Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1296 DIE&ELP No. 49 war einer der Einberufer der bekannten Kattowitzer Konferenz, die den Grundstein zur nationalen Palästinaarbeit legte, und gehörte lange Zeit der Leitung der Chowewe-Zion an. Auch an der modernen zionistischen Bewegung nahm S. P. Rabbinowitz regen ■ Anteil; u. a. war er Delegierter des VI. und des VIII. £ionistenkongresses. Während der letzten Pogrome verließ er Rußland und siedelte nach Frankfurt a. M. über, wo er an einer „Geschichte der Juden Rußlands im letzten Jahrhundert" in deutscher Sprache arbeitete. Er hatte bereits einen großen Teil dieses Werkes fertiggestellt, als ihn der Tod ereilte. Die Leiche S. P. Rabbinowitz' wird nach Berlin übergeführt und auf dem Friedhofe der dortigen Adass Jisroel-Gemeinde bestattet werden. Eine eingehende Würdigung der Persönlichkeit, des geistigen Schaffens und der öffentlichen Tätigkeit des Verblichenen werden wir in der nächsten Nummer der „Welt" bringen. f□□□□□□ o lS-o > FEUILLETON Bialiks neue Lieder Von Dr. Hugo Bergmann, Prag o □□□□□□ c^- - 3 Vor mir liegt ein kleines, schmuckes Bändchen. Auf > vierzig Seiten Duodezformat sechzehn Gedichte Ch. N. Bialiks. Ich blättere in'dem kleinen Büchlein, halte da inne und lese dort einen Vers, — wie man von Zuckerplätzchen nascht. Und während der Wortlaut dieser Reime mein Ohr umschmeichelt und ich, unwillkürlich Lächelnd, den köstlichen Humor dieser Gedichte genieße, fällt mir erst das Sonderbare auf, daß diese neckischen, spöttischen, übermütigen Zeilen — hebräisch sind und — Bialik zum Verfasser haben. Wo bleibt der obligate Judenschmerz? Wo die Tränen, die keinem hebräischen Gedichte fehlen durften? . . . In der ersten und besten Monographie, die wir in deutscher Sprache über Bialik besitzen, — ich meine r die von Ehrenpreis im jüdischen Almanach 5663 veröffentlichte, — wurde seine Dichtung mit den Worten charakterisiert: Der Grundzug der Bialikschen Poesie ist tiefe Traurigkeit. Er wandelt auf der Schattenseite des Lebens. Es ist die Stimmung des Enterbten, der leben will und nicht kann. Die Welt erscheint ihm wie ein ewiger Maimorgen, voll von geheimnisvollen Zaubern und süßen Düften, und die Sonne lacht und lockt, und inmitten dieser herrlich schönen Welt, inmitten dieser Fülle und Herrlichkeit wandelt er, der Frühgebeugte, ein ausgerauchter Vulkan .... In der Tat hatte Ehrenpreis damals recht, Bialik so zu charakterisieren. Aber, Gott sei Dank, Bialik ist kein Greiner geblieben. Nachdem er in seinen ersten Gedichten seine „Generalbeichte" abgelegt, nachdem er wehmütig auf der Schwelle des Beth-Hamidrasch gestanden hatte, dessen Verfall beklagend, wandte er seinen Blick der Zukunft zu, und schon Ehrenpreis konnte den Beginn einer neuen Entwicklung im Schaffen des Dichters signalisieren. 1 Der Bialik, der in seinem letzten Gedichtbande „Chason umassa" sich vom Eindruck der Pogromzeit zu erlösen suchte, war kein „ausgerauchter Vulkan" mehr. Das war ein leidenschaftlicher Ankläger, der diese Pogrombilder zeichnete, nicht etwa nur, um den Anstiftern ein Denkmal ihrer Schmach zu setzen, nein: auch dem Volke, das solches erduldet hat und nicht reif wurde zu einer großen Tat, sondern nach all dem Leid und Martyrium zum Werkeltag und Wochenwerk zurückkehrte wie gestern und vorgestern ... Da zitterte kein Weinen mehr in der Stimme des Sängers, das war ein ein starkes, aufrüttelndes Rufen. Und gleich als wenn er zeigen wollte, wie mannigfaltig seine Kunst und wie reich seine Leier besaitet ist, kommt uns Bialik diesmal liebenswürdig und ausgelassen. Er hat seine Poesie von den Volksliedern befruchten lassen, jenen Jargonsängen, die in Melodie und Text ebenso lustig als bitterwahr sind. Bialik hat einige von ihnen übersetzt, und sie bilden den Schluß der vorliegenden Sammlung, („Misire 'am. Z'miroth upizmonim." Verlag Moriah, Odessa. 25 Kopeken). Da findet man jenes lustige Lied des Fuhrmanns, der es mit allen Berufen versucht und in keinem auf einen grünen Zweig kommen kann. „Soll ich wem a Row, kenn ich nit kain Tojre; soll ich sain a ssojeher, hob ich nit kain s'chojre usw." So geht er alle Berufe durch: zum Spaßmacher fehlt ihm der Humor, zum Räuber der Mut, zum Lehrer das Wissen, zum Schuster die Ahle. Bis er schließlich auf den Gedanken kommt, eine Amme zu werden, um freilich auch da einzusehen, daß es ihm am Notwendigen gebricht. Ich kenne keine trefflichere Charakteristik des jüdischen Luftmenschen, und Bialik hat sie ausgezeichnet ins Hebräische übersetzt. Und ebenso trefflich jenes Liebeslied: Sie sitzt sich in Fenster Und kämmt sich die Härlach; Far wemen sie is zulosen, Far mir is sie ehrlach Oj weh, a Jommer, Oj weh, a Klog! Nito die scheine Röchele Bis haintigen Tog .... Überhaupt Liebeslieder! Man sollte meinen, daß die hebräische Poesie, befruchtet von der Tradition des Hohen Liedes, ihrer besonders viele aufweist. In der Tat gibt es ihrer eine Menge, aber wenige sind von Dichtern geschrieben worden, die —r verliebt waren. Es war "eine gemachte Stimmung. Bei Bialik spüren wir den Hauch der Natürlichkeit. Da ist gleich im Eingang ein Liebeslied eines Mädchens, von einer-Glut und einer Keuschheit, wie sie, glaube ich, nur die hebräische Sprache zum Ausdruck bringen kann, weil sie ihren Worten und Bildern so leicht den Anklang des Feierlichen und Heiligen zu verleihen vermag. Ein zweites Gedicht: „Ich habe einen Garten und habe einen Brunnen"^ gibt das Gespräch zweier Liebenden, dann kommt cfifc Klage des alternden Mädchens,; dann ein