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Die Welt · 1910-12-02 · 48 (2.12.1910) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 18)
Language
German
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v russische Landeskonferenz der Organisation für hebräische Sprache und Kultur Vom 3. bis 6. November fand in Kiew ein aus allen Teilen Rußlands beschickter Vertretertag der russischen Landesorganisation für hebräische Sprache und Kultur statt. An der Konferenz nahmen u.a. teil: Ch. N. Bialik, N. Sokolow, A. Ben-Avigdor, M. Ussischkin, H. Slatopolski (Kiew), Rabbiner Tschernowitz (Odessa), Rabbiner Mase (Moskau). In das Präsidium wurden die Herren Slatopolski, Ussischkin und Rabbiner Mase gewählt. Herr Slatopolski eröffnete die Versammlung mit einer Begrüßungsansprache und widmete dem jüngst verstorbenen hervorragenden hebräischen Schriftsteller E. L. Lewinski einen warmen Nachruf. Die Verhandlungen der Konferenz wurden ausschließlich in hebräischer Sprache geführt Es wurden Referate erstattet über den gegenwärtigen Stand der hebräischen Organisation in den Gouvernements Kiew, Wilna, Warschau und andern Teilen Rußlands. In der Diskussion m chten sich be^ügl ch des künftigen Arbeitsplanes der hebräischefa Organisation zwei Strömungen geltend. Ein Teil der Delegierten war der Ansicht, daß die russische Landesorganisation sich hauptsächlich mit der Gründung und Förderung hebräischer Konversationsvereine befassen soHte. Demgegenüber wandte der Schriftsteller A. J. Slutzki im Namen der „Opposition" ein, die hebräische Konversation im Golus sei eine Utopie, für die es schade wäre, wertvolle Kräfte zu vergeuden. Die Wiederbelebung der hebräischen Sprache könne ausschl eßlich in Palästina erfolgen. Die hebräische Organisation habe größere und weitergehende Aufgaben. Sie soll das nationale Leben in allen seinen Ausdrucksformen beeinflussen, soll auf die öffentlichen Institutionen und Unterrichtsanstalten einwirken, die hebräischen Lehrer organisieren, die hebräische Literatur in großzügiger Weise fördern, den Geist der hebräischen Kultur in alle Kreise des jüdischen Volkes hineintragen, kurz, für die Erhaltung des Judentums und die Ausbreitung der jüdischen Kultur bedacht sein, nicht aber sich auf den „Sport" der hebräischen Konversation beschränken. Nach eingehender, teilweise sehr erregter Debatte wurde eine Resolution angenommen, der zufolge die Ortsgruppen der hebräischen Organisation bemüht sein sollten, auf die lokalen Kultur- und Erziehungsanstalten im Sinne der national-hebräischen Bestrebungen einzuwirken. Die Mitglieder der Organisation sollen nach Möglichkeit untere nander, sowohl im häuslichen Kreise wie auf der Straße nur Hebräisch sprechen. Sie sind verpflichtet, ihre Kinder Hebräisch zu lehren und sie zum Hebräischsprechen anzuhalten. Jede Ortsgruppe soll einen Jugendbund organisieren, dessen Aufgabe es ist, hebräische Zeitungen und Bücher zu verbreiten und die hebräische Literatur in jeder Weise zu fördern. An die Verlesung eines Begrüßungsschreibens von Dr. Ts c h 1 en ow (Moskau) knüpfte sich eine längere Debatte. In dem genannten Schreiben legt nämlich Dr. Tschlenow der Konferenz nahe, das Verhältnis der Organisation für hebräische Sprache und Kultur zur zionistischen Partei zu präzisieren. Ussischkin trat diesem Vorschlage mit der Begründung entgegen, daß die Konferenz lediglich über interne Angelegenheiten der hebräischen Organisation zu beraten habe. Demgegenüber schlössen sich Bialik und Boruchow dem Vorschlag Dr. Tschlenows an. Redakteur Tschernowitz (Wilna) meinte, die hebräische Organisation trage keinerlei Parteicharakter, umfasse vielmehr alle diejenigen Juden, die sich für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache und die Erhaltung der hebräischen Kultur interessieren. Es liege daher keine Veranlassung vor, die hebräische Organisation auf ein bestimmtes Parteiprogramm festzulegen. Schließlich wurde eine Kommission eingesetzt, die den Vorschlag Tschlenows eingehend beraten und der Konferenz Bericht erstatten sollte. Bezüglich des hebräischen Kulturkongresses wurden die Beschlüsse der vorjährigen Berliner Konferenz eingehend besprochen und zum Teil heftig bekämpft. A. J. Slutzki wandte sich insbesondere gegen denjenigen Beschluß der Berliner Konferenz, wonach zu den Beratungen des Kulturkongresses bloß gewählte Vertreter der Vereine zugelassen werden sollen. Dieses demokratische Prinzip werde vielleicht gut angebracht sein, wenn einmal die Organisation ausgebaut sein und eine größere Anzahl von Vereinen und Ortsgruppen in den verschiedenen Ländern bestehen wird. Vorläufig sei es nicht gut möglich und auch durchaus unzweckmäßig, die ganze Arbeit auf den organisierten Vereinen aufzubauen. In ähnlichem Sinne sprach Rabbiner Tschernowitz (Odessa). Kulturelle Bewegungen — führte, er aus — verdanken stets einer Minorität von Intellektuellen ihre Entstehung. So müsse denn auch die hebräische Renaissancebewegung von Gelehrten und Schriftstellern, nicht aber von der Masse und der Jugend ausgehen. — Dagegen machten andere Delegierte geltend, die hebräische Renaissancebewegung müsse die weitesten Volkskreise zu intensiver kultureller Tätigkeit anspornen und könne daher keine abstrakte, auf die Gelehrtenwelt beschränkte Angelegenheit bleiben. Der ungesunde geistige Zustand des heutigen Judentums — führte Herr Ussischkin aus — sei nicht darauf zurückzuführen, daß wir keine Akademien, keine Gelehrtenversammlungen haben, sondern darauf, daß das Volk unserer Thora, der nationalen Kultur entfremdet ist. Wenn auf dem hebräischen Kulturkongreß Gelehrte und Schriftsteller tiefsinnige Rtferate halten werden, so wird uns dies nichts nützen, wenn wir keine Zuhörerschaft haben, die den Inhalt der Referate zur Durchführung bringt. Die Konferenz nahm schließlich einen Kom pro in iß an trag an, wonach der Vorbereitungsausschuß des hebräischen Kulturkongresses darauf hinwirken solte, daß die Vereine auch bedeutende jüdische Gelehrte und Schriftsteller als Delegierte zum hebräischen Kulturkongreß wählen. Außerdem soll es dem Zentralkomitee freistehen, jüdische Gelehrte, die der hebräischen Sache nützlich sein können und nicht als Delegierte gewählt worden sind, zum Kulturkongreß einzuladen und dem Kongreß vorzuschlagen, diesen Gelehrten beschließende Stimme einzuräumen. Die Zeit des hebräischen Kulturkongresses wurde auf Chanukkah nächsten Jahres festgesetzt. Der Kongreß soll in einer großen Stadt Deutschlands tagen. Die nähere Bestimmung des Ortes bleibt dem Zentralkomitee überlassen. Ch. N. Bialik verbreitete sich in längerer, überaus glänzender Rede über die Aufgaben des bevorstehenden Kulturkongresses. Derselbe habe einen demonstrativen und einen praktischen Zweck. In praktischer Hinsicht bestehe seine Hauptaufgabe in der Verbreitung der hebräischen Literatur und Förderung der bestehenden literarischen Unternehmungen. Was die Herausgabe neuer Literaturwerke anbetrifft, hält Bialik die Schaffung eines nationalen Kanons für das dringendste Erfordernis. Es soll eine Sammlung der wichtigsten Schriften der alten und modernen hebrä:schen Literatur veranstaltet und «dem Volke in einer billigen Ausgabe zugänglich gemacht werden. Ferner soll eine Monatsschrift herausgegeben werden, diesich mit sämtlichen Fragen der hebräischen Sprache und des hebräischen Stils befassen, den Barbarismen und sprachlichen Mißbräuchen entgegenarbeiten, Vorschläge zu Neubildungen erörtern soll usw. Außerdem sei die Gründung einer Zeitschrift für jüdische Volks- und Sagenkunde und einer dritten Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums im weitesten Sinne des Wortes dringend wünschenswert. Es sei eine Schmach, daß die jüdische Wissenschaft hauptsächlich von nichtjüdischen Gelehrten oder von jüdischen Gelehrten in fremden europäischen Sprachen gepflegt wird; sie müsse wieder auf ihren ursprünglichen Boden verpflanzt werden. Die wertvollsten Erzeugnisse der Wissenschaft des Judentums müßten ins Hebräsche übersetzt, im hebräischen Gewände der Nachwelt überliefert werden, wie es mit den arabischen Schöpfungen des Mittelalters der Fall war. Auch müsse endlich eine Berufsgen ossenschaft hebräischer Schriftsteller und Journalisten ins Leben gerufen wie auch die jüdische Kunst systematisch gefördert werden. In dieser Beziehung sei die Errichtung eines Museums für jüdische Kunst, ferner die Sammlung aller jüdischen Volkslieder und synagogalen Gesänge geboten. Überaus viel wäre noch auf dem Gebiete des Erziehungswesens zu leisten. Der Mangel an Schul- und Lehrbüchern mache sich immer drückender geltend. Ein besonderer Lehrbücherverlag müsse gegründet und eine fachmännische Kommission eingesetzt werden, die die verschiedenen Lehrpläne der bestehenden hebräischen Schulen sammeln und auf dieser Grundlage ein allgemeines Unterrichtsprogramm entwerfen soll. Für die Pflege der hebiäischen Konversation müßten besondere Real Wörterbücher, nicht Lexika in rein alphabetischer Anordnung herausgegeben werden. Die Konferenz genehmigte dieses von Bialik entworfene Arbeitsprogramm als Grundlage für die Beratungen des hebräischen Kulturkongresses. Nahüm Sokolow ergänzte die Ausführungen Bialiks, indem er darauf hinwies, daß es notwendig sei, besondere Ausstellungen zu veranstalten, die unsere bisherigen Leistungen auf kulturellem , Gebiete, das Erziehungswerk der hebräischen Schulen in Palästina und in der Diaspora, die Entwicklung unseres Pressewesens und ■ unseres Schrifttums der breitesten Öffentlichkeit vorführen sollen. Die Konferenz beschloß, das zum Andenken an den jüngst verstorbenen Schriftsteller A. L. Lewinski zu gründende Lehrer¬ und Lehrerinnenseminar in Palästina nach Kräften zu

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