Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 48 1269 ständlich — die „Österreichische Wochenschrift". Dieses Blatt begnügt sich aber nicht mit der Veröffentlichung irgendeiner Nachricht, sondern färbt sie durch Einfügung einer allerdings kleinen, aber inhaltreichen Wortwendung. Es wird dort berichtet: „Die amerikanisch-jüdischen Blätter sind in hellem Aufruhr über einen Vortrag, den Pastor Russell aus Brooklyn vorigen Winter im Hippodrom zu New Yoik unter zionistischer Ägide zugunsten des Zionismus gehalten-hat." Es ist nun möglich, daß Pastor Russell zugunsten des Zionismus hat sprechen wollen; das kann man niemand verwehren. Es hat ja auch im Leben der „Österreichischen Wochenschrift" Momente gegeben, in denen sie sich dem Zionismus bedenklich näherte. Es ist aber unwahr, daß der Vortrag des Pastors Russell unter zionistischer Ägide erfolgt ist, — „unter zionistischer Ägide", d. h. mit Unterstützung der leitenden zionistischen Kreise. Es ist selbstverständlich ausgeschlossen, daß irgendein Zionist einen Missionär in seiner Seelenfängerei unterstützen wird. Das braucht nicht erst bewiesen zu werden, und deshalb steht die Verbreitung solcher Nachrichten auf dem gleichen moralischen Niveau wie das Treiben der Missionäre. Wie wenig wahr der Bericht der „Österreichischen Wochenschrift" in seinem übrigen Teil ist, geht aus der Schilderung hervor, den das genannte Blatt von der Aufnahme der Rede Russeiis entwirft. Es berichtet: ..Und während die Zionisten den Saal unter Zustimmungskundgebungen für Pastor Russell und das herrliche Lied „Hatikwah" singend verließen, verteilten die Sekretäre und Sekretärinnen des Pastors Russell seine Traktätchen und Missionsbroschüren—gratis unter die enthusiasmierten Zionisten." Tatsache aber ist, daß nach den uns zugegangenen Informationen im Hippodrom trotz der geräuschvollen Reklame Russells nur sehr wenig Zionisten anwesend waren. Diese verließen noch vor Beendigung der Rede den Saal. Das „Hatikwah"-Lied sang nicht die Volksmenge, sondern der Chor einer Brooklyner Kirche, den sich der Pastor ad hoc hinbestellt hatte. Sofort nach der Versammlung versandten die zionistischen Vereine und in erfreulicher Übereinstimmung mit ihnen auch die Kehilla Warnungen an die jüdische Öffentlichkeit, welche auch von den jüdischen Zeitungen veröffentlicht wurden. Diese Feststellungen genügen hoffentlich, um den Bericht der „Österreichischen Wochenschrift" als das erscheinen zu lassen, was er tatsächlich ist: als eine Denunziation des Zionismus vor der jüdischen Öffentlichkeit. Tolstoi und die Juden Der Tod des großen Weisen von Jassnaja Poljana hat bei der jüdischen Bevölkerung Rußlands tiefe und aufrichtige Trauer hervorgerufen. Und es ist nicht nur die Trauer um den genialen Dichter und Lehrer, die die Juden mit den übrigen Völkern Rußlands teilen. Vielmehr haben die Juden Rußlands besondern Grund, den großen Verlust zu beweinen. In dem titanischen Kampfe Tolstois gegen Gewalt und Unrecht, gegen Lüge und Heuchelei war etwas von der großen leidenschaftlichen Wahrheits- und Rechtsliebe derv jüdischen Propheten. Und so ist es kein Wunder, daß Tolstoi gerade unter den Juden die eifrigsten und verhältnismäßig zahlreichsten Anhänger hatte. Das jüdische Volk wird immer mit Dankbarkeit daran denken, daß Tolstoi wiederholt seine Stimme gegen die barbarischen Judenverfolgungen erhoben hat. So aus Anlaß der Kischinewer Greuel - und so noch vor wenigen Wochen in der Frage des Ansiedlungsrayons. Die Wahrheit erfordert freilich, festzustellen, daß Tolstoi von Natur aus den Juden durchaus nicht sympathisch gegenüberstand. Noch vor wenigen Jahren äußerte er sich mit der ihm eigentümlichen Wahrhaftigkeit dem Vertreter des ,,Figaro", George Bourdon, gegenüber, daß er sich von der hereditären Judenfeindlichkeit nicht ganz befreien könne. Aus diesem Grunde bemühe er sich, jüdischen Besuchern gegenüber besonders freundlich zu sein, um so sich selbst zu überzeugen, daß er wiederum einen Sieg über sich selbst davongetragen habe. Es ist ja selbstverständlich, daß Tolstoi bei seiner sittlichen Größe s;ch nicht von einem blinden angeerbten Instinkte leiten ließ, sondern hier wie immer nur dem kategorischen Imperativ seines geläuterten ethischen Empfindens folgt. Unsern weitfremden Optimisten, die geneigt sind, in jedem Asemiten von vornherein einen Dummkopf oder Schurken zu sehen, sollte diese Tatsache aber doch zu denken geben. Denn nicht jedem ist es gegeben, einen ewigen, wachsamen und unbestechlichen Kampf gegen seinen eigenen alten Adam zu führen. Die große, geradezu prophetische Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe des russischen Weisen ist nicht jedermanns Sache. * * * Im österreichischen Abgeordnetenhause, dessen christlich-sozialer Präsident Dr. Pattai es bekanntlich ablehnte, des Todes des russischen Dichters in einer Ansprache Erwähnung zu tun, gaben alle freiheitlichen Parteien mit Ausnahme der Deutschen und Italiener Erklärungen ab, in denen sie sich der Trauer der russischen Nation über den Tod eines ihrer Besten mitfühlend anschlössen. Im Namen des Jüdischen Klubs sprach Abgeordneter Dr. Mahler. o (, ~ -Ov O [(□□□□□□ o ö iv < FEUILLETON =^t «^52 o □ □□□□□ Ii O ij )ol\ GHETTO VECCHIO Von Ernst Sommer, Iglau Am Ca Doro stieg ein junges Mädchen ins Dampfboot. Sie tastete hilflos an den vollbesetzten Bänken hin und blieb endlich neben Renatus an der Brüstung stehen. Er starrte in die trägen Fluten des Kanals, auf denen die Bilder weißer Wolken zitterten und ein stiller Tag zerrann. Nachdenklich wandte er sich zur Seite und seinem fragenden Blick begegnete ein verwirrtes Schweigen, das herb um weiche Lippen lag. Renatus vergaß die namenlose Schwermut der Uferpaläste über den Augen der blassen Venezianerin. Er fand hinter dem Dunkel der sanften seidigen Wimpern die Schatten einer rätselhaften Welt. Ihm war, als müßte er die tiefen Täler und welken Gärten kennen; so vertraut und fern umglänzte ihn ihr kühles Licht. Ihr Mund war von einer fremden Schwüle überflogen, die dunkler und wilder schien als das blaue Leuchten der Kanäle um die müde Schönheit venezianischer Sommer. Während er noch grübelte, hielt das Boot an der Kirche San Geremia. Das Mädchen zog ihr dunkles Seidentuch fester über die Schultern, blickte ihn verloren an und stieg hastig ans Land. .Renatus sah sich selbst zögernd und doch willenlos ihren Schritten folgen. Sie ging längs des Cannaregio, an der kühl vornehmen Geste des Palazzo Labia vorbei, erklomm die schlanke Brücke und folgte dem andern Ufer. Renatus wandelte wie im Traum, als zöge ihn eine ausgestreckte Hand mit sanfter Innigkeit hinter sich her. 3*