Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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die Klagen des ostelbischen Junkers als niederträchtigen Antisemitismus gebrandmarkt und sich auf wahre israelitische freisinnige Humanität berufen. . . . Ja, unsere Gemeinde- und Familienblätter! Aber die Tatsachen lassen sich nun einmal nicht „wegliberalisieren". Die deutsche Wissenschaft z. B. hat jüngst auf Veranlassung des Kaisers eine materielle Bereicherung von zehn Millionen Mark erfahren. Auf der Geberliste figurieren folgende Namen: Löwe, Cohn, Simon, Rathenau, Friedländer usw. Herr Regierungsrat Rudolf Martin schreibt in seinem neuen Buche „Deutsche Machthaber": „Das gegenwärtige System der Wilhelminischen Regierung, die reichen Leute und insonderheit die großen Juden für wissenschaftliche und nationale Zwecke direkt zu besteuern, muß als durchaus nützlich anerkannt werden/' Und Herr Martin meint, daß der deutsche Kaiser, indem er die großen Juden in den Dienst der Philanthropie stellt, den Stein der Weisen entdeckt habe. . . . Die großen Juden sollen für deutsche öffentliche Zwecke möglichst viel Geld geben, aber ein Senator mußte sich mit einer „ordentlichen Honorarprofessur" zufrieden geben; Ehrlich konnte, weil er Jude ist, gar keine Professur bekommen, und dem großen Weigert ist direkt die Taufe zugemutet worden. Das nenne ich kluge Politik. Sie bringt Millionen ein und kostet nichts, nur weil die preußischen deutsch-nationalen, freisinnigen Israeliten Knechte sind .... und für Freiheit zappeln. Herr Professor Dr. Rothe von der Berliner Universität rühmte in seiner Rede anläßlich der Hundertjahrfeier der Berliner Universität die preußische Freiheit, die, wie er sagte, mit der phantastischen Gleichmacherei nichts gemein hat. Worin besteht die Freiheit, die Herr Professor Rothe so sehr rühmte? Der Schwiegervater, ein reicher Kommerzienrat, wirft eine oder mehrere Millionen für deutsch-nationale Stiftungen aus, und der Schwiegersohn dieses philanthropischen Kommerzienrates bleibt ein Vierteljahrhundert Privatdozent und wird nach vierzigjährigem Staatsdienst als „ordentlicher Honorarprofessor" oder als außerordentlicher Professor ohne Lehrauftrag aus dem Staatsdienst entlassen. Das nenne ich „Freiheit, die mit phantastischer Gleichmacherei nichts gemein hat". Von 180 jüdischen Hochschullehrern in Deutschland sind jetzt nur noch drei ordentliche Professoren. Die andern 177 sind „außerordentlich" mit Amt und Pflichten, aber ohne Sold und Rechte. Unter diesen 177 finden sich Männer von europäischem Ruf, wissenschaftliche Bahnbrecher, geniale Lehrer und Forscher von eigenem Schnitt. Aber sie sind Juden, und die Preußen lieben die Freiheit. . . . Wie wäre es z. B., wenn die israelitisch-deutschen Philanthropen einmal streikten und erklärten: Wir geben nur unter der Bedingung, wenn Sie Ihren Freiheitsbegriff revidieren, wenn die preußischen Universitäten die jüdischen Gelehrlen nicht demütigen? . . Ich weiß nicht, ob die preußische Freiheitsgöttin vor dieser Drohung erbeben würde, vielleicht würde sie sich mit einer Bemerkung „die frechen Juden" darüber hinwegsetzen und den Streik verachtungsvollignorieren. Aber wenn unsere israelitischen Philanthropen weniger Sklavenseelen wären, würden sie es einmal auf diesen Streik ankommen lassen. . . . Denn das Spenden und Sterben versäumt man nicht. Jeder Streik setzt ein gewisses Ehr- und Standesbewußtsein voraus, aber unsere Philanthropen haben nur Sinn für die preußische Freiheit und genießen sie mit knechtischem Sinn. Nachdem das Ehr-, und Selbstbewußtsein der preußischisraelitischen Philanthropen in der letzten Zeit bis zum Nullpunkt gesunken war, trat eine kleine Reaktion ein: In den letzten Wochen ging die Kunde von einem israelitischen Gemeindeblatt zum andern, daß die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens beschlossen hätten, nicht eher zu ruhen, bis ihnen das geraubte Recht auf den Reserveleutnant wiedergegeben würde. Manche deutsch-nationale Blätter, die auf israelitische Unterstützung angewiesen sind (die meisten preußischen deutsch-nationalen Israeliten sind theoretische Demokraten und praktische Nationalliberale) lobten dieses edle Streben, diese israelitische Reserveleutnant - Bewegung, und bezeichneten sie als Symptom für das Wiedererwachen des deutsch-nationalen Bewußtseins unter den deutschen Juden. Der Herr Kommerzienrat ist ein kluger und praktischer Herr. „Ob mein Schwiegersohn sein Leben lang Privatdozent oder nur außerordentlicher Professor bleibt, ist nicht von Belang, denn er ist ja ökonomisch sichergestellt; aber mein Sohn muß Reserveleutnant werden, mein Sohn ist mir näher als mein Schwiegersohn. Wenn er später Rittergutsbesitzer werden soll, ohne Reserveleutnant gewesen zu sein . . . das ist eine traurige Aussicht." Und darum appelliert er an den preußischen Staat im Namen des Menschenrechts, der Humanität, der Sittlichkeit, der Konstitution, des Freisinns, im Namen seiner germanischen Gesinnung, bettelt und bettelt und schnorrt: „Macht meinen Sohn zum Reserveleutnant, es kostet ja nichts. ... Im schlimmsten Falle bin ich gerne bereit, das neue Bismarckdenkmal zu bezahlen oder dem Studentenkorps, das meinen Sohn nicht als Mitglied aufgenommen, ein Haus zu kaufen." Dabei vergißt er aber die besondere Natur der preußischen Freiheit, die Herr Professor Dr. Rothe so schön definiert und gelobt hat, trotzdem einen Tag vorher preußisch-israelitische Herren der deutschen Wissenschaft mehrerere Millionen Mark zugetragen haben. . . Ja, die preußische Freiheit und die Manneswürde der preußischen Israeliten. . . . Die Sache hat aber auch noch eine andere traurige Seite. Abgesehen davon, daß heute zwei Drittel des jüdischen Volkes vor dem^ ökonomischen Ruin stehen und mit allen Machtmitteln des russischen Staates der Degeneration zugetrieben werden, während reiche Juden im Westen unzählige Millionen für „allgemeine" und deutsch-nationale Zwecke hergeben, das heißt, die Peitsche ihrer Peiniger küssen, ist diese Art Philanthropie geeignet, dem Antisemitismus neue Nahrung zu geben. . . . Der ostelbische Junker fühlt sich gekränkt, der deutsche Spießbürger zurückgesetzt, und viele deutsche Männer empfinden es als Beleidigung, daß so viele neue deutsche Institutionen mit jüdischem Gelde ins Leben gerufen und unterhalten werden und sie nicht die Möglichkeit haben, sich an diesen Werken zu beteiligen. Ihre kleinen Gaben von 20 oder 100 Mark verschwinden gegen die Hunderttausende, die reiche Juden mit einemmal geben. Nur von wenigen deutschen Männern wird diese jüdische Philanthropie anerkannt, die großen Massen fassen sie entweder als eine Herausforderung oder wie der ostelbische Junker als eine unerhörte Aufdringlichkeit auf. . . . Ich hoffe, daß es nicht lange dauern wird, und ein Verein wird ins Leben treten, dessen Aufgabe darin bestehen wird, die jüdische Philanthropie zu bekämpfen, und brave Preußen werden rufen: „Jud, behalt dein Geld für dich; wir wollen unsere Denkmäler, Dome, Hospitäler und wissenschaftliche Institute selber bauen und erhalten." Ob die preußischen Israeliten dann für ihr gutes Recht auf Philanthropie kämpfen werden? . . . Oder ob sie bis dahin ihre Millionen in den Dienst der Wiedergeburt und der Befreiung des jüdischen Volkes stellen werden, ist schwer vorauszusagen. Eher ist das erstere anzunehmen. . . . Preußische Freiheit und preußisch-israelitisches Selbstbewußtsein! . . . Wehe dem Volk, dessen Mächtige und Große Sklaven sind. Vom Wiener Judenelend Von Dr. Otto Abeles. Wenn es wahr ist, daß sich die potenzierteste Not mit dem heißesten Lebensdrange paart und stolze Kräfte in die Welt setzt, wenn es wahr ist, daß alles Eiternde und Schwärende quellende Lebenskeime birgt, dann müßte dem Wiener Judentum ein herrlicher Frühling bevorstehen, — denn sein physisches und moralisches Elend kann wohl nicht mehr gesteigert werden. Jeder weiß, welch furchtbare Folgen der österreichische nationale und christlichsoziale antisemitische Boykott, mit sich gebracht hat. Unser prachtvolles, kerngesundes, schlichtes, arbeitstüchtiges Landjudentum ward in kurzen Jahren dezimiert. In Böhmen, Mähren und Schlesien hat man es entwurzelt, von der Scholle gejagt, und es begann das unselige Pilgern nach der Residenz. Alle die geknickten Existenzen verschwanden im Bauche der Großstadt, willenlos hingezogen, — wie der Frosch, vom Blick der Schlange geknebelt, in ihren Rachen kriechen muß. Pohrlitzer und Holleschauer, Nikolsburger und Gewitscher, Boskowitzer und Kanitzer, Brüsauer und Wischauer, — wer könnte die sterbenden Judengemeinden erschöpfend aufzählen, — sie alle strömten in den „Ansiedlungsrayon" jenseits des Donaukanals, in die Leopoldstadt und die Brigittenau. Über dem schönen blauen Donaustrom erhob sich just der Stern Dr. Karl Luegers, und mit der zugeströmten westösterreichischen jüdischen Reservearmee — die noch durch das Regiment der westgalizischen jüdischen Desperados verstärkt ward — ging eine ganz jämmerliche Metamorphose vor sich. Einst ging der vierschrötige, wetterharte Holzverlader aus Wallachisch-Meseritsch, Krasna, Friedek oder Feschen, die Peitsche im Stiefelschaft und die Pfeife im Mundwinkel, neben seinem Schwerfuhrwerk her, das die Holzschätze aus dem Gebirge zur Städtebahn brachte. Jetzt ist er nach unzähligen Versuchen, manuelle Arbeit