Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316453--54044-3347841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ein halbhelier Torweg, hinter dessen wunderlich gewölbtem Dämmern eine schmale Qasse hindunkelte, Häuser, die stiller, schwerer und verfallener in denverblassenden Himmel wuchsen als anderswo, Türen, in denen Kinder saßen, mit großen wissenden Augen und bitterenFaltenumLippen, die nicht zu lachen verstanden. An verbröckelnden Wänden, die sich müde neigten und einander klaffende Giebel entgegenhielten gleich abwehrenden Händen, drückten sich halbgereifte Knaben, in viel zu großen Gewändern und mit Mienen, die leidend und traurig waren, als lastete die Sehnsucht vieler Geschlechter auf ihren Lidern. Da wandte die Eilende leicht ihr Haupt, und wieder dünkte ihn dieWeiße ihrerSchläfen fremd und vertraut, und das ersterbende Lächeln um ihren Mund — oder war es der gereifte große Schmerz, der von altersher in ihrem Blute lag? — schien ihm gealtert und müde. Ihr schlankes, biegsames Gleiten zwischen umschatteten Gestalten glich einem Sichverlieren im heimatlichen Dunkel. Sie hielt vor dem grauen Tor eines fahlen abendübergossenen Gebäudes. Dort stand eine alte Frau mit welken, wie aus Stein gehauenen Zügen, um die eine seltsame Hoheit gebreitet war, gleich dem Glanz umwölkter Nächte. Schweigend neigte die Junge ihre bebendsüßen Lippen über eine schmale knöcherne Hand, und beide wandelten die Stufen empor. Andere folgten. Renatus umschritt die Synagoge, die sich langsam belebte, als erwache sie aus schwerem Schlaf. Sie mochte längst verwehter Zeit entstammen, vielleicht den Tagen des Dogen Sebastiano Venier, des Siegers von Lepanto, aus denen nicht viel mehr als der welke Atem in den dumpfen Korridoren geblieben war. Er erklomm die Treppe und betrat zögernd den halb erhellten Raum, zwischen dessen phantastischen Säulen und silbernen Jahrzeitlämpchen das Flackern gelber Lichter hing. Der heimwehkranken Pracht der alten Halle entquoll die tiefe Einfalt flüsternder Beter, die Kampf und Müdigkeit und Staub des Alltags von sich abgetan hatten und die Mauern stiller Königreiche um ihre Herzen türmten. Renatus ward von der ekstatischen Versunkenheit des gebeugten Mannes vor dem Toraschrein seltsam gequält und fühlte, wie die Glut, die breit und taumelnd, gleich einem Opferfeuer von blassen Lippen aufstieg, sein Inneres versengte. Er warf einen suchenden Bück nach oben, wo hinter blassen Gittern heiße Frauenstirnen aufglänzten und entzog sich hastig dem übermächtigen Ansturm einer wilden Traurigkeit. — Hinter der Synagoge weiteten sich die Häuser, doch ihr Auseinandertreten war wie eine Flucht vor den eignen düstern und verhüllten Gebärden. Ihm war, als träumten sie an solchen Abenden den schweren Traum, der sich von umschleierten Wimpern löste, wenn die Sabbatweihe sie umfing. Er betrat eine der engsten Gassen, die vom alten Ghetto sich abzweigten; der Lichtschein einer Laterne fiel auf den Namen: Calle Baruch. Die Mauern reckten sich zu steiler, heiß verzückter Höhe. Dazwischen schimmerte ein schmaler lilableicher Himmel. Er ging langsam weiter, an verschlossenen Türen und Läden vorbei. Das letzte Fenster im Erdgeschoß war offen. Vor dem weißgedeckten Tisch, auf dem die Lampe brannte, saß ein kleiner Knabe und hielt eine Geige in Händen. Während der zitternde Bogen in scheuer Innigkeit an den Saiten hing und eine alte Sabbatweise suchte, lag ein schauerndes Glücksgefühl auf den Lippen des Kindes und in den weit geöffneten sehnsüchtigen Augen. Aus der Tiefe klang das verhaltene Rauschen.silbernfließender Wasser. Dem Lauschenden war, als brächen wunderliche Schmerzen aus seiner Brust und er müßte sich in den klagendsüßen Tönen verbluten, die gleich irgendeinem Längstvergangenen in seiner Seele laut wurden. Er starrte lange in die grüne Stille des Kanals. Was zuckte über die dunkle Fläche und glich den Augen der Blassen? War es das Heimweh nach Ländern, die er nie besessen und doch verloren hatte? Oder der Duft jener nebelhaften Gärten, denen die dunkelsten seiner Träume heimlich nachgingen?...... Und stand er nicht wie ein Bettler vor jenen, die Königen gleich ihrem Gott vergaben und doch mit der Demut knieender Kinder zu seinen Füßen weinten? Hatte er nicht selbst die mondverzauberten Giebel jener Gassen und ihre müde Sehnsucht aus seinem dürstenden Herzen gerissen.....? Er ging scheu und leise zur Synagoge zurück, wie einer sich seinem Vaterhause nähert, daraus er einst heimlich in die Welt geflohen war . . . Der Gottesdienst war zu Ende. Renatus stand an der Mauerecke und sah stille Menschen mit friedehellen Blicken und klaren Stirnen in den blauen Abend schreiten. Er sah das stumme Glück verwundener Schmerzen auf schattenhaften Wangen und vernahm das lautlose Fragen großer Kinderaugen, um die der Abend seine weichen Hände schlug. Da tauchten neben dem weißen Angesicht einer alten Frau zwei versonnene Mädchenaugen aus dem Zwielicht, die ihn seltsam lächelnd grüßten. Und da die beiden einander in kühlem Staunen maßen, wußten sie mit einem Male das Geheimniß der tiefen Ströme, die trunken aus dem einen Schauen in das andere mündeten und deren Ursprung in unbetretenen Morgenfernen lag. Ihre Seelen wandelten unter fremden Sternen, die ihnen einst nahe und zu eigen gewesen, und fühlten, wie sich die tiefblauen Himmel ihres Heimwehreiches lind und sicher über ihren Träumen wölbten .... o o o o o o 3L o o o o o o o . AUS DER BEWEGUNG £ i o o o o o o o —'J o o o o o o o Die Wiener Kultuswahlen Bei den am 27. d. M. abgehaltenen Vorstandswahlen der israelitischen Kultusgemeinde in Wien siegte die Liste des offiziellen Wahlkomitees mit 2800 gegen 1550 Stimmen, die die Kandidaten des jüdisch-demokratischen Wahlkomitees auf sich vereinigten. Die jüdisch-demokratische Opposition gewann gegenüber den vorigen Kultuswahlen ^00 Wahlstimmen, während die offizielle Vorstandspartei etwa 1000 Stimmen verlor.