionistische Begeisterung ausreicht, um den trotzigen Individualismus unserer eignen Auswanderer durch einen so hohen kollektivistischen Idealismus zu überwiegen, daß sie sich einer Verwaltungsdiktatur fügen, trotz niedriger Löhne, ohne Aussicht auf unmittelbare persönliche Belohnung, nur mit der Hoffnung auf einen möglichen Anteil an einem zukünftigen gemeinsamen Wohlstande. Meine eigne Erfahrung über die menschliche Psychologie läßt mich das Gegenteil vermuten und glauben, daß gemeinnütziger Opfermut zwar dem momentanen Enthusiasmus möglich ist, aber dem Ansturm dauernder Not nicht standhält. Auf der andern Seite muß der Plan notwendig scheitern, wenn die Löhne der Probezeit hoch genug sind, um durch sich selbst einen genügenden Ansporn zur Beteiligung zu geben. Soweit also, wie ich aus den Mitteilungen des „American Hebrew" über Oppenheimers Versuch urteilen kann, würden die Probejahre seiner Kolonie eine Wiederholung alter Experimente sein, deren Erfolg ganz und gar von der Geschicklichkeit der Administration und der Ausdauer ihrer Träger abhängen würde. Sollten diese ersten Jahre von Erfolg gekrönt sein, so würden die Bauern selbst die Form ihrer Organisation bald bestimmen." * * * Abraham Lipsky schreibt dem.entgegen folgendes: „Dr. Oppenheimers Plan, Palästina durch genossenschaftliche Landgemeinden zu besiedeln, ist im Gegensatz zu den gewöhnlichen zionistischen Plänen durch Frische und Tatkraft ausgezeichnet. Der Plan beruht auf einer umfassenden und gründlichen Kenntnis der ökonomischen Theorie und steht im Einklang mit einer weitverbreiteten gewerblichen Bewegung in Europa und Amerika. Diejenigen, die geschlossene Logik und eine genaue Kenntnis der Tatsachen lieben, werden seinen Vorschlag anziehend finden. Diejenigen jüdischen Nationalisten, die nicht viel Sympathie für die Preislieder auf vergangenen Ruhm haben, sollten die Erlösung von dem Rückwärts-Idealismus begrüßen, die ihnen Dr. Oppenheimer bietet. Er setzt das zionistische Ideal in die Zukunft. Hier ist etwas Neues, das geschaffen werden soll, nicht etwas Altes, das wiederhergestellt werden soll. Und dieses neue ist nicht nur ausschließlich für Juden interessant, sondern die ganze Welt blickt darauf, strebt ernsthaft danach, es zu bessern, und wird jedem kühnen Versuch, es zu bewähren, Beifall spenden. Die Mehrheit der Leser wird zweifellos hier zu sich selber sprechen: Aha, „Sozialismus" oder „Kommunismus"! und sich anschicken, die Sache liegen zu lassen mit dem bekannten: „Ich weiß schon, was kommt." Es würde dennoch unrecht gegen Dr. Oppenheimer sein, seinen klar erdachten Plan mit irgend etwas zu verwechseln, was der Leser als Sozialismus oder Kommunismus kennt. Er weist den orthodoxen Sozialismus ausdrücklich zurück, und sein Plan würde gewiß einem waschechten Kommunisten mißfallen. Der Plan besteht darin, genossenschaftliche, landwirtschaftliche Gemeinden in Palästina auf Grund eines sehr exakten und klar durchdachten Verfahrens zu begründen. Landwirtschaftliche Genossenschaft ist keine funkelnagelneue theoretische Spekulation, und in der Tat läßt sie sich theoretisch mit Sicherheit als vorteilhaft erweisen, aber es hat auch der praktische Versuch diesen Nachweis mit reichen Tatsachenmassen gestützt. Der große Erfolg der genossenschaftlichen Tätigkeit zwischen Molkereiwirten und Obstzüchtern in unserm Lande ist wohl bekannt geworden; diese Form der gewerblichen Unternehmung ist über den ganzen Kontinent, vom Atlantic bis zum Pacific verbreitet. Noch mehr: die unzähligen kommunistischen Gemeinden, die existiert haben, sind, vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, sämtlich geglückt und sind nur zu Grunde gegangen, weil sie phantastischen Gedanken über die Gestaltung ihres gesellschaftlichen Lebens nachjagten. Die genossenschaftliche Landwirtschaft ist, wie Dr. Oppenheimer mit Recht hervorhebt, mehr von der Art der Käuferals der Verkäufergenossenschaft, und daher ist sie als ein Teil jener ungeheuren genossenschaftlichen Bewegung zu betrachten, die ganz Europa in der Form der Konsumgenossenschaften überspannt. Die Phase der Bewegung hat die Vereinigten Staaten noch kaum berührt, und man ist überrascht zu hören, welche Ausdehnung sie in England, Schottland, Belgien, Deutschland, der Schweiz und Italien gewonnen hat. Die Höhe, zu welcher die Käufergenossenschaft in England gediehen ist, kann man,