Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1302 DIE^EELT No. 49 sowie die Vertreter der meisten galizischen Kultusgemeinden. Nach eingehender Beratung wurde eine Kommission gewählt, welche konkrete Vorschläge inbezug auf die Organisation der beabsichtigten humanitären Tätigkeit ausarbeiten soll. Rußland Die Aussichten der Qesetzesvorlage betreffs Aufhebung des Ansiedlungsrayons Dieser Tage soll in der Reichsduma die Beratung über das Gesetzprojekt bezüglich Abschaffung des Ansiedlungsrayons beginnen. Vorläufig läßt sich kaum etwas Bestimmtes über" das voraussichtliche Verhalten der Dumamehrheit sagen. Da die Entscheidung in den Händen der unzuverlässigen Oktobristen liegt, so ist nicht abzusehen, welches Ende die sehnlichst erwartete Beratung nehmen wird. So viel steht fest, daß man selbst in den optimistischsten jüdisch-politischen Kreisen einen günstigen Ausgang nicht mehr für wahrscheinlich hält. Und so hat denn DumaabgeordneteY Nisselowitz, der bekanntlich seinerzeit für die Einbringung dieser Vorlage eingetreten war, dieser Tage erklärt, daß die Einbringung in recht ungünstiger Zeit erfolgt sei. f Die Schulvorlage in der Reichsduma Während der Beratung über den Elementarunterricht wurde vom Abgeordneten Nisseiowitsch das Amendement eingebracht, den oktobristischen Vorschlag auf Verleihung des Unterrichtsrechts in der Muttersprache an die nichtrussischen Völkerschaften auch auf das jüdische Volk zu erstrecken. Un erwarteter weise wurde dieser von Miljukoff unterstützte Antrag mit den Stimmen der Opposition und der Rechten gegen die des Zentrums angenommen. Wahlkampf in der Warschauer judischen Gemeinde Anläßlich der bevorstehenden Wahlen in den Gemeindevorstand wird zurzeit in Warschau eine lebhafte Wahlagitation entfaltet. Der Kampf ist in der Hauptsache gegen die herrschende assimilatorische Clique gerichtet. Die vereinigte Opposition der Zionisten und Konservativen verlangt: Herabsetzung des Steuermindestsatzes, Öffentlichkeit der Vorstandssitzungen, Reform des Rabbinats und dei Synagogenverwaltungen, Einführung des hebräischen Unterrichts in den Gemeindeschulen und eine rationelle Wohlfahrtspflege. Man hofft, daß dieses Programm die Mehrheit der Wähler für sich gewinnen wird. Lewinskys gesammelte Werke Die Freunde und Verehrer E. L. Lewinskys haben einen Fonds von 2500 Rbl. aufgebracht, der zur Herausgabe der sämtlichen Werke des jüngst verstorbenen hebräischen Schriftstellers verwandt werden soll. Das aus Bialik, Klausner und Rawnitzky bestehende Redaktionskollegium ist jetzt eifrig mit dem Ordnen des literarischen Nachlasses beschäftigt. Der erste Band befindet sich bereits im Druck und soll in wenigen Wochen erscheinen. Ausweisung bucharischer und afghanischer Juden Dumaabgeordneter Friedman erhielt aus Merw von den dort ansässigen bucharischen und afghanischen Juden folgendes Telegramm: „Der General-Gouverneur zu Taschkent verfügte, daß die bucharischen und afghanischen Juden binnen 24 Stunden aus Stadt und Kreis Merw ausgewiesen werden. Diese Verfügung trifft uns ganz unerwartet, da wir bis jetzt von den Behörden nicht verständigt worden sind. Im Gegenteil wurden uns bis jetzt unbehelligt Handelspatente ausgestellt unddie Erlaubnis gewährt, Immobilien zu erwerben. Die sofortige unerwartete Ausweisung bedroht uns mit totalem wirtschaftlichem Ruin. Die meisten werden durch die Ausweisung buchstäblich auf die Straße gesetzt. Eine Fristverlängerung zwecks Liquidation der Geschäfte und Güter ist drfngend nötig." Kinderausweisungen Trotzdem der regierende Senat bereits wiederholt die Ausweisung von Kindern, auf die das Wohnrecht der Eltern nach der Auffassung der Behörden sich nicht erstreckt, annulliert und die Verfügung getroffen hat, daß weitere derartige Ausweisungen solange der Senat nicht eine prinzipielle Entscheidung in dieser Frage getroffen hat, einzustellen seien, ließ sich der Moskauer Stadthauptmann durch die Bedenken des höchsten russischen Justiztribunals nicht davofY abhalten, das teure Vaterland immer wieder und wieder von der Gefahr, die ihm von Seiten der jüdischen Babies droht, zu retten. Und so erhält denn der Senat in letzter Zeit zahlreiche Beschwerden über Kinderausweisungen mit der Bitte, dieselben annullieren zu wollen. Emigrantenelend In der Nähe des Fleckens Wisslowitzi versuchte eine Emigrantengruppe von 118 Mann, die über die außerordentlich kostspieligen Auslandspässe nicht verfügte, die Grenze mit Hilfe sog. „geheimer Grenzagenten" zu passieren, wurde aber von der Patrouille bemerkt. Die diensteifrigen Grenzwächter besannen sich nicht lange und feuerten eine Salve nach der andern auf die wehrlosen Emigranten ab. Natürlich endete das Gefecht mit einem glänzenden Sieg der wackern Vaterlandsverteidiger. Drei Tote und 61 Verwundete bedeckten bald das „Schlachtfeld". Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Der Großrabbiner und sein Herr Man wird sicherlich nicht ohne Interesse die Briefe gelesen haben, die zwischen dem Großrabbiner, dem „Makkabi" und der „Aurore" gewechselt wurden. Es gibt aber Dinge, die noch viel interessanter sind: das sind die, die zwischen den Briefen liegen. Jeder intelligente Leser der Briefe wird sie zweifellos als Zusammenhang und Rätselschlüssel des Ganzen verstanden haben. Um so größere Genugtuung wird er empfinden, wenn nunmehr die Beweise für seine Vermutungen vor ihm ausgebreitet werden. Der Präsident des Turnvereins „Makkabi" schien wohl verwegen, als er in seiner Schlußerwiderung an Rabbi Nahum die feste Überzeugung aussprach, daß die Stellungnahme desselben gegen den „Makkabi" dem Einflüsse einer feindlichen Partei zuzuschreiben sei, und die Vermutung aussprach, daß jedermann annehmen würde, die Demission des Chachambaschi als Ehrenmitglied des Turnvereins sei zugunsten seines Freundes, zum Zwecke der Beeinflussung des gegen diesen schwebenden Prozesses erfolgt. Aber diese Verwegenheit war nur Schein. In Wahrheit liegen die unanzweifelbaren dokumentarischen Beweisstücke dafür in seinen Händen, und Ihr Berichterstatter hat sich aus ihnen selbst auf das genaueste über die wahre Natur der Vorgänge informieren können. Diese ist — das sei vorweggenommen — durch die eine Feststellung gekennzeichnet, daß David Fresco der eigentliche Herr des Großrabbiners ist, ihn als Instrument benutzt und durch ihn handelt. Dem Großrabbiner ist die traurige Rolle zugefallen, sich löblich zu unterwerfen und die Befehle seines Herrn und Meisterj zu exekutieren. Die Geschichte des ersten Briefes Warum hat Rabbi Nahum den ersten Brief, diese väterlich liebende Segensepistel, an den „Makkabi" geschrieben? Das muß eigentlich als ein Rätsel erscheinen. Er liebt den Turnverein nicht und kann ihn nicht lieben. Er weiß seit lange, daß in ihm die prinzipiellste Gegnerschaft gegen die Erziehungsprinzipien der Alliance verkörpert ist. Er aber ist der prinzipiellste Anhänger und Parteigänger der Alliance, der er — den Worten seines eigenen offiziellen Organs zufolge (siehe „El Tiempo" Nr. 7) seine Erziehung, Ausbildung und Karriere zu verdanken hat. Rabbi Nahum hat in richtiger Erkenntnis der Dinge denn auch seit lange, obwohl er Ehrenmitglied des Turnvereins war, diesem, wo es nur anging, Schwierigkeiten bereitet. Er hat für die von dem Verein organisierten Vorträge die Synagoge sperren lassen, und er hat schließlich, damit sie ein Gegengewicht gegen den nationalen „Makkabi" bilde, die assimilatorische „Amicale" begründen lassen und mit größtem Eifer gefördert. Weshalb also dennoch die überströmende Zärtlichkeit? Weil Rabbi Chaim Nahum es nicht liebt, ein offener Gegner zu sein und angestrengt bemüht ist, äußerlich wenigstens alle Seiten bei guter Laune zu erhalten. Aus dieser Gesinnung heraus ist der erste, freundliche Brief an die Balater Sektion des Turnvereins entstanden, den hernach der arme Kanzleisekretär des Großrabbinats verantworten mußte. Die Geschichte des zweiten Briefes Der „Hafie national", der Freund des Chachambaschi und der Herausgeber des offiziellen Organs des Großrabbiners, schäumte vor Wut, als er aus der Veröffentlichung der „Aurore" diesen ungiück-