Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316454--54074-3347872- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 49 DIE3^ELT <s= 1303 seligen ersten Brief kennen lernte. Er eilte sofort zu Rabbi Nahum, der damals an einem Fußleiden in Prinkipo darniederlag, um unter heftigsten Vorwürfen und Drohungen brüsk die Zurücknahme des Briefes zu verlangen. * Rabbi Nahum leistete Widerstand/ aus einem echten Gefühl der Scham heraus, ^sicher auch, weil er vorziehen mochte, sich nicht die Feindschaft der ganzen aktiven jüdischen Jugend IConstantinopels aufzuladen, und endlich, um sich einmal gegen die immer mächtiger werdende Herrschaft Frescos über ihn zu behaupten. Er schlug dem Wütenden sein Verlangen ab. Der jüdische Herostrat zieht unter Verwünschungen und schweren Drohungen ab, setzt sich daheim in sein Kabinett und hämmert eine furchtbare Angriffsnurnmer seines „Tiempo" gegen den Großrabbiner zusammen. Er ist entschlossen, seinen bisherigen Freund, sein Schoßkind, wie ein Instrument, das nicht mehr dienstbar sein will oder kann, zu zerbrechen und zum alten. Eisen zu werfen. Aber es scheint nur so. Fresco überlegt sich die Sache und beschließt, die famos gelungene Nummer nicht als Schlaghammer, sondern lieber als Erpresserzange zu benutzen. Er steckt also sein Meisterwerk in die Tasche und präsentiert es bald hernach seinem unbotmäßigen Freunde in Prinkipo. Loderndes Entsetzen. Man fühlt die Säulen des ganzen orientalischen Judentums wanken. Mitglieder des getreuen Mischlisch dschismani eilen herbei, um den furchtbaren fiolofernes zu besänftigen. Fresco bleibt kalt und unerschütterlich. Da muß sich, ob er will oder nicht, der Großrabbiner ergeben. Er weiß ja, daß das Ende seiner Herrlichkeit gekommen ist, wenn dieser Mann da die Pfeile seines Hasses gegen ihn schleudert. Der zweite Brief an den „Makkabi", der den ersten kommentiert und eigentlich aufhebt, wird beschlossen und im Wortlaute festgelegt. Das Kabinettstück des Revolverjournalisten ist glänzend gelungen. Er steht größer da als jemals. Die böse Sieben Die böse Sieben ist die Nummer 7 des „Tiempo" vom 28. Oktober 1910. Sie war inzwischen komponiert, vollendet und zu einem Teile schon in großer Auflage ausgedruckt. Man mußte sie aus der Welt schaffen um jeden Preis. In Münzen ausgeprägt, war dieser Preis nicht gerade exorbitant. Es handelte sich nur darum, die Herstellungskosten der Nummer wiederzuerstatten, was in Anbetracht der relativen momentanen Wohlhabenheit des Großrabbiftats (die Gabella-Gelder der Aschkenasim-Gemeinde werden ja immer noch einbehalten) auf keine Schwierigkeit stoßen konnte. Dann kam der romantische Vernichtungsakt. Einige besonders getreue Mannen des Mischlisch dschismani begaben sich höchstpersönlich in die Werkstatt des „Tiempo" und unterzogen sich dort der ihrem Amte sehr angemessenen Beschäftigung des Papierzerreißens und Verbrennens. Aber, ach! Durch welche heimtückischen iyiächte konnte das Unglück geschehen, daß einige der kostbaren, dem Flammentode geweihten Exemplare dem Autodafe entgingen und in höchlichst unerwünschte Händegerieten! Die Hölle weiß es. Es war eben halt die böse Sieben. Die beiden ungleichen Zwillinge Die Weltgeschichte erlebte auf diese ziemlich ungewöhnliche Weise das erstaunliche Faktum, daß zwei Nummern 7 des „Tiempo" aus dem ^ahre 5771 existieren und sich beispielsweise auch in den Händen Ihres Berichterstatters befinden. Eine böse Sieben, unter dem Datum des 28. Oktober laufend, aber nicht in die Öffentlichkeit gelangt, und eine gute Sieben, das gleiche Datum an der Stirne tragend,, und als legitimes Geisteskind seines Schöpfers in die Welt hinaus entsandt,—zwei Tage später zwar, aber das war seinerzeit ziemlich unbemerkt geblieben. Die zweite Nummer, vom Frescostil aus beurteilt, unschuldig und friedlich wie immer, die erste mit einigen Stücken höchst kostbarer Art, diefür die orientalischen Philologen aller Zeiten von Interesse bleiben werden. Den Anfang der Nummer bildet ein mysteriöses offenes Schreiben des Herausgebers des „Tiempo", der sich plötzlich erinnert, vor zwei Jahren, anläßlich der Wahlkampagne für und gegen Nahum, von einem Unbekannten ein anonymes Schreiben erhalten zu haben, das er' zwar damals beiseite gelegt öder vernichtet haben will, dessen er aber plötzlich dringend bedarf. So dringend bedarf, daß er es für nötig findet, an der Spitze seines Blattes, noch vor dem Leitartikel an den anonymen Schreiber zu appellieren, ob er lebe oder tot sei, und daß -er, wenn er irgendwo noch auf Gottes Erden wandle, ihm die Güte erweisen möchte, sich vor ihm zu zeigen. Und im düstern Menetekel-Tone wird, als Erkennungszeichen verkündet, daß das Motto des geheimnisvollen Briefes gelautet habe: „Lo nawi anocrii welo ben nawi, awal agidlecha, maschejikrehlecha beacharith hajamim!" Ein orientalisches Meisterstückchen, das dem armen Nahum Zittern und Beben einflößen sollte vor den schrecklichen Enthüllungen aus den interessanten Zeiten seiner Erwählung, die dieser verschollene Brief mußte enthalten haben, die der verschollene Schreiber dieses Briefes, wenn er sich melden würde, wieder aus dem Dunkel heraufbeschwören konnte, und die durch das grauenerregende Motto Rabbi Nahum sein nahes Ende vor Augen rücken sollten. Ein Meisterstück orientalischer Phantasie, wahrhaftig. Denn es ist unzweifelhaft vollkommene Erfindung Frescos. Aber nichtsdestoweniger wirksam, wie der Erfolg beweist. Im zweiten Teile der Nummer wird sodann in weniger romantischer, aber dafür klarer und offener Weise zuden Drohungen, Ironisierungen und zu scharfen Angriffen auf Nahum übergegangen, dem klipp und klar erklärt wird, wer ihn zum Großrabbiner gemacht hat und wer ihn wieder in sein ursprüngliches Nichts zurückbefördern werde. Wir kennen ja diese Tonart aus tausend und ein Artikeln der Kampagne eines Jahres zur Genüge. Der Großrabbiner der Türkei hat sich diesem Tone gegenüber nicht so wetterfest erwiesen als der Zionismus. Er ist schnell klein geworden. Er hat die Schultern eingezogen und sich unterworfen. David Fresco regiert weiter. Das ist kein Märchen aus der Zeit des Kalifen Harun al Raschid, sondern eine wahre, aktuelle Begebenheit aus unsern eignen Tagen. Der Alarm Die neueste Geschichte des ottomanischen Judentums scheint sich nachgerade zur orientalischen Dreyfuß-Affäre zu entwickeln. Gerichtsverhandlungen, Kanzlei- und Presseintrigen; jetzt greift die Bewegung weiter. Die Parteigänger David Frescos und des Großrabbiners scheinen es stark empfunden zu haben, wie die Position Rabbi Nahums erschüttert ist. Und in denselben Tagen, da David Fresco sich anschickte, mit eigener Hand das Beil zur Niederschmetterung des Großrabbiners zu schwingen, ergriff er auf der andern Seite lichtscheue Maßregeln, um den Halbgesunkenen wieder aufzurichten Man setzte sich mit gleichgestimmten Seelen in Saloniki in Verbindung, ein Freund reiste sogar expreß dorthin, und so ist es denn am Ende gelungen, außer den Zeitungen „Epoca" und "Irnpartial" auch den bekannten „Cercle des Intimes" auf die Beine zu bringen. Dieser, bis vor einiger Zeit rühmlich bekannte Klub der Saloniker Jeunesse doree, der aber durch seine demagogische Aktion in der Affäre des Dschedid Chan, über die seinerzeit berichtet wurde, viel von seinem Prestige verlor, hat es nun übernommen, den „cri d'alarme" für Rabbi Nahum auszustoßen. In einem Schreiben, das die großen und starken Worte nicht spart, drückt er dem Großrabbiner seine Sympathie aus, hebt ihn in den Himmel und fährt gegen die „Handvoll Fremder" los, die gegen ihn hetze und einen zionistischen ausländischen Rabbiner an seine Stelle setzen wolle. Zuzweit entsendet der „Cercle des Intimes" ein Rundschreiben an alle türkischen Judengemeinden, gleich ihm an Rabbi Nahum Sympathiekundgebungen zu enlsenden, um dadurch seine erschütterte Position wieder zu stärken. Bis jetzt hat noch kein Gemeinderat diesem Appell stattgegeben. Aus Saloniki hat, abgesehen vom „Cercle des Intimes", nur eine inoffizielle Gruppe von Gemeindemitgliedern an Rabbi Nahum telegraphiert, und „Epoca" beklagt sich darüber und fragt höchst enttäuscht, ob denn die Bevölkerung von Saloniki Rabbi Nahum nicht unterstützen wolle. Der Kampf in Salonik In der bisher als Muster angesehenen Saloniker Gemeinde ist das gleiche Treiben losgebrochen wie in der Hauptstadt. Man ist dazu übergegangen, alle möglichen Mittel zur Ausrottung des Nationaljudentums anzuwenden. Zu dem Ende hat man eine unglaubliche Hetze inszeniert gegen den neuen Direktor der großen Talmud Thora, den bedeutenden Pädagogen Epstein. Gegen denselben Epstein, den man drei Jahre lang hindurch fast flehentlich gebeten hatte, die schwere Bürde des Amtes zu übernehmen, und der sich endlich dazu entschlossen hatte, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ihm völlig freie Hand gelassen werde. Gegen denselben Mann, der mit bewundernswerter Energie die ganze vollkommen verrottete Riesenanstalt umgestaltet und gesundet hatte. Jetzt aber darf alles nicht mehr gelten, jetzt geht es aus Prinzip gegen die hebräische Sprache. Es wird mit unglaublich törichten Argumenten dagegen gewettert. Man denke, schreibt eines der Saloniker Blätter, „2000 unserer Kinder sollen in hebräischer Sprache erzogen werden, sollen in hebräischer Sprache —Geographiestunden erhalten!" Man denke! Ein anderes Blatt geht so weit, auszurufen: „WennRabbi Jakob Me'fr und der Gemeindevorstand fernerhin die Fortdauer dieses Zustandes gestatten, so sind sie der Stellung, die sie innehaben, nicht würdig!" Und getreu dieser Logik richtet sich die Hetze auch gegen den Saloniker Großrabbiner, denselben, der bis vor kurzem in unbegrenztem Ansehen bei allen stand und der nun entschlossen ist, dem unwirtlich - gewordenen Orte den Rücken zu kehren.