Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-12-09 · 49 (9.12.1910) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
49 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316454--54063-3347861
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1292 DIE LT —----------- ■ No. 49 ETWAS ÜBER IDEALISMUS Von Dr. O. Thon, Krakau Wenn Krämer — und es müssen nicht gerade Besitzer von Gewürzläden sein, sie können auch an Universitäten dozieren, Zeitungen machen, Bücher schreiben und ähnliche Kurzweil treiben, wenn sie nur den „Kram" in der Seele tragen, wogegen mancher Besitzer eines wirklichen Krams eine sehr hochgestimmte Seele haben kann, — also: wenn seelisch echte Krämer sich recht fröhlich unterhalten wollen, spötteln sie über — Idealisten. Idealisten, —das sind nämlich so komische Narren, die übrigens durchaus harmlos und unschädlich sind, es sei denn, daß sie ihren Idealismus irgendwie in Wirklichkeit umsetzen wollen. Da können sie sogar bösartig und gemeingefährlich werden, und besagte Krämer empfinden es als ihre „heilige" Pflicht, sie unschädlich zu machen. So oder so, — in Qüte, wenn es geht, aber auch mit Gewalt, wenn es sein muß. Also man spöttelt oder verfolgt. Und da nun besagte Krämer fast immer die kompakte Majorität bilden, die nur langsam abbröckelt, so haben es die Idealisten nicht gerade leicht auf der Welt. Es wäre aber gut und nützlich, näher zuzusehen, was eigentlich Idealismus bedeutet. Selbstredend soll hier nicht eine metaphysische Abhandlung geschrieben werden. Dazu ist hier nicht der Ort. Bloß das ganz Obenaufliegende soll gehoben und ein bißchen geklärt werden. Also, — was ist, ohne Aletaphysik, Idealismus? Ich glaube, im Grunde genommen nichts anderes und nichts mehr als der Glaube an eine Möglichkeit außerhalb der Wirklichkeit. In der Metaphysik sind Idealismus und Realismus voll ausgewachsene Gegensätze. Was der Realismus bejaht, beeilt sich der Idealismus zu verneinen, und genau so verfährt der Realismus mit seinem Widerpart, dem Idealismus. Anders im sozialen Leben, in seinem Sein und Werden. Hier ist Idealismus, genau genommen,bloß ein verlängerter, ein weitsichtiger Realismus. Denn was ist Wirklichkeit? Die Möglichkeit von gestern. Und was ist Möglichkeit? Die Wirklichkeit von morgen. Dies lehrt uns die Geschichte auf jedem Blatt. Man kann ruhig die Behauptung aufstellen, daß die ganze Dynamik der Weltgeschichte eine fortlaufende ununterbrochene Vergegenständlichung desIdealismus ist. Wenn man wilde Tiere zu Haustieren zähmte, Felder bebaute, Städte gründete, Länder zusammenschloß, Reiche schmiedete, so war das alles nur wirklich gewordene Möglichkeit, wahrgewordener Idealismus. Es ist eigentlich nicht nur im Großen, im Welthistorischen so, es verhält sich auch im Kleinen und Alltäglichen nicht anders. Wenn ein Kaufmann eine neue Ware auf einen fremden Platz bringt, lächeln die sogenannten Wirklichkeitsmenschen und sagen: Das braucht man ja hier nicht! Sie wissen eben nicht, daß mäh es nur darum nicht braucht, weil es nicht da ist. Man wird es aber sehr wohl brauchen, wenn es da sein wird. Das ist eben der verhängnisvolle Irrtum des sogenannten Wirklichkeitsmenschen:, er glaubt, daß nur das sein kann, was schon ist. Eingesponnen in seine enge und begrenzte Wirklichkeit, sieht er nur das Sein, der Idealist sieht aber auch das Werden. Auch das Werden, aber nicht nur das Werden, nämlich nicht losgelöst vom Sein, sondern damit zusammenhängend und daraus fließend. Wir stoßen da auf eine andere psychologische Erscheinung, die wie Idealismus aussieht und/mit ihm verwechselt wird, aber doch etwas ganz anderes* ist und bedeutet. Nämlich: die Phantasterei. Der tiefe Unterschied zwischen den beiden Kategorien ist der: der Idealismus baut auf festen Grund, die Phantasterei aberbaut in der Luft. Der Idealismus will die /Möglichkeit wirklich machen, die Phantasterei aber versucht dasselbe mit der — Unmöglichkeit. Freilich sind Möglichkeit und Unmöglichkeit häufig auch nur Grad-, nicht Artunterschiede, und ihre "Beurteilung hängt gar oft von der stärkern oder schwächern geistigen Sehkraft ab. Was dem Kurzsichtigen unmöglich erscheint, das sieht der Scharf- und Weitsichtige als möglich. Aber immerhin gibt es auch objektiv festzustellende Unterschiede zwischen Möglichkeit und Unmöglichkeit. Unmöglich ist das, was außerhalb des Gesetzes von Ursache und Folge steht, möglich aber ist alles, was in die kausale Kette eingefügt werden kann. Wenn ich oben den Kaufmann einen Idealisten nannte, der eine neue Ware auf einen fremden Platz bringt, so werde ich, um bei demselben Beispiele zu bleiben, den Kaufmann eines Phantasten nennen, der etwa Pelzwaren in einer tropischen Gegend abzusetzen sucht. In diesem Falle werden wir mit Recht von einer Unmöglichkeit sprechen, weil da niemals ein ursächlicher Zusammenhang zustande kommen kann. Dieselbe Phantasterei begeht ein Weltverbesserer, der elementare und als elementar erkannte Eigenschaften und Triebkräfte der Menschen in seinen Kalkül nicht einbezieht, der z. B. vergißt, daß es so etwas wie Hunger, Liebe, Haß, Neid, Ehrgeiz und vieles andere von der Art in der Menschenseele gibt. Der Idealismus verfällt nie und nimmer in diesen logischen und sachlichen Fehler. Er kennt sehr wohl die seelischen Triebkräfte und historischen Verhältnisse, er bestrebt sich bloß, sie in neue mögliche Kombinationen zu fügen und in neue mögliche Richtungen zu lenken. So muß man den Idealismus nach zwei Seiten hin scharf abgrenzen. Gegen die Phantasterei, mit der er wohl den Schwung gemeinsam, aber vor der er den Wirklichkeitssinn voraus hat. Und gegen den begrenzten Realismus, mit dem er wohl den Wirklichkeitssinn gemeinsam, vor dem er aber einen neuen Sinn, den Möglichkeitssinn, voraus hat. Wenn nun Krämer ihre festgezimmerte Wirklichkeit gegen den Idealismus lächelnd oder kämpfend verteidigen, so wissen sie eben nicht, daß ihre Vorfahren im Kram dieselbe heutige Wirklichkeit gestern oder vorgestern als Idealismus belächelt oder bekämpft haben. Ebenso wissen sie nicht, daß ihre Nachfolger im Kram morgen oder übermorgen sich in dem heutigen Idealismus wie in einer festen Burg von Wirklichkeit verschanzen werden. * * Als der Zionismus zum erstenmal noch furchtsam und schüchtern auftrat, da steckten unsere Krämer von allen Berufen die Köpfe zusammen und zischelten und spöttelten. Und dann verzogen sie den Mund zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.