Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316454--54071-3347869- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1300 ^ieiMeli No. 49 Wiener Brief; Von unserm Berichterstatter ) Die Wiener Kultuswahlen Die zionistischen Kandidaten sind bei der Wahl vom .27. Nov.; in der Minderheit geblieben. Doch wird der Ausgang der Wahlen von Freund und Gegner als ein deutlicher zionistischer Erfolg i empfunden und bezeichnet. Von rund 4440 abgegebenen Stimmen entfielen auf die zionistischen Kandidaten 1410 bis 1582, die assimilatorischen Kandidaten der herrschenden Partei erhielten 2700—2880 Stimmen, und nur Herr Dr. Hugo Spitzer, dem kein zionistischer Kandidat entgegengestellt wurde, für den also auch Zionisten stimmten, erhielt mehr als 3000 Stimmen. Die zionistische Opposition vereinigte somit 35% aller Wähler. Das bedeutet einen beachtenswerten Fortschritt gegenüber 1908, als die zionistischen Kandidaten 900—1100 Stimmen» d. h. keine 25°/o der abgegebenen Stimmen, zu gewinnen vermochten. Die Niederlage wajy nach dem schönen Sieg im Jahre 1906, als die zionistischen WaMbewerber 1400—1850 Stimmen erzielten und eine Stichwahl. erzwungen hatten, deshalb so empfindlich, weil der Kultusvorstand durch eine gewaltsame Deutung der Wahlvorschriften etwa 12 000 rückständigen Steuerzahlern das Wahlrecht genommen hatte! Die sonntägigen Wahlen, bei denen von 26 000 Steuerzahlern gleichfalls nur die Hälfte zur Urne schreiten durfte, beweisen, daß das zionistische Distriktskomitee es verstanden hat, sich der neuen Situation anzupassen. Die zionistischen Stimmen weisen eine Steigerung von 500 oder von nahezu 50°/o auf! Das ist ein verheißender Erfolg, der um so höher anzuschlagen ist, als ein Teil . der Studentenschaft sonderbarerweise nicht mit voller Kraft und tiicht mit der heißesten Begeisterung in die Wahlschlächt gezogen ist. Während aber die Zionisten einen absoluten und relativen Stimmenzuwachs zu verzeichnen haben, verlor die herrschende Partei nahezu tausend Stimmen. Es ist daher begreiflich, daß man in der Kultusstube des Sieges nicht froh werden kann. Das Herannahen der zionistischen Flut ist deutlich fühlbar. Übrigens tut man den Herren des K'ahals Unrecht, wenn man auf ihre politische Gesinnung hinweist. Schon seit Jahren sind das „Deutschtum" und die dazu gehörigen Deklamationen und Beteuerungen aus der Wahldiskussion ausgeschaltet. Es wagt kein Angehöriger der herrschenden Gruppe, bei den Wahlen in den jüdischen Gemeindevorstand Farbe zu bekennen. Deutschfreisinnig sind die Herren nur bei Reichsrats- und Gemeinderatswahlen. Daran ist wohl am deutlichsten das Zurückweichen der Assimilation zu erkennen. Die „Siege" der Kahalgewaltigen sind in Wirklichkeit Rückzugsgefechte. Daß sich den Vertretern der Plutokratie, den Schützern und Erfindern des Kuriensystems, den Feinden des gleichen Wahlrechts und der Nationalisierung der Gemeinde das winzige Fähnlein der Wiener Itoisten angeschlossen hat, soll nur noch als eine heitere Episode verzeichnet werden. . ■ Es ist unsere nach vieljährigen. Erfahrungen gewonnene Überzeugung: die Eroberung der Wiener Kultusgemeinde ist eine Aufgabe rühriger Agitation, wahltechnischer Vervollkommnung und rastloser Arbeit. Politisches Angebertum , Wir haben es stets sorgfältig vermieden, uns in eine Diskussion mit den Wiener jüdischen Blättern einzulassen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Zionismus zu schmähen. Als der Herausgeber der „Österreichischen Wochenschrift'! seinerzeit. Theodor Herzl einige Seiten seines Blattes für zionistische Publikationen angeboten hatte, lehnte dies Herzl mit der Begründung ab: „Ich will ein reines Blatt haben." Fürwahr, auch wir können nur mit Gegnern, deren Schild blank ist, die Klinge kreuzen. Nachdem die Versuche Dr. Blochs, den Zionismus niederzuringen, ebenso mißglückten, wie die Schmähkampagne gegen Herzl und-Nordau, folgte nach dem Tode des Führers eine Periode heuchlerischer Verbeugungen und Reverenzen vor dem Zionismus und umso tückischere Ausfälle und Seitenhiebe gegen die Zionisten. Natürlich gegen die den Auftraggebern Dr. Blochs gefährlichsten, nämlich gegen die Wiener Zionisten. Die Führer der zionistischen Bewegung, die derzeitigen Mitglieder der Leitung mußten sich jecht groteske, bizarre und abstoßende Anbiederungen der „Österreichischen Wochenschrift" gefallen lassen. Sie trugen ihr Mißgeschick in heiterer Ergebenheit. Aber Herr Dr. Bloch deutete dieses Schweigen nach seinem Sinne und -wurde immer zudringlicher. Er leitete den Kultuswahlkampf mit einer ganz absurden, infamen Verleumdung der Wiener Zionisten und Jüpfechnationalen und hatte die Stirn, bei dieser. Gelegenheit den Versuch zu unternehmen, den Präsidenten des Actions-Comites, Herrn Wolffsohn, als Gewährsmann anzurufen und ihn gegen die Wiener Zionisten auszuspielen. Den Anlaß hierzu holten sieh Herr Dr. Bo ch und seine Getreuen aus dem Landtagswahlkampf. Die Wiener Zionisten behaupteten nämlich, daß die Anhänger des „freiheitlichsozialen" Kandidaten Dr. Schwarz - Hiller den Zionisten zum Dank für die bei der Reichsrats wähl dem Abg. Dr. Ofner geleistete Wahlhilfe versprochen hatten, die Zionisten bei den nächsten Kultuswahlen zu unterstützen. Bei den Wahlen im Jahre 1908 brachen sie aber skrupellos das schriftlich gegebene Versprechen, ihre Führer unterzeichneten den Aufruf der Kahalgewaltigen gegen das allgemeine Wahlrecht — das nennt sich dann natürlich freiheitlich und sozial! — und agitierten geradezu wütend gegen die Zionisten. Dr. Blochs Wochenschrift erklärte nun auf Grund dieser Mitteilungen, die Zionisten Wiens hätten für die gegen einen -Antisemiten geleistete Stichwahlhilfe' Kompensationen und schriftlich verbürgte Gegenleistungen verlangt. Es wäre somit möglich, daß sie es unterlassen hätten, gegen den christlichsozialen Bewerber zu agitieren, falls sie keinerlei Belohnung zugesagt erhalten hätten. Wie freute sich die „Wochenschrift", als sie eine Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, die Wiener Zionisten als Antisemitenfreunde zu denunzieren! Die Zeit schien ihr da zu sein, daß man das alte Argument — Zionisten seien jüdische Antisemiten! — aus der Rumpelkammer hervorholen könnte. Zum Schluß aber kam die seit ein paar Jahren übliche und unvermeidliche Anrufung der „Kölner Leitung" und der Herren Wolffsohn und Prof. Warburg. Die Geschmacklosigkeit des allzu durchsichtigen Manövers wollen wir außer acht lassen. Aber welche Unkenntnis der zionistischen Bewegung gehört nebenbei dazu, absichtlich oder unabsichtlich einen Zusammenhang zwischen dem Actions-Comite und Wiener Reichsrats- oder Landtagswahlparolen herzustellen. Irreführend ist schon das Gerede von der „Kölner Parteileitung". Die Parteileitung der österreichischen oder galizischen Zionisten ist in Wien oder Lemberg. Dort werden autonom und völlig unabhängig vom E. A. C. die Landespolitik und die Wahlaktion der Zionisten und Jüdischnationalen bestimmt und geleitet. Das zionistische Actions-Comite befaßt sich mit keiner Landespolitik, es leitet die Politik und Geschäfte nicht einer Partei, die nicht existiert, sondern der zionistischen Bewegung und Organisation. f Der politische Zusammenschluß und die politische Betätigung der Zionisten eines Landes ist deren innere Angelegenheit. Das Actions-Comite mag die Bedeutung dieser Aktionen und Parteigründungen wie immer einschätzen, es enthält sich jeden Eingreifens in die innern Angelegenheiten eines Landes. Dies ist ein alter Herzischer Grundsatz. Kehren wir aber zu den Verdächtigungen der „Blochschen Wochenschrift" zurück. Daß man es gewagt hat, sie auszusprechen, konnte uns nicht wundern. Die Naturgeschichte ihrer Urheber ist uns eben nicht unbekannt. Da erklärte aber die „Jüd. Ztg.", das Organ der Wiener Zionisten, klipp und klar, daß die Wahlhilfe für Dr. Ofner im Jahre 1907 keineswegs das Ergebnis von Unterhandlungen war. Die Wiener Zionisten stimmten aus eignem Antriebe, spontan, ohne Vorbehalt gegen den Antisemiten und für Dr. Ofner. Ebenso spontan wurde von den Freiheitlichsozialen die Erklärung abgegeben, sie würden bei den Kultuswahlen für di e zionistischen Kandidaten eintreten. Präsident Wolffsohn drückte inzwischen in einem Telegramm an die „Jüd. Ztg.u seine Entrüstung aus über die schmähliche Verunglimpfung der Ehre der Zionisten Wiens und die Verquickung seines Namens mit diesen Verdächtigungen. Herr Dr. Bloch leistet nun das Unglaublichste auf dem Gebiete der Moralkrankheit. Statt die deutliche Erklärung, die Unterstützung Dr. Ofners sei keineswegs der Preis für gemachte Zusagen gewesen, seinen Lesern, zu vermitteln und unredliche Interpretationen zurückzuziehen, wagt das Blatt des Dr. Bloch diese Erklärung völlig zu verschweigen und nunmehr auch Präsidenten Wolffsohn als Anhänger einer Politik zu bezeichnen* die für die Bekämpfung von Antisemiten Entgelt verlange ... Die „Blochsche Wochenschrift" gilt als das Organ des Wiener Kultusvorstandes. Ist es möglich, daß diese Körperschaft ehrenwerter Märyi er dieser wissentlichen Entstellung der Wahrheit als einer Waffe im Wahlkampf nicht entraten zu können glaubt! Wir wollen also nochmals in aller Deutlichkeit die Vorgänge vom Jahre 1907 feststellen, um unwiderleglich zu beweisen, daß die „Österr. Wochenschrift" auf Verleumderpfaden ist. Im Frühjahr 1907, Vor den Reichsratswahlen, erschien Herr Neustadtl, damals Obmann oder leitender Funktionär des „Freiheitlichsozialen Vereins" der Leopoldstadt, bei dem zionistischen Kandidaten Herrn Dr. Schalit und erklärte, die Ofnerianer verpflichteten sich ehren wörtlich, die Zionisten im Kultuswahlkampf zu unterstützen, dafür möge Dr. Schalit zugunsten der Kandidatur Dr. Ofners zurücktreten. Zumindest möge er versprechen, falls er auf seiner Kandidatur beharrt, auch zugunsten Dr. Gustav Kohns, des „deutschfoft-