Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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zu bekommen, nach unzähligen Hinauswürfen, nach tausend bittersten Demütigungen ein zusammengeschrumpfter, energieloser Bettler, der im. Schatten der Häuser von Wirtshaus zu Wirtshaus schleicht, in der einen Tasche Briefpapier, in der andern Stehaufmännchen, scheu nach der Polizei lugend, denn er hat keine Lizenz. Der sonnverbrannte Wischauer Viehhändler ward ein zermürbter Ratenagent. Der untersetzte Ökonom aus der Hradischer oder Kremsierer Gegend lauert auf dem Karmetiterplatz oder vor dem Cafe Orient auf ein Profitchen, der Boskowitzer Fleischhauer oder der Bisenzer Gurkenhändler ruft — von den Gassenjungen besudelt — nach Hasenhäuten, und die urwüchsige Nikolsburger Gänslerin hockt vor dem Armenamt in der Seitenstettengasse und wartet, — ach, wie lange wartet man dort! — auf ein Almosen. So ergeht es den Eltern. Sollen wir mutig sein und uns eingestehen, was aus den Kindern dieser Eltern werden muß- Man sehe in den Massenquartieren der Leopoldstadt und den Schnapshöhlen der Brigittenau nach. Man untersuche die Statistiken über Plattenunwesen und Zuhältertum, über Kanalbewohner und Dirnen letzter Kategorie. . . Seit dem jüngsten Hausierverbote*) hat sich die Situation noch verschärft, und nur der Himmel weiß, wohin das führen wird. Die Wiener erbeingesessene jüdische Bürgerschaft läßt sich die Sache nicht allzu nahe gehn, ist auch der Situation gar nicht gewachsen, und da muß — möglichst leidenschaftslos — von der andern nicht minder grausamen Wiener Judennot die Rede sein, von der moralischen. Alle guten jüdischen Elemente der Metropole, welcher Gesinnung oder Richtung sie auch immer angehören, gestehen die Selbstvergessenheit und Würdelosigkeit eines großen Teiles der Wiener jüdischen Bourgoisie zu. Lueger, der selbst in reichen jüdischen Familien dem guten Essen zuliebe verkehrt hatte, kannte seine Juden sehr gut. Sie kreischen nur auf, wenn der Abgeordnete Steiner rät, die Juden mit Schwefelsäure zu taufen, aber sie verneigen sich gleich wieder hochbeglückt, wenn ihnen ein anderer Antisemitenführer ein Lächeln spendet. Der Herr von Wien ging nach diesem Rezept vor. Er hetzte zuerst mit blutigen Reden, rief vom Versammlungspodium, die Juden hätten die Pest nach Wien gebracht, drohte gelegentlich mit einem Pogrom und verjagte die asiatischen Fremdlinge aus allen Ämtern und Erwerbsmöglichkeiten, und als er ihnen das letzte Endchen Rechte genommen hatte, — da gab er Gnade. Ein joviales Wort dem Kommerzienrate X, die Teilnahme am Leichenbegängnisse eines jüdischen Notabein, ein paar pardonierte jüdische Omnibuskondukteure, die ausnahmsweise nicht aufs Pflaster geworfen wurden, die empfangene Deputation jüdischer Althändler, ein gelegentliches Wort über die Vorzüge koscherer Speisen, —das genügte, die Entarteten kamen mit tiefen Bücklingen herangekrochen, und der Kluge konnte mit der jüdischen Hochfinanz Geschäfte machen. Man entsinnt sich noch, wie sich die „liberale" Presse an sein Krankenlager drängte, ihn mit ihrer Servilität behelligte und ihm förmlich die Füße leckte. Als er starb, hielt der jüdische Großkapitalist Pollak von Parnek den ersten tiefempfundenen Nachruf, vom Hause Rotschild wehte die erste Trauerfahne, sein Leichenzug, eine ungeheure Prozession der Judenfeinde, war von neugierig gaffenden Ghettosöhnen und lorgnierenden Judenfrauen vom Kai in Trauerkleidung umdrängt, und der Wiener Kahal sandte eine Beileidskundgebung, in der er sich „tief bewegt beehrt, die herzliche Anteilnahme an dem für unsere Vaterstadt so schweren Verlust zum Ausdruck zu bringen." Und als nach der Neubesetzung des Bürgermeisterstuhls die sogenannte „Hrabaaffäre" und die Spaltung im antisemitischen Lager kam, sah und sieht man unsere Juden um die Gunst der christlich- *) Das spezifische Martyrium der zugewanderten Ost Juden gehört in einen andern Zusammenhang und wird daher hier nicht behandelt. (Anm. des Autors) sozialen Frondeure buhlen und alles unternehmen, was uns noch tiefer herunterbringen, noch elender machen kann. Das sind nur Streiflichter, die kein Bild von der völligen Destruktion der jüdischen Gesellschaft und von ihrer Stellung im öffentlichen Leben geben können. Tischgesellschaft steht gegen Tisch-, gesellschaft, jeder Klüngel lügt den jüdischen Wählern vor, daß es mit den Christlichsozialen zu Ende sei, und sucht Einfluß zu ergattern, und die Vorgänge im antisemitischen Lager geben die Plattform, auf welcher ein komödienhafter Kampf um Mandate würdelos ausgetragen wird. * * Wiener Judennot . . . Ist sie nicht die Geschichte von hundert zertrümmerten, einst blühenden jüdischen Gemeindewesen? Wo sind die talmudischen Leuchten von Nikolsburg, Proßnitz und Boskowitz? Welche ausgezeichneten Namen von Helden des Sturmjahres, Dichtern, Künstlern und Gelehrten klingen uns im Ohr? Hartmann und Spitzer, Kompert, Hieronymus Lorm und David, Professor Oser und Gustav Mahler. Da sitzen nun die Verjagten, im grausamen Häusernieer, ohne Lust und Hoffnung, eine Musterkarte des Jammers. Die begüterte Oberschicht hat sie verlassen und kommt nur über die Donaubrücken herüber, wenn sie einen der ihrigen von diesen abertausend verzweifelten Händen hinaufheben lassen will in die wohlige Atmosphäre der politischen Macht. . . . Gleichwohl geben wir bewußten Juden die Hoffnung nicht auf, daß man uns hört, bevor es zu spät wird, daß man die bodenständigen Landjuden, — unser bestes Menschenmaterial, — durch Kreditorganisationen gegen den Boykott schützt und sie wieder aufrichtet, daß man durch die einzig mögliche Politik der Selbsthilfe im Sinne unseres „Jüdischen Klub" im Abgeordnetenhause die moralische Not beseitigt und die physische mindert, daß die 180 000 Juden Wiens eine würdige, demokratische, gesunde Verwaltung erhalten. Wir geben die Hoffnung nicht auf, daß in der Stadt, wo Theodor Herzl wirkte,eine Gemeinschaft von tatkräftigen, nackensteifen, begeisterten jüdischen Männern ersteht, welche die nackte Schande mit starken Armen hinausjagt! Saul Pinchas Rabbinowitz Wieder hat die hebräische Literatur und die jüdische Wissenschaft einen überaus schmerzlichen Verlust erlitten. Dienstag den 6. d. M. ist in Frankfurt a. M. der bekannte jüdische Gelehrte und Schriftsteller P. S. Rabbinowitz (bekannt unter dem Namen Schefer) nach kurzem Krankenlager verschieden. Der Verblichene zählte zu den hervorragendsten jüdischen Historikern der Gegenwart. Sein Hauptwerk war die hebräische Übersetzung der großen „Geschichte der Juden" von Grätz, die er auch mit ergänzenden Bemerkungen versah. Er schrieb ferner eine ganze Reihe geschichtlicher Monographien in hebräischer Sprache, vornehmlich Biographien berühmter jüdischer Gelehrten der Neuzeit, wie Zunz, Zacharias Frankel u. a. sowie Denkwürdigkeiten der aus Spanien vertriebenen Juden („Muzae Gola"). Er war der Begründer und Herausgeber des wissenschaftlichen Jahrbuchs „K'nesseth Israel" und beteiligte sich mit wissenschaftlichen und literarischen Beiträgen an fast sämtlichen hebräischen und russisch-jüdischen Zeitungen. Eine bedeutsame Tätigkeit entfaltete der Verblichene auch für die Ausbreitung der national-jüdischen Idee und für die Förderung der Kolonisation Palästinas. Er