Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-12-02 · 48 (2.12.1910) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316453--54039-3347836
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

NO. 48 DIE ELT 1265 Vielleicht sind andere glücklicher als ich, vielleicht findet die fachmännische Kritik in diesem Riesenbuch schließlich doch noch die Stelle, wo es sterblich ist. Mir bleibt im Augenblick nichts anderes übrig, als mich zaudernd gefangen zu geben und zu sagen, es wäre zu schön, wenn es wahr wäre, und ich kann nicht beweisen, daß es falsch ist, — aber ich kann ebensowenig' glauben, daß es wahr ist. Alle meine in jahrelanger ausschließlicher Beschäftigung mit den wissenschaftlichen. Fragen der Volkswirtschaft gewonnenen Begriffe sind hier ins Wanken gekommen, die meisten niedergerissen; eine ganz neue Wissenschaft, ein ganz neues System steht da, fertig, gewappnet aus dem Haupte dieses Denkers entsprungen, wie Pallas Athene aus dem Haupte des Zeus: neu in den Prämissen, neu in der Anordnung, neu in den Definitionen, neu im Schlußverfahren, neu in der Anschauung der Gesellschaft und des Staates, neu in der Prognose der gesellschaftlichen Entwicklung, eine unerhörte Revolution einer alten, seit mehr als einem Jahrhundert gefesteten Disziplin, ein vollkommener Abbau und Neubau, und doch arbeitet dies System mit lauter Begriffen, die uns seit dem ersten Semester geläufig sind, und dennoch werden alle Behauptungen, die uns als Qipfel der verstiegensten Paradoxie erscheinen möchten, mit unsern* größten Autoritäten, z. B. eines Adam Smith, gestützt; und darum ist alles ebenso bekannt, wie es fremdartig ist, und reißt mit und überzeugt gegen unsern Willen. Unmöglich, ein Werk von dieser Art „anzuzeigen". Das muß man selber lesen und wird man, wenn ich mich nicht täusche, in der Tat selber lesen, um es kennen zu lernen. Aber wenigstens die wichtigsten der leitenden Gedanken seien hier wiedergegeben. Der alte Liberalismus war eine wirtschaftlich politische Kampfpartei mit einem überaus einfachen Programm: Räumt alle „Monopole" hinweg, so sagten Quesnay, Smith und ihre Anhänger, alle vom Staat verliehenen Privilegien und sonstigen iVlachtpositionen, und laßt im freien Wettbewerb das Selbstinteresse des einzelnen frei walten, dann wird sich die Gesellschaft ins Gleichgewicht stellen, wie sich die Materie im Räume zur Kugel ballt, und die Harmonie aller wirtschaftlichen Interessen wird sich einstellen. Diese Parole und diese Prognose macht sich Oppenheimer ihrem vollen Inhalt nach zu eigen, unbekümmert um den Hohn, den fast ein Jahrhundert auf dieses Programm und dieses Ideal gehäuft hat. Er erklärt, ganz wie Smith, daß nach Beseitigung aller noch aus der präkapitalistischen Zeit her bestehenden wirtschaftlichen Machtpositionen die freie Konkurrenz die Harmonie aller wirtschaftlichen Interessen herbeiführen werde, und ruft zum Kampfe gegen die noch bestehenden Reste auf. Er unterscheidet sich grundsätzlich nicht im mindesten von der altliberalen Theorie. Nur angebrachtermaßen unterscheidet er sich von ihr: ihm ist nämlich die Harmonie alier Interessen gleichbedeutend mit dem Sozialismus, und er klagt eine Institution an, feudale Machtposition zu sein, die die alte Theorie nicht mit voller Klarheit als solche erkannt hat, das große Grundeigentum, — übrigens zitiert er einige wenig bekannte Sätze von Adam Smith, wonach auch der Altmeister dem Ursprung dieser Eigentumsform mit großem Mißtrauen gegenübergestanden hat. Indessen hat die alte Theorie in der Regel jede Form des Grundeigentums als eine Bildung aufgefaßt, die aus rein ökonomischen Beziehungen zwischen wirtschaftenden Menschen entstanden sei. Es ist das die Lehre von der „ursprünglichen Akkumulation", die Marx höhnisch als „Kinderfibel" bezeichnet hat. Danach — bei Turgot findet sich diese Anschauung in klassischer Ausprägung — ist schon vor Urzeiten die Erde durch selbstwirtschaftende Bauern völlig besetzt worden, und die nachgeborene Bevölkerung, vom Grundeigentum abgesperrt, mußte sich in ihr Schicksal ergeben, den beatis possidentibus als Arbeiter zu dienen und ihnen für die Erlaubnis, den Boden bebauen zu dürfen, den Mehrwert der Grundrente abzutreten. Diese an sich sehr plausible Auffassung ist kaum jemals ernstlich nachgeprüft worden. Nur ein Denker, Locke, hat sie gelegentlich kritisch beleuchtet und als falsch erkannt, ohne daraus weitere Konsequenzen zu ziehen. Oppenheimer hat zum erstenmal die alte Anschauung rechnungsmäßig nachgeprüft. Und da ergibt sich in der Tat ein verblüffendes Resultat. Die altgermanische Hufe war durchschnittlich 30 Morgen groß. Würde man heute allen auf diesem Planeten existierenden Familien 30 Morgen Land zuweisen, so könnte man die Erde knapp zur Hälfte besetzen. Oder mit andern Worten: hätte sich die Besiedlung nach dem Schema vollzogen, das die alte Theorie ihrem gesamten Gedankenbau zugrunde legte; hätte sich Bauer neben Bauer gesetzt, ohne daß irgendwo ein Handwerker oder gar eine Stadt, ein Kaufmann sich spezialisiert, sich herausgebildet hätte, so wäre noch die Hälfte des auf der Erde vorhandenen Ackerlandes der „wirtschaftlichen Besiedlung" offen, und dann könnte nach eben dieser Theorie noch heute keine Arbeiterklasse existieren! Sie existiert aber in ungeheurer Masse und kann doch nur vorhanden sein, wo der Grund und Boden nicht frei zugänglich ist. „Denn," so sagt Turgot, und das ist niemals bestritten worden und kann in der Tat niemals bestritten werden, „solange noch Boden frei verfügbar ist, wird niemand gesonnen sein, für einen andern zu arbeiten." Wenn aber der Boden nicht durch wirtschaftliche Besiedlung voll besetzt worden ist, so kann er nur durch politische Besiedelung voll besetzt worden sein: er muß durch außerökonomische Gewalt, kraft Herrenrechts, gegen die freie Besiedelung gesperrt worden sein. Und dieser Schluß entspricht denn auch der unzweifelhaft richtigen modernen Anschauung von der Entstehung und dem Wesen des Staates. Oberall hat ein Eroberervolk sich als Adel über ein Bauernvolk gesetzt und hat den ganzen vorhandenen Ackerboden gegen die freie wirtschaftliche Besiedelung gesperrt. Das ist ein besseres und wirksameres Mittel, um das unentgoltene „Herreneinkommen" (Rodbertus) zu beziehen, als selbst die Sklaverei. Denn die Bodensperre verwandelt. ohne weiteres die gesamte Bevölkerung in eine tributpflichtige Masse: sie müssen den Mehrwert abtreten oder verhungern, und die Peitsche der Not vertritt wirksamer und billiger die Peitsche des Sklavenvogts. Die Rechtsform, in der diese Bodensperrung erfolgt, ist das Großgrundeigentum. Sein wirtschaftlicher Inhalt ist nicht, wie man bisher geglaubt hat, die Produktion von Nahrungsgütern, sondern die Aussperrung der Masse vom Grundeigentum; und so gilt für dieses Rechtsinstitut mit voller Kraft das, was Ludwig Gumplowicz, der berühmte Grazer Staatsrechtslehrer, einmal von allem Qroßeigentum folgendermaßen ausführte: Die Juristen sind im Irrtum, wenn sie behaupten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.