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Die Welt · 1910-12-02 · 48 (2.12.1910) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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No. 48 --= DIE] und Klassenbildung, die in ferner Vorzeit, in den Flegeljahren der Menschheit, durch außerökonomische Gewalt gesetzt ist. Der Gegensatz gegen den Marxischen Sozialismus gipfelt in der Formel, daß die kapitalistische Exploitation kein gesellschaftliches Produktions-, sondern ein gesellschaftliches Distributionsverhältnis ist. Aus dieser „Diagnose" der sozialen Krankheit, bei der der Dr. med. dem Dr. phil. die Feder geführt hat, ergibt sich die Prognose sehr einfach. Man löse die Bodenbindung, indem man das private Großeigentum expropriiere: und die Arbeiterklasse verschwindet, und mit ihr jede Form der Exploitation. Grundrente und Profit verschwinden bis auf harmlose Reste, die in wenigen Generationen durch den Erbgang pulverisiert werden, es gibt nur noch Arbeitseinkommen, die sich lediglich abstufen nach der Qualifikation der Arbeitskraft, wie sie in der freien Konkurrenz ihre Entlohnung durchsetzt, und die Wirtschaft stellt sich in das Gleichgewicht der „sozialen Harmonie". Mit andern Worten: Liberalismus und Sozialismus sind gar keine Gegensätze, sondern im Gegenteil, der durch die Beseitigung der stärksten feudalen Machtposition, der Bodensperre, zu Ende geführte Liberalismus, führt zum Zustande des Sozialismus, zu ,,einer Gesellschaftsordnung, in der das wirtschaftliche Selbstinteresse seine Herrschaft bewahrt und sich in völlig freiem Wettbewerb durchsetzt; und in der dennoch das wirtschaftliche Klassenverhältnis, der Gegensatz zwischen Herren und Knechten, verschwunden ist und jede Arbeit nach ihrem vollen Ertrage belohnt wird." (Seite IX). Solange aber die. Bodensperre besteht, besteht zwischen der Oberklasse, die sich im Besitz der Produktionsmittel befindet, und der Unterklasse das „Klassenmonopolverhältnis", unter dessen Druck jedes Mitglied der letztern an jeden Anwender aus der erstem den Klassenmonopolgewinn der Grundrente oder des Profits abtreten muß. Das etwa ist der leitende Gedanke. Die Ergebnisse sind, ich wiederhole, so unglaublich parodox, daß man sie mit unwilligem Lächeln beiseiteschieben wird, wenn man ihre nähere Begründung nicjit studiert hat. Diese aber ist, wie ich wiederholen muß, von solcher Kraft, daß ich außerstande bin, sie zu bestreiten. Dieses ganze Buch ist eine einzige riesenhafte Deduktion aus der obendargestellten Prämisse von der Entstehung der politischen Ökonomie durch die Bodensperrung. In ihr ist jeder Satz mit der größten Geduld und Ausführlichkeit — nebenbei bemerkt, in einem Deutsch, das sehr angenehm von der Faktur der meisten Fachwerke abweicht— unterbaut, jeder Schluß auf das Sorgfältigste begründet und gegen jeden möglich erscheinenden Einwand verteidigt. Aber all das würde mich noch nicht überzeugen. Daß Oppenheimer einer unserer blendendsten Dialektiker ist, ist in den Kreisen der Fachgenossen längst bekannt; seine kritischen Darstellungen der Lehren von Malthus, Marx und Ricardo gelten geradezu als Etüden logischer Analyse und scharfer Begriffsspaltung, an denen in manchem Seminar die Studierenden angehalten werden, ihre kritischen Waffen zu schleifen. Ich würde mich dessen getrösten, daß hier ein Geist von Ricardianischer Feinheit eine elegante Vorstellung mit Trugschlüssen gibt, die Berufenere auflösen mögen: aber dieses System ist mehr als eine geschickte logische Spiegelfechterei. Sein Verfasser hat völlig recht, wenn er Im Vorwort feELT 1267 ausspricht, daß er augenscheinlich dem natürlichen System der Wissenschaft nähergekommen sei als alle seine Vorgänger. Ihm hat sich unter dem Kanon seiner Unterscheidungen der Stoff so wundervoll angeordnet, daß eigentlich schon das überaus eingehend gegliederte Inhaltsverzeichnis die Oberzeugung erweckt, daß hier die Dinge selbst ihre Sprache gesprochen haben müssen. Die Tatsache, daß es ihm geglückt ist, das bisher als unlösbar betrachtete Postulat der ökonomischen Theoretik zu erfüllen, die Ableitung der sämtlichen Formen des Einkommens, d. h. der gesamten Verteilungslehre, aus dem Wertbegriff, läßt sich nicht bestreiten. Und das ist ein Faktum, das sehr dafür spricht, daß hier in der Tat die Gesetze der menschlichen Wirtschaft sich weiter enthüllt haben als bisher. Um so mehr ein Zeichen dafür, als auch sonst in unzähligen Einzelheiten die glücklichsten, vielfach völlig verblüffenden Teillösungen alter Probleme vorgelegt werden. Ich greife einige fast wahllos heraus: schon in der „Grundlegung" gelingt die Abgrenzung des Gebietes der Ökonomik, die bisher niemals glücken wollte, durch eine neue und unzweifelhaft richtige Deutung des Begriffs der „ökonomischen Bedürfnisbefriedigung". Bisher hat man die Ökonomik aufgefaßt als die Lehre von der Befriedigung der ökonomischen Bedürfnisse und sich vergeblich damit abgequält, diese Bedürfnisse von andern abzugrenzen. Oppenheimer zeigt überzeugend, daß es sich nicht um die Befriedigung ökonomischer Bedürfnisse, sondern um die ökonomische Befriedigung von Bedürfnissen handelt, d. h. um das Bestreben, Bedürfnisse irgendwelcher Art so vollkommen wie möglich mit dem Aufwand der kleinsten Mittel zu befriedigen. Während alle andern Triebe auf einen Zustand zielen, zielt der ökonomische Trieb auf eine Handlung. Damit ist das Gebiet der Ökonomik in schärfster Form einerseits gegen die Physiologie, anderseits gegen die übrigen Gesellschaftswissenschaften abgegrenzt. Nicht minder glücklich und ihrer sofortigen Aufnahme in den Bestand der offiziellen Wissenschaft nicht minder sicher ist die überaus klare Definition der Wissenschaft selbst: „Die Ökonomik ist die Lehre von der Gesellschaftswirtschaft einer (höhern, d. h. um einen Markt zentrierten) Wirtschaftsgesellschaft." Oppenheimer unterscheidet auf diese Weise, was bisher niemals geschehen ist, konsequent zwischen einem Volk als Wirtschaftsgesellschaft und der Gesellschaftswirtschaft eines Volkes, in seiner Sprache zwischen Anatomie und Physiologie des sozialen Körpers der Tauschwirtschaft, und gewinnt dadurch nicht nur eine zureichende Einteilung seines gesamten Stoffes, den er in die Abschnitte von der Wirtschaftsgesellschaft und der Gesellschaftswirtschaft zerlegt, sondern auch die Möglichkeit, den Methodenstreit zwischen den beiden einander bis aufs Messer bekämpfenden Schulen auf das einfachste zu schlichten. Die Historiker haben immer nur die Wirtschaftsgesellschaft im Auge, die in der Tat kaum anders als mit statistischer und historischer Induktion behandelt werden kann, und die deduktive Schule spricht immer von der Gesellschaftswirtschaft, die in der Tat fast nur mit psychologischer Deduktion angefaßt werden kann. So haben beide recht und beide unrecht und fechten einander vorbei: wahre Wissenschaft kann nicht auf einem Beine gehen, sie kann nur auf beiden, dem induktiven und deduktiven Bein, marschieren. Eine fernere Scheidung von höchster Bedeutung ist

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