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Die Welt · 1910-12-02 · 48 (2.12.1910) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1268 DIE] die ebenfalls neue Scheidung der wirtschaftlichen Handlung in die Akte der Beschaffung und Verwaltung der Wertdinge. Die Wirtschaftsperson strebt danach, Wertdinge mit dem kleinsten Aufwand zu beschaffen und so zu verwalten (d. h, vor Verlust und Verderb zu verwahren), daß der größte Erfolg der Bedürfnissättigung erzielt wird. Ebenso fruchtbar erweist sich die Scheidung der Lehre von der Gesellschaftswirtschaft in die beiden Abschnitte von der Personal- undder Marktwirtschaft, wodurch eine überaus elegante Lösung des verzweifeltsten aller ökonomischen Probleme, des Wertproblems, erzielt wird. Die Schlußformel ist von geradezu mathematischer Bestimmtheit, wo man denn überhaupt häufig den Eindruck hat als würde hier eine Physik der Gesellschaft entwickelt: „Der Wert ist das Maß des Beschaffungswiderstandes." Klarer und knapper kann eine Formel kaum sein, und das Beste daran ist, daß sie richtig ist, immer unter der Voraussetzung, daß die erste Prämisse wahr ist. Denn zu den von der Naturgegebenen s a c h 1 i c h e.n Beschaffungswiderständen treten in dieser Ökonomik als gleichkräftig, als gleich wertbildend, die politischen Widerstände, die durch das Klassenmonopolverhältnis bedingt sind: der Arbeiter muß durch Hergabe eines Teiles seines Arbeitseinkommens die Widerstände überwinden, die der Besitz der Produktionsmittel kraft Rechtens der Beschaffungsarbeit entgegenstellt. Doch ich muß notgedrungen abbrechen. Es ist, um es zu wiederholen, völlig unmöglich, diesem durchaus originellen, völlig eigenen und fast in jedem Satze revolutionären neuen Buche in einer Anzeige gerecht zu werden. Man müßte es ganz ausschreiben, um dem Leser einen Begriff von seinem Inhalt zu geben. Nur eins sei noch hervorgehoben, weil es von praktischer Bedeutung für die innerpolitische Entwicklung Deutschlands werden könnte: Oppenheimer, der mit einem für einen preußischen Privatdozenten erstaunlichen Freimut — ich sehe das Schwert des Disziplinarprozesses bereits über seinem Haupte schweben — seine demokratische und sozialistische Oberzeugung verficht, gibt der Volkspartei ein praktisches Programm, das unserm politischen Getriebe einen völlig neuen Inhalt geben könnte, wenn es zur Ausführung gelangte. Die ganze Wucht seiner Ausführungen wendet sich gegen diejenige Institution, die Osteuropa knebelt und ausbeutet, gegen das agrarische Großgrundeigentum. Sein politisches Aktionsprogramm besteht au3 wenigen Sätzen: dem kleinen Bauernstande soll systematische Entschuldung, Förderung der Bauernwirtschaft. durch alle möglichen kulturellen Maßregeln und der ihm gebührende Einfluß in der Selbstverwaltung des platten Landes gewährt werden; den Landarbeitern aber sagt man: „Wir städtische Arbeiter haben endlich erkannt, daß all unser Elend daher stammt, daß ihr uns in den Rücken fallt; wenn eure Massenabwanderung aufhört, werden wir für uns 'allein mit dem Kapital spielend fertig werden. Darum lautet unsere einzige Zukunftsforderung folgendermaßen: der Staat soll die großen Güter kaufen und den Landarbeitern geben." Dieses Programm dürfte in der Tat nicht an dem „antikollektivistischen Bauernschädel" abprallen und einen schnellen Sieg der Demokratie unter jedem Wahlsystem, sogar unter der preußischen Zensuswahl, gewährleisten. Gleichzeitig aber soll die Volkspartei, das ist das wirtschaftliche Aktionsprogramm, durch ihre Organisation aktiv eingreifen, LT No. 48 in jedem Wahlkreis ein paar Güter kaufen und als Beispiele dessen, was sie erstrebt und erreichen kann, an Genossenschaften von selbständig wirtschaftenden Erbbauern oder an landwirtschaftliche Arbeiterproduktivgenossenschaften ausgeben. Wenn die grundlegenden Gedanken im Feuer der Kritik standhalten, dann werden Sozialdemokratie und liberale Parteien genötigt sein, ihre Programme zu revidieren. Dann ist die wissenschaftliche und praktische programmatische Basis gegeben, auf der sich, mit Ausnahme der Marxistischen Ultras links und der pseudoliberalen Klassenvertreter rechts, eine ungeheure Volkspartei einigen könnte, die außerdem die gesamten, bisher in der Mitte schwankenden Mitläufer sich angliedern würde, und dann allerdings hat die letzte Stunde der politisch-wirtschaftlichen Reaktion geschlagen. Jedenfalls verdient das gewaltige Werk, das aus einem ebenso tiefen naturwissenschaftlich-philosophischen wie ökonomischen Wissen hervorgegangen ist, und das nicht nur ein Fachbuch ist, sondern sich als ein Weltanschauungsbuch höchsten Ranges charakterisiert, die ernstliche Beachtung aller Gebildeten. Ich bin davon überzeugt, daß es einen leidenschaftlichen Meinungskampf entfesseln und zur Klärung der Geister ungemein viel beitragen wird. Freilich: der Kampf dagegen wird nicht leicht sein. . Alle die antisozialistischen Argumente des Liberalismus können nicht angezogen werden gegenüber einer Theorie, die die freie Konkurrenz als die höchste Kraft des Segens darstellt, indem sie den Wettbewerb als den Stachel alles Fortschrittes präkonisiert und sogar den Kapitalzins als Lohn vergangener Arbeit in gewissen Grenzen rechtfertigt. Ebensowenig kann die sozialistische Kritik mit-den alten Argumenten eine Lehre angreifen, die Grundrente uud Kapitalprofit fast durchaus als „Mehrwert" und Gewinn von Ausbeutungspositionen erklärt und den Sozialismus der Zukunft, streng marxisch, aus den immanenten Entwicklungsgesetzen der gegenwärtigen Ordnung selbst ableitet. Und schließlich wird auch die konservative Theorie einen schweren Stand haben gegenüber einer Lehre, die praktisch auf die Neuschaffung von Hunderttausenden neuer gedeihender Bauern, auf den Abbau der Großstädte, auf die Verlegung des Schwerpunktes der Volkswirtschaft auf den Binnenmarkt hinsteuert. Rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht! Ich bin aufrichtig gespannt, was die offiziellen Parteiorgane sagen werden. Die Rede des Pastors Russell Das Auftreten des Pastors Russell in New York, der dort versucht hat, ineinem zionistisch schillernden öffentlichen Vortrage Proselyten zu machen, ist von der ernsten zionistischen Presse schon vor längerer Zeit entsprechend gewürdigt worden. Die „Welt" hat vor vier Monaten vor Pastor Russell entschieden gewarnt und bei dieser Gelegenheit besonders seine Reklamebilder, Nachbildungen der Herzlmarken des Nationalfonds, auf denen die Figur Herzls durch die des Pastors Russell ersetzt wird, als Fälschung erklärt. Die Stellungnahme der zionistischen Presse hat denn auch den Pastor Russell veranlaßt, seine Tätigkeit in New York einstweilen einzustellen. Wir hätten diese Angelegenheit kaum nochmals erwähnt, wenn sie nicht von einem Wiener Blatte in leicht erkennbarer Absicht unter dem TiteJ „Die Rede eines zionistischen Missionärs" ausgeschrotet würde. Es ist dies — man könnte sagen, selbstver-

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