Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 50 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRO. KÖLN, 16. Dezember 1910 ' p-jir6 Do'Wtf i^DD l"ü No. 50. Die Zukunft der hebräischen Sprache in Palästina Von David Yellin, Jerusalem bei seinen Einkäufen sich der hebräischen Sprache bedient. Ein Fortschritt ist auch darin nicht zu verkennen, daß die Poale-Zion, die auf Qrund ihrer Parteiprinzipien vor kurzem noch dem volkstümlichen Jargon vor dem „bourgeoisen" oder „aristokratischen" Hebräisch den Vorzug gaben und ihr palästinensisches Zeitungsorgan im Jargon herausgaben, nunmehr ihre Zeitung „Haachduth" in Jerusalem in hebräischer Sprache erscheinen lassen. Sie haben eben einsehen müssen, daß man in Palästina den Weg zum Volke in einer andern Sprache nicht finden kann. Welcher ungeheure Fortschritt liegt endlich auch darin, daß das Hebräische als ausschließliche Unterrichts- und Umgangssprache selbst in die Tachkemonischule und in die Talmud- Thora-Schule der Aschkenasim in Jaffa seinen siegreichen Einzug gehalten hat! Wenn man sieht, daß eine Idee sich bei allen Parteien durchsetzt, daß alle noch so fest eingewurzelten Vorurteile gegen sie im Laufe der Zeit völlig verschwinden, so ist dies wohl der untrüglichste Beweis für ihre Lebensfähigkeit und ihre sieghafte Kraft. Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen, daß in kurzer Zeit das Hebräische auch in den verschiedenen Talmud- Thora-Schulen der Sephardim als Unterrichtsprache eingeführt werden wird; der Anfang hierzu ist schon gemacht. Durch diese Anstalten wird aber reichlich die Hälfte des heranwachsenden Geschlechts in Palästina lernen, sich des Hebräischen als lebender Sprache zu bedienen und insbesondere sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß dies die Sprache sei, die die Juden in Palästina sprechen müssen. Dann aber wird sicherlich auch die Zeit kommen, wo man in den großen Talmud-Thora-Schulen der Aschkenasim in Jerusalem ebenfalls genötigt sein wird, den Jargon zu verabschieden und der „Herrin" den ihr gebührenden Platz einzuräumen; denn nur in diesem Falle werden die Leiter dieser Anstalten die Eltern bewegen können, ihre Kinder in die Talmud-Thora-Schule zu schicken. Sehen wir ja schon jetzt, daß die wohlhabenden aschkenasischen Eltern sogenannte Chadre-Thora gründen, in denen zwar ausschließlich Bibel und Talmud unterrichtet wird, aber — in hebräischer Sprache. l* . In meinem Aufsatz in der Palästinanummer der „Welt" habe ich die hohe Bedeutung, die der Wiedergeburt der hebräischen Sprache in Palästina für unsere nationale Zukunft innewohnt, und die Rückwirkung dieses Verjüngungsprozesses auf die Judenheit der Diaspora eingehend erörtert. Im Nachtrage hierzu möchte ich diesmal den gegenwärtigen Stand und die Zukunftsaussichten der hebräischen Renaissancebewegung in Palästina näher beleuchten. In weiten jüdischen Kreisen Europas ist die Meinung verbreitet, daß die Juden Palästinas in ihrer überwiegenden Mehrheit ohne Unterschied des Alters und der sozialen Stellung untereinander Hebräisch sprechen. Es ist eben über die Wiedergeburt des Hebräischen, die ja in der Tat im Verlaufe eines Menschenalters ungeahnte Fortschritte gemacht hat, so viel gesprochen und geschrieben worden, daß die Fernstehenden sich gar keine andere Vorstellung von der Lage der Dinge bilden konnten. Demgegenüber müssen wir auch hier der Wahrheit die Ehre geben und feststellen, daß diese allzu optimistische Vorstellung leider irrig ist. Wir freuen uns der schon heute sichtbaren Erfolge, wollen auch gewiß das in überraschend kurzer Zeit Erreichte nicht verkleinern, können uns aber doch nicht verhehlen, daß wir vom Zielpunkt der Entwicklung noch weit entfernt sind, daß noch gar vieles zu leisten, freilich auch Großes zu erhoffen ist. Einen großen Fortschritt bedeutet es, daß das Hebräischsprechen längst aufgehört hat, als etwas Lächerliches und Phantastisches zu gelten, daß man es ganz natürlich findet, wenn man auf der Straße oder in Gesellschaft Leuten begegnet, die mit jedem ausschließlich Hebräisch sprechen. Ein gewaltiger Fortschritt ist es auch, wenn man sieht, wie in allen öffentlichen Versammlungen die Redner sich schämen, Jargon zu sprechen und wohl oder übel die hebräische Sprache gebrauchen müssen; die Zuhörerschaft zwingt sie einfach dazu. Oder wenn man die Beobachtung macht, daß die Jugend beiderlei Geschlechts in den t Straßen Jerusalems immer mehr Hebräisch konversiert,; so daß man selbst in dieser konservativsten aller Städte nichts mehr Gekünsteltes darin sieht, wenn einer z. B.