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Die Welt · 1910-12-09 · 49 (9.12.1910) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
49 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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einer Art von ironischer Grimasse und hauchten: Idealismus. Damit waren heiße, junge Seelen abgetan, und man dachte nicht mehr an die Schwärmer. Die Diagnose auf Idealismus verkündet nämlich unbedingt letalen Ausgang und ist daher ein besiegeltes Todesurteil. Die Diagnose war richtig, aber die Prognose war diesmal wie allemal falsch. Der Zionismus lebte und gedieh und wuchs. Und noch mehr. Er begnügte sich nicht mehr, ein stilles Bekenntnis einzelner zu bleiben, er wollte und will vielmehr sein Gepräge und sein Wollen dem ganzen jüdischen Volke aufdrücken. Er wollte und will immer mehr seinen Idealismus in Wirklichkeit umsetzen. Er wirbt im Judentum — mit Erfolg. Einem so bösartigen Idealismus gegenüber genügt das Lächeln nicht mehr, er kann einfach nicht totgelächelt werden. Da muß schweres Geschütz aufgefahren werden. Und so bekämpfte und bekämpft man den Zionismus als — Idealismus. Nun soll es klar und ehrlich gesagt werden: Jawohl, der Zionismus verdient vollauf die Bekämpfung, denn er ist reiner, unverfälschter Idealismus. Das ist sein Stolz und seine — Sicherheit! Allerdings muß er darauf bedacht sein, und er ist es auch, sich gegen den gemeinen Realismus wie gegen dje Phantasterei scharf abzugrenzen. Aus engem und beschränktem Wirklichkeitssinn hätte der Zionismus niemals hervorgehen können. Denn er glaubt an eine Möglichkeit außerhalb der gegebenen Wirklichkeit. Er glaubt nämlich, daß das jüdische Volk noch glücklich sein kann, obgleich die gegebene Wirklichkeit weder Glück hat, noch Glück verheißt. Er glaubt, daß die Juden noch sehr gut stolze und aufrechte Menschen werden können, obgleich sie in der gegebenen Wirklichkeit sich nur bücken und verkriechen können. Er glaubt, daß sich das jüdische Volk noch ein eigenes Heim wird aufbauen können, obgleich es in der gegebenen Wirklichkeit in seiner großen Mehrheit mit dem Wanderstab in der Hand von Ort zu Ort geworfen wird, da vertrieben und verdrängt und dort nicht eingelassen. Er glaubt, daß der Name „Jude44 noch ein klangvoller Ehrenname werden wird, obgleich er in der gegebenen Wirklichkeit überall ein Schimpfname ist. Er glaubt, daß das jüdische Volk noch einmal seine großen Geisteskräfte sammeln wird, um eine schöne und geachtete Eigenkultur zu schaffen, obgleich es in der gegebenen Wirklichkeit seine Kräfte zersplittert und jedes Fünkchen von Kraft irgendwohin wegträgt; wo es nicht beachtet und nicht gespürt wird. Er glaubt, daß das jüdische Volk sich noch auf seine eigene Lebensaufgabe und seinen eigenen Lebenstrieb besinnen wird, obgleich es in der gegebenen Wirklichkeit in allen möglichen und unmöglichen Lagern und Parteien sich zerstreut und betätigt, ohne Dank und ohne Anerkennung. An all das und manches andere von der Art glaubt der Zionismus, weil er idealistisch ist und über das wirkliche Heute auf das mögliche Morgen hinausblickt. Darin unterscheidet sich der Zionist von dem beschränkten, kleinen Wirklichkeitsmenschen. Aber ebenso entschieden unterscheidet sich der zionistische Idealismus von irgendwelcher Phantasterei. Er kennt eben die wirkenden Triebkräfte und rechnet mit ihnen, er kennt die gegebenen historischen Verhältnisse und zieht sie in seinen Kalkül. Der Zionismus weiß, daß Menschenwürde und Nationalgefühl reale Seelenkräfte sind, und operiert mit ihnen. Wäre nicht eine gewisse Emanzipation der Juden vorangegangen, — wer weiß? — vielleicht hätte der Zionismus nicht aufkommen können. Leuten, die nicht eine Spur von Freiheit genossen haben, kann man nicht von ganzer Volksfreiheit reden. Wären die Juden nicht in großen Massen in die moderne europäische Kultur eingetreten, — wer weiß? — vielleicht hätte der Zionismus nicht aufkommen können. Die Juden hätten dann nicht die ganze Größe und Tiefe und den ethischen Wert und die bauende Kraft des Nationalgefühls bei andern kennen gelernt und hätten sich vielleicht nicht auf ihr eigenes Nationalgefühl besonnen. Das alles ist aber vorangegangen und ist Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit freilich, die über sich hinausweist. Freie Juden sind eine Vorstufe zu einem freien Judenvolk. Moderne Kulturjuden sind eine Vorstufe zu einer modernen Judenkultur. So hat der zionistische Idealismus feste Wirklichkeit unter den Füßen, und auf dieser Wirklichkeit baut er und versucht, eine große Möglichkeit wirklich zu machen. Ja, er arbeitet sogar mit sehr, sehr wirklichen Mitteln. Unter anderm mit — Geld. Der Zionismus fordert von seinen Anhängern nicht bloß treue Gesinnung, sondern auch Geldopfer. So sehr, daß manche, wenn sie von kaufmännischer Führung reden hören, darin beinahe eine Profanation des Ideals befürchten. Dem ist aber tatsächlich nicht so. Der zionistische Idealismus, wie jeder andere reine Idealismus, der nicht Phantasterei ist, steht ganz innerhalb des Geltungsbereichs der Kausalität. Mit wirklichen Mitteln will und wird der Zionismus sein Ideal, das heißt: die von ihm geglaubte und gewollte Möglichkeit, wirklich machen. Freilich, vor allen Dingen liegt unsere Stärke in unserm Idealismus. In dem unerschütterlichen Glauben, daß das, was wir wollen und anstreben, möglich ist. Je mehr Idealismus im Zionismus steckt, desto sicherer ist seine Verwirklichung. Der Zionismus träumt nicht und phantasiert nicht, er ist wach und handelt wie jeder klare Idealismus, der eine reale Triebkraft zu werden bestimmt ist. Dieser belächelte und bekämpfte zionistische Idealismus ist schon heute ein Aufschwung und ein Triumph der jüdischen Volksseele. Er wird noch des jüdischen Volkes wirklicher Erfolg werden. Preußische Freiheit und israelitische Knechtschaft Von Dr. S. M. Melamed Ein ostelbischer Junker klagte vor kurzem in einer mitteldeutschen Zeitung, daß die Monopolisierung der Philanthropie durch die Juden es ihm unmöglich mache, sich philanthropisch zu betätigen. „Schreibt ein preußischer Kriegerverein ein Kaiser- oder Kanzlerdenkmal aus, dann geben die Juden das Geld; wird irgendwo ein neuer Dom gebaut, ein neues Krankenhaus oder ein anderes gemeinnütziges Institut, dann wird es von Juden bald patronisiert; tobt der Vesuv in Italien, wird das Ahrtal überschwemmt, bebt irgendwo die Erde, dann kommen gleich die getauften und ungetauften Juden mit ihrem Geld; wünscht ein deutscher Fürst eine neue Rennbahn, die Förderung der Aviatik und der Aeronautik, dann braucht er nur einem „Hofjuden" zu winken, und die Mittel sind sofort aufgebracht." Und unser ostelbischer Junker weint bittere Tränen, daß die Juden die deutsche Philanthropie ganz in ihre Hand genommen haben, ohne einem andern zu ermöglichen, seine Aufopferungsfähigkeit zu erweisen. Gewiß hat manches israelitische Gemeindeblatt in Deutschland

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