Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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1276 DIE^ Ich bin eher für eine Verringerung des Schekels. Dagegen bin ich mit dem Vorschlage des Herrn Dr. Katzenelsohn einen Zentralfonds zu bilden, vollkommen einverstanden. Man muß bei der Propaganda für diesen Fonds hervorheben, daß ein Teil seiner Mittel produktiven Zwecken zugeführt wird. Eine lO^oige Besteuerung des Reingewinns der Kolonialbank läßt sich auch legal nicht durchführen. Das einzige, was möglich wäre, ist, daß man auf der Generalversammlung der Bank beschließt, daß die Sharesinhaber auf ihre Dividende verzichten und sie dem E. A. C. schenken, Dieses läßt sich von Jahr zu Jahr durchführen. Auch beim N. F. weiß ich nicht, ob er statutarisch berechtigt ist, Abzüge von seinem Gewinn zu machen. Eine Ablösung des Schekels für Lebenszeit, wie sie Herr T'-ietseh vorgeschlagen hat, wird kaum größere Ergebnisse liefern; das einzig Reale ist also der Zentralfonds, und ich unterstütze in dieser Beziehung die Vorschläge von Dr. Katzenelsohn. Jean Fischer: Wir haben unter uns zweierlei Zionisten, die einen, welchen der heutige Zionismus zu oberflächlich und seicht ist und die eine Vertiefung nach der nationalkulturellen Seite verlangen, und die andern, welche mehr in die Breite gehen und nur das Organisatorische betonen. Aber sobald es auf die Geldfrage ankommt, da werden sowohl die tiefen wie die breiten ganz klein. Wir haben im Laufe der Jahre mit' großer Mühe und Anstrengung ein paar Groschen gesammelt, und nun hat man sich mit aller Gewalt darauf verlegt, dieses Geld zu verpulvern. Wenn Sie eine derartige Liquidation machen wollen, dann werden unsere besten Leute kommen und sagen, das mache ich nicht mehr mit. Überlegen Sie nur einmal, was geschehen wird, wenn Sie damit vor den Kongreß kommen. Es wird eine große Debatte darüber entstehen, und wir haben doch alle die Absicht, auf dem nächsten Kongreß derartige Debatten zu vermeiden. Die frühere Begeisterung, mit der wir unsere Schekei gesammelt haben, ist nicht mehr da. Wenn wir den Sehekel allgemein erhöhen, so wird die Zahl der Schekelzahler noch mehr sinken. Ich bin dafür, daß eine andere Erhebung durchgeführt wird. Der Schekei soll von jedem einzelnen freiwillig erhöht werden, man kann zahlen von 1 bis 10 «0 Frs. Ich glaube, daß es keinen andern Weg gibt. Die Russen hatten für den Parteifonds seinerzeit keine Sympathie. Ich bin überzeugt, daß es in Rußland sehr viele opferbereite Zionisten gibt, die aber für das E. A. C. nichts tun wollen. Ich werde mich mit Händen und Füßen gegen die Besteuerung der Institutionen sträuben. Suchen wir andere Wege, um aus der Misere herauszukommen. Der beste Weg ist der, daß wir endlich mit der Hand in die Tasche greifen. Stellen wir uns doch nicht so arm! Herr Goldberg hat gesagt, daß man in Rußland auch die großen Spesen des Landeskomitees decken muß. Aber vergessen Sie doch nicht, daß das in jedem Lande so ist. Dr. Hantke: Wir werfen in der Diskussion zwei Dinge durcheinander. Es handelt sich doch erstens um die Deckung des Defizits. Sodann will das E. A. C. durch die 10 °,oige Besteuerung die Finanzen regeln. Nun sind aber, wie Sie gehört haben, 10 °/0 lange nicht ausreichend. Populär ist die Besteuerung auch nicht, denn beim Kongreß ist sie nicht durchgegangen, und da wollen Sie in dieser schlecht besuchten Sitzung sie durchbringen. Der Kongreß würde ganz recht haben, wenn er dem A. C. daraufhin sein Vertrauen entziehen würde. Ich würde hier dagegen stimmen, auch wenn ich prinzipiell dafür wäre. Man hat davon gesprochen, daß unsere Kongresse inhaltslos sind. Geben wir dem Kongreß einen Inhalt, indem wir ihm diese wichtige Frage vorlegen. Wir können heute nichts anderes tun, als Vorschläge an den Kongreß annehmen. Ich schließe mich dem Vorschlage Dr. Katzenelsohns in bezug auf den Zentralfonds an, der sicherlich populärer gemacht werden könnte, als es der Parteifunds war. Wir haben erklärt, daß wir den Schekei erhöhen wollen, wenn die Russen und Österreicher dafür sind. Denn die Bewegung kann nicht von Deutschland allein erhalten werden. Ferner habe ich vorzuschlagen, daß der Schekei nur einmal in einer Kongreßperiode eingezogen werden soll, und zwar in der doppelten Höhe des bisherigen Betrages. Da in kongreßlosen Jahren der Schekei auf die Hälfte sinkt, so können wir durch diese Maßnahme die Einnahmen des Schekels erheblich steigern. Die Beseitigung des Defizits kann nicht nur durch eine Besteuerung erfolgen. Ich möchte da andere Vorschläge machen. Man könnte z. B. dem Nationalfonds gewisse Kosten auferlegen, die bisher von der Organisation getragen wurden; selbstverständlich müßten es nur solche Kosten sein, die in den ganzen Rahmen des Nationalfonds hineingeboren. Ein gleicher Modus würde sich für die Bank finden lassen. Die Direktoren der Bank haben gesagt, daß, wenn es sich nur um die Deckung eines einmaligen Defizits handelt, so könnte die Sache von der gELT . — No. 48 Bank durchgeführt werden. In bezug auf die verfallenen Dividenden möchte ich anregen, daß man Vorbereitungen trifft, die Sache in zwei aufeinanderfolgenden Generalversammlungen der Bank legal durchzuführen. Die Einführung eines lebenslänglichen Schekels würde ich nur dannr für ichtig halten, wenn sich jedes Mitglied verj»fliehten würde, ein Minimum von 100 Mk. zu zahlen. Boris Goldberg: Ich möchte über die Verhältnisse in Rußland einige Aufklärungen geben. Es wird jetzt auch bei uns für den Zionismus viel mehr gesammelt, als dies früher der Fall war. Es kommen immer neue Fonds, und ich fürchte, daß, wenn wir jetzt wieder mit dem Zenti'alfonds kommen, es ein Fiasko geben wird. Beiträge für einen solchen Fonds wird man höchstens von 200—300 Zionisten bekommen. Man darf nicht vergessen, daß sich das Budget in den Landesorganisationen vollständig erschöpft. Es hat jede Ortsgruppe ihre lokalen Spesen, dann kommen die Landesorganisationen als solche, und endlich die Presse. In den schlechtesten Zeiten haben wir für die Presse große Zuschüsse leisten müssen, die aber geleistet werden mußten, weil sonst die Bewegung zugrunde gegangen wäre. Ich sehe nicht ein, warum wir die Institutionen nicht besteuern sollten. In jeder Organisation kommen sämtliche Gelder in die Parteikasse, welche alle übrigen Zwecke aus ihnen bestreitet. Die Hauptursache für die schlechte Finanzlage der Organisation besteht darin, daß jeder, der kein bewußter Zionist ist, wünscht, daß die Mark, die er beisteuert, irgendwelchen Nufzen bringen soll. Deswegen ist es leicht möglich, größere Beträge für den Nationalfonds zu bekommen, abpr nicht für den Schekei. Die Organisation ist bei uns auf einem falschen Prinzip aufgebaut. Ich sehe kein anderes Mittel, als daß sämtliche Institutionen, die durch unsere Organisation geschaffen wurden, auch für die Erhaltung der Organisation Beiträge leisten. Eine Form, die Institutionen zu besteuern, wird sich finden lassen, wenn wir nur im Prinzip darüber beschließen. Es wurde auch die Erhöhung des Schekels vorgeschlagen. Ich habe den gleichen Vorschlag vor zwei Jahren gemacht, aber alle meine Freunde aus Kußland behaupten, daß dies keinen Nutzen bringen, sondern höchstens der Schekelzahler verringern wird. Nun hat Herr Trietsch die lebenslängliche Schekelablösung vorgeschlagen. Ich bin aus prinzipiellen Gründen dagegen, denn man hat bei den lebenslänglichen Schekelzahlern keine Garantie, daß sie später nicht Gegner der Bewegung werden. Wenn wir die Besteuerung nicht für immer durchführen wollen, so sollten wir es wenigstens für die nächsten zwei Jahre tun; denn speziell bei uns in Kußland ist die Arbeit für die nächste Zeit sehr erschwert, und ich sehe nicht ein, wie man auf anderm Wege die Mittel aufbringen wird. Po d Ii sehe ws ki: Vor zwei Jahren, als man die Besteuerung das erstemal vorgebracht hat, war außer Herrn Wolffsohn ich der einzige, der dafür gewesen ist. Heute sind schon mehr dafür. Nun hat Herr Dr. Katzenelsohn auf die ideale Seite der Bewegung hingewiesen und die Befürchtung ausgesprochen, daß diese durch eine solche Maßregel stark geschädigt werden kann. Ich habe zu mir und auch zu andern mehr Vertrauen und fürchte nicht, daß man aus idealen Gründen uns bekämpfen wird. Das Geld wird doch für die wichtigsten Zwecke der Bewegung verwendet. Auch erwarte ich von einer Besteuerung der Institutionen nicht einen Kückgang, sondern eine Zunahme der Schekei, weil die Leute einsehen werden, daß, wenn man den Schekei nicht entrichtet, das Geld des Nationalfonds und der Bank in stärkerm Maße in Anspruch genommen werden muß. Sie sprechen immer von der Bewegung. Ich verstehe darunter, daß die Leitung und wir alle die Möglichkeit haben müssen, uns zu bewegen, aber Sie hindern die Leitung daran, weil Sie ihr nicht die nötigen Mittel geben. Die Leitung einer Bewegung kann nicht abhängig sein von der Tasche einer oder zweier Personen. Ich bin dagegen, daß man nur die reichen Mitglieder veranlassen will, zu zahlen, weil ich wünsche, daß das E. A. C. vollständig unabhängig wird, und dadurch könnte es in gewisse Abhängigkeit kommen. Wir werden auch der Bewegung einen Dienst leisten, wenn wir sie freimachen von dem guten Willen der Landsmannschaften, die heute den Schekei abzuliefern haben. Ich bin auch nicht dafür, daß wir die Sache jetzt beschließen, sondern schließe mich dem Antrage Dr. Hantkes an, daß wir unsere Vorschläge an den Kongreß richten. Dr. Tschlenow: Herr Wolffsohn sagte, daß ich und noch einige Herren aus Rußland schuld daran waren, wenn die Besteuerung auf dem Kongreß nicht durchgegangen ist. Ich habe mir die Sache gründlich überlegt und auch ungefähr ausgerechnet, was diese 10% Besteuerung ungefähr ergeben würde. Und ich muß sagen, wenn ich das Resultat vergleiche mit dem Eindruck, den eine solche Maßnahme auf die Außenwelt machen würde, so bin ich heute noch viel mehr gegen die Besteuerung als früher.