Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 49 - DIE^ schrittliche«" Kandidaten, nicht zurückzutreten. Herr Dr. Schalit bedeutete Herrn Neu st ad tU daß seine Kandidatur nicht seine persönliche Angelegenheit, sondern ein Beschluß der Wiener Zionisten und Jüdischnationaien sei, daß er für politische Tauschgeschäfte wenig Verständnis besitze, und komplimentierte Herrn Neu stadtl hinaus. Als nach defn ersten Wahlgang Herr Dr. Ofner in die engere Wahl mit dem Christlichsozialen kam, forderte das zionistische Wahlkomitee sogleich, in Versammlungen und in der Presse, die Wiener Jüdischnationalen selbstredend auf, für Dr. Ofner zu stimmen. Die zionistische Wahlleitung führte keinerlei Verhandlungen mit dem freiheitlichsozialen Wahlkomitee, es wurde nichts verlangt und nichts angeboten, weder schriftliche noch mündliche Vereinbarungen wurden getroffen. Als Dr. Ofner in der Stichwahl siegte, richtete der Freiheitlichsoziale Verein ein Dankschreiben an den jüdischen National verein für die rückhaltlose und energische Wahlunterstützung und wiederholte aus eignem Antrieb in diesem Briefe das Versprechen, den Zionisten bei den Kultuswahlen im Jahre 1908 Hilfe zu leisten. Bei den Wahlen aber, wie bereits hervorgehoben, standen die Freunde Dr. Ofners in der ersten Reihe der Streiter gegen die Demokratisierung der jüdischen Gemeinde. Das Demonstrative des Wortbruchs, die Vehemenz der „freiheitlichsozialen" Gegenagitation waren geradezu aufreizend. Dr. Schalit erwischte den aufrechten Herrn Neustadt 1 selber, als der gute Mann unter den Augen der Wahlkommission zionistischen Wählern die Zettel aus der Hand riß! Zur Rede gestellt und an das schriftliche Versprechen seiner Partei erinnert, erklärte Herr Neustadt!, der inzwischen zum Gemeinderat avanziert ist, in der Politik gebe es kein Ehrenwort! Das sind die Tatsachen, die von Herrn Neu stadtl in einem Schreiben an einen führenden Zionisten, in das wir Einsicht genommen, bestätigt werden. Wer kann nun nach dieser Darstellung der Vorgänge, die dokumentarisch bewiesen werden kann, behaupten, die Wiener Zionisten hätten ihre Stimmen gegen den antisemitischen Kandidaten nur nach einem Handel und Austausch von Dienstbarkeiten Herrn Dr. Ofner abgetreten? Wenn Dr. Blochs „Wochenschrift" ungeachtet eines kategorischen Dementis, die Bereitwilligkeit und Geneigtheit der Zionisten, einen Christlichsozialen indirekt zu unterstützen, als das Kennzeichen der zionistischen Ethik bezeichnet, dann bleibt nichts übrig, als diese Verjüngung Dr. Blochs und seine Rückkehr zu den alten Kampfmethoden der Herzischen Zeit zur Kenntnis zu nehmen. Uns -kann es recht sein. Dr. Zollschans Vortrag Ein Vorlesungsabend, von Anfang an mit dem Gepräge eines gesellschaftlichen Ereignisses. Ein dichtgefüliter Saal, eine Zuhörerschaft aus allen Schichten der Wiener Judenheit, spannungsvolle Erwartung. Dr. Ignaz Zollschan, den sein Werk über „Das Rassenproblem" in die erste Reihe der Autoritäten auf dem Gebiete der jüdischen Rassenfrage gestellt hat, sprach in einer von der „Israelitischen Union" am 26. November veranstalteten Versammlung über Taufe, Rasse, Zukunft. Die Ausführungen Zollschans in seinem genannten Buche, soweit sie die moderne Judenfrage betreffen, Wurden bekanntlich in sehr verschiedener Weise beurteilt. Während Max Nördau von einem „epochalen Werk", Leon Kellner von einer „Befreiung und erlösenden Tat" sprechen, erklärt Prof. E du a r d S u e ß: „Der Verfasser entwirft ein erschütterndes Bild der Umstände, unter denen ein altes Kulturvolk, dem die Menschheit viel verdankt, sich seinem Verlöschen nähert. ... " Man erwartete daher von Dr. Zollschan eine authentische Interpretation seiner Beweisführung. Der Gelehrte führte in einer anderthalbstündigen Rede ungefähr folgendes aus: Die Judenfrage wird vielfach als eine politische Frage betrachtet. Dort, wo kein amtlicher Antisemitismus besteht, glaubt man auch das Bestehen der Judenfrage in Abrede stellen zu können. Das ist ein Irrtum. Die Judenfrage ist das Problem des Fortbestehens und des Schicksals des Judentums. Das Judentum ist die Aufeinanderfolge von Generationen der Judenheit in ihrer historischen Kontinuität. Die Lage der Judenheit in einem Zeitabschnitt kann materiell glänzend sein, das Judentum als historische Erscheinung kann trotzdem am Rande des Abgrundes stehen. Im Judentum ringen seit Jahrhunderten Kräfte des Wiedererwachens und der Auflösung, der Erhaltung und der Zersetzung. Ein Symptom des um sich greifenden Zersetzungsprozesses ist auch die Taufe. Man schätzt,, nicht hochgegriffen, die Zahl der Taufen im 19. Jahrhundert auf 204 500. Davon entfallen auf Deutschland rund 22 000, England und Kolonien 28 000, Österreich-Ungarn 44 000, Rußland 84 000, Amerika IS000 Taufen. In Berlin beträgt die Zahl der Taufen, 1 auf 146, in Wien läßt sich von 260 Juden einer taufen. In den letzten 25 Jahren verließen 10 000 Juden in Wien das Judentum. Die Zahl, der Austritte aus dem Judentum stieg von 300 im Jahre 1890 auf 661 im Jahre 1904. Bei den getauften Männern überwiegen |ELT 1301 die Angehörigen der höhern und freien Berufe, bei den Frauen — die niedern und proletarischen Berufe. Vier Momente sind es, die die Abfallströmung begünstigen. Die Religion, die unsere Väter glaubensstark und standhaft machte, hat ihre Kraft und Attraktion eingebüßt. Das jüdische Milieu, das im Ghetto bestanden hat, ist zerstört. In weiten Schichten der Judenheit hat die Verachtung jüdischen Wesens Wurzel gefaßt, die Überzeugung, das Judentum sei tatsächlich minderwertig, nicht existenzberechtigt. Schließlich bewirken soziale Momente die Taufbewegung, die steigende Not und die Hoffnung, durch die Taufe sich das Fortkommen zu erleichtern. Viel bedeutsamer als die eigentliche Abfallbewegung ist eine bisher merkwürdigerweise wenig beachtete Auflösungstendenz, — die Mischehe. Auf 100 jüdische Ehen in Wien entfielen 13 mit einem nichtjüdischen Gatten, dabei ist in Österreich die Zivilehe erschwert. In Budapest, wo sich der Westen mit dem orthodoxen Osten berührt, bildeten die Mischehen im Jahre 1907 19°/o. In Deutschland waren 24° o, in Frankfurt a. M. 30°'o, in Berlin in den Jahren 1905 und 1907 35 und 40°o, in Hamburg waren 46°o aller jüdischen Ehebünde Mischehen. In Italien hat die Mischehe das Judentum schon jetzt fast zu völligem Verschwinden gebracht. In Triest ist der italienische Einfluß sehr fühlbar; es waren dort 1891 38%, 1896 46%, 1903 61 °o aller jüdischen Ehen Mischehen. In Dänemark wuchs der Prozentsatz der Mischehen von 35% auf 83% im Jahre 1905. In Amsterdam sind 20° o Mischehen. Daß in Frankreich und England die Mischehe besonders in den höchsten Kreisen geradezu die vorherrschende Form der Eheschließung ist ist bekannt. Dagegen spielt die Mischehe bei den Ostjuden Rußlands, Galiziens, Amerikas und Englands eine verschwindend kleine Rolle. Es läßt sich der Satz aufstellen, daß;<mit steigen der bürgerlicher Freiheit, wachsendem Wohlstand und kultureller Berührung mit der nichtjüdischen Umgebung die Auflösungstendenzen, die nicht bloß in der Taufe und Mischehe, sondern in dem allgemeinen Bekenntnis zur gewollten Assimilation ihren Ausdruck finden, sich verstärken. Der Zersetzungsprozeß wird durch die Konzentration in der Großstadt und ihre Massennot gefördert. Soll man sich diesem Auflösungsprozeß' entgegenstellen, können wir das Aufgehen in der erdrückenden, uns umgebenden Mehrheit eindämmen, es verhindern? Dr. Zollschan bejaht diese Frage und meint: Die Irrlehren von der Minderwertigkeit, Kultur- und Entwicklungsunfähigkeit des Judentums können wir bekämpfen. Die Begabungsquote der Juden ist wie die der Semiten überhaupt eine sehr hohe. Die Arier- und Germanentheorie löst sich inihrNichts auf. Ein semitischer Rassenstolz wäre ebenso berechtigt. Das Ergebnis von Zollschans Untersuchungen ist aber auch, daß die Rassenreinheit den Kreuzungen vorzuziehen ist. Von Rassenlosigkeit zur Rassenreinheit, — das ist das Ideal. Die Verbreitung dieser Erkenntnis genügt aber nicht, um die Massenflucht vom Judentum aufzuhalten. Die Erhaltung eines Volkes ist nur möglich, wenn es geschlossen ein Landgebiet bevölkert. Diese Deduktion führt zum Zionismus. Es muß jedoch untersucht werden, ob die ausschlaggebenden Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung diesen Weg der Lösung der Judenfrage ermöglichen. In dieser Beziehung führte Dr. Zollschan folgendes aus Für die Judenheit mag für die nächste Zeit die Zerstreuung der einzige Weg sein, um Erwerb zu finden. Für das Judentum ist die Territorialisierung, die geschlossene Siedlung, das Ziel dieser wirtschaftlichen Entwicklung. Um ein Städtervolk aber in ein Bauernvolk zu verwandeln, muß man es seelisch revolutionieren. Diese Volkskräfte auszulösen, vermag nur ein Land, — Palästina! Man hat mich sonderbarerweise für einen Antizionisten erklärt, weil ich darauf hingewiesen habe, daß die Kraft des Zionismus gegenwärtig noch nicht ausreicht, um die Repatriierung der Juden zu vollbringen. Hieraus folgt aber nicht eine Negation des Zionismus, sondern die Notwendigkeit, dem Zionismus die unentbehrlichen Machtmittel zur Verfügung zu stellen. Mein Werk bedeutet eine Grabinschrift nur für das Judentum der Zersetzung und der Diaspora, jedoch eine Verheißung für das Judentum der Zukunft! Dies der kurze Inhalt der ganz ausgezeichneten Rede, die eine vorzügliche, gedanklich geschlossene Begründung des Zionismus geboten hat. Der Referent wurde an mehreren Stellen seiner Rede durch anhaltende Beifallszeicben unterbrochen und war zum Schluß Gegenstand stürmischer Ovationen. Die galizische Hilfsaktion Am 28. November d. J. fand im Sitzungssaale der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in Fortsetzung der Besprechungen betreffend die galizische Aktion eine Versammlung der Delegierten derjenigen Organisationen statt, die eine Zusammenfassung und Vereinheitlichung der bisherigen Arbeit zugunsten der jüdischen Bevölkerung in Galizieii anstreben. An dieser Versammlung beteiligten sich fast alle jüdischen Reichsrats- und Landtagsabgeordneten aus Galizien