Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1316 VlE|j Und in einem oder zwei Jahrzehnten wird es so viele Hebräisch sprechende Väter und Mütter in Palästina geben, daß wir dann in Wahrheit werden sagen können: In Palästina sprechen die Juden Hebräisch. Dies wird dann ohne Zweifel der Fall sein. Wie steht es aber heute damit? Heute sind noch die verschiedenen Jargons vorherrschend, namentlich in den Städten. Die große Masse steht der ganzen Bewegung gleichgültig gegenüber, und es'gibt auch viele, die sie bekämpfen, weil sie in ihr eine Schädigung der Religion erblicken. So kommt es denn, daß mancher sehr gerne Hebräisch sprechen möchte, durch die Umgebung aber daran gehindert wird. Andere wollen das Opfer der Bequemlichkeit nicht bringen, eine Sprache, die ihnen von Kindheit an vertraut ist, gegen eine andere, ihnen weniger geläufige zu vertauschen. Jede ideale Bewegung hat im Anfang Schwierigkeiten, bei der großen Menge durchzudringen, um wieviel mehr jnuß dies in Palästina gelten, wo immer neue Massen von Einwanderern zuströmen. Wenn eine soziale oder kulturelle Bewegung in einem Lande bereits Wurzel gefaßt und die Gesellschaft in ihrem Sinne umgeformt hat, so müssen die Neuhinzukommenden sich den bestehenden Verhältnissen wohl oder übel anpassen. Anders, wenn die Bewegung auch unter den Einheimischen noch Widerstände niederzuringen hat, wenn sie noch bei weitem nicht konsolidiert ist. Was ist demnach zu tun, um die Erreichung des gewünschten Ziels zu beschleunigen? Zunächst ist eine energische Propaganda erforderlich, um diejenigen die die hebräische Sprache vollständig beherrschen, zu veranlassen, auf die Bequemlichkeit der Konversation im Jargon, ihrer Muttersprache, zu verzichten und sich zum ausschließlichen Gebrauch der hebräischen Sprache aufzuraffen. Jedes Ideal fordert von seinen Bekennern Opfer, und unser Volk ist ja von altersher gewöhnt, allen Genüssen und Annehmlichkeiten zugunsten idealer Ziele zu entsagen. Es müssen in Palästina hebräische Konversationsvereine ins Leben gerufen werden, deren Mitglieder sich verpflichten, mit allen, die Hebräisch verstehen, unter allen Umständen nur Hebräisch zu sprechen. In den Schulen müssen Preise gestiftet werden für diejenigen Schüler, die sich im mündlichen Gebrauch der hebräischen Sprache auszeichnen. Es ist ferner erforderlich, recht viele Chadarim und Talmud-Thora-Schulen nach dem Muster des „Cheder-Thora" und der Tachkemonischule zu gründen, — in erster Linie aber recht viele Kindergärten zu schaffen. Wenn in den einzelnen Städten noch eine ganze Menge Kindergärten gegründet würden, so brauchten sie alle um Zöglinge nicht besorgt zu sein, denn einstweilen ist die Zahl dieser Gärten im Verhältnis zu dem vorhandenen Bedürfnis noch sehr gering. Sodann müßte auch auf literarischem Gebiet noch ungemein viel geleistet werden. Solange die hebräische Sprache noch Buchsprache war, kümmerte sich keiner darum, wie man die einfachsten Dinge des täglichen Lebens hebräisch zu bezeichnen hätte.In dem Maße jedoch, wie die Sprache sich zur gesprochenen und Unterrichtssprache entwickelt und immer weitere Gebiete erobert, macht sich auch immer gebieterischer die Notwendigkeit geltend, die fehlenden Bezeichnungen zu ergänzen. Diejenigen, die ständig Hebräisch sprechen, wenden sich an die gewiegten Kenner der Sprache um Auskunft über [ELT - " - .- "-,- No. SO den oder jenen Ausdruck, der ihnen fehlt, zu erhalten, und können begreiflicherweise. nicht warten, bis irgendein Gelehrter das fehlende Wort in einem alten Literaturwerk entdeckt oder bis irgendein Sprachkenner ein neues Wort gebildet hat. Nach dieser Richtung hin ist also unablässige zielbewußte Arbeit dringend geboten. In meinem Artikel in der Palästinanummer habe ich bereits die „Sprachkommission" (Waad- Halaschon) in Jerusalem erwähnt; allein diese Kommission arbeitet aus Mangel an materiellen Mitteln sehr langsam und unsystematisch. Zweitens müßten an den Arbeiten einer solchen Kommission auch zahlreiche nichtpalästinensische Kräfte teilnehmen. Sämtliche Orientalisten von Ruf, sämtliche Kenner der alten und modernen hebräischen Literatur, alle, die Verständnis und Interesse für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache haben, müßten zur Mitarbeit herangezogen werden, und sie müßten in Gemeinschaft mit der Jerusalemer Kommission die Ergebnisse ihrer Studien in periodisch erscheinenden wissenschaftlichen Publikationen niederlegen. Des weitern müßte strenge darauf geachtet werden daß die orientalische Form der hebräischen Sprache durch das gesprochene Wort derer, die unter dem Einflüsse europäischer Literatursprachen stehen, keine Einbuße erleide, daß unser unvergleichlich schönes Hebräisch nicht zu einer Art hebräischen Jargons verballhornt werde. Wir haben ja eine reiche Musterkarte der verschiedenartigsten Jargons, einen deutschen, spanischen, arabischen usw. Es wäre fürchterlich, wenn wir noch einen hebräischen Jargon hinzubekämen. Leider hat sich bereits eine große Anzahl unleidlicher Barbarismen namentlich in unserer Zeitungssprache eingenistet. Wir sollten trachten, sie beizeiten auszurotten, ehe sie durch das gesprochene Wort festgewurzelt sind. Es wäre nötig, alle diese Auswüchse in kleinen alphabetisch geordneten Heftchen zu sammeln nach Art der bekannten Hefte in französischer Sprache: Ne dites pas . . ., dites. . . . Auch ganz neue Grammatiken müßten verfaßt werden, einfache Grammatiken der lebenden hebräischen Sprache und nicht archaistische Sprachlehren des biblischen Hebräisch, wie wir sie bisher besitzen. Und um den verschiedenen Schulen die Möglichkeit zu geben, sämtliche Gegenstände in hebräischer Sprache zu lehren, müßten verschiedenartige Lehrbücher für alle Stufen herausgegeben werden. Wir besitzen im Hebräischen zu viele Lesebücher, viele Lehrbücher für jüdische Geschichte, auch einzelne für Arithmetik; es fehlt uns aber an geeigneten Schulbüchern für Geographie, Weltgeschichte, Physik und Chemie, Zoologie, Mineralogie, Botanik usw. Allerdings hat der hebräische Lehrerverband in Palästina die Aktiengesellschaft „Koheleth" zur Herausgabe von Schulbüchern ins Leben gerufen, allein auch diese Gesellschaft arbeitet im Verhältnis zu der immer dringlichem Nachfrage gar zu langsam. Die bestehenden Schulen warten sehnsüchtig auf das Erscheinen neuer Lehrbücher, aber es kommen keine auf den Markt. Ganz besonders drückend macht sich der Mangel an geeigneten Lehrbüchern für die mittlem und höhern Schulen fühlbar; solche können aber überhaupt schwerlich ohne Mithilfe eines besondern Verlags entstehen, der rein ideelle Zwecke verfolgt und von vornherein mit Verlusten rechnet. Ein größerer Absatz von Lehrbüchern für