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Die Welt · 1910-11-25 · 47 (25.11.1910) · page 23

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 23)
Language
German
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No. 47 DIE% Ruhrn^ daraus machen, mit unerschütterlicher Festigkeit gegen alle diejenigen zu kämpfen, die, ohne Grund, ohne soziale Motive, Zwietracht zu säen versuchen sollten." Ein starker Ton der Aufrichtigkeit geht durch diese Worte. Es ist zweifellos, daß sie tiefe Genugtuung bei allen Nationalitäten des Reiches erwecken werden. Sie waren bereits geängstigt und besorgt um ihre Ruhe und ihre Fortexistenz. Diese Sorge wird von ihnen genommen. Zweifellos ist ferner, daß das Manifest außerordentlich zur Wiederherstellung des innern Landesfriedens, ganz besonders in Mazedonien, beitragen wird. Mehr als die erneuerte Verschärfung des Bandengesetzes und die Entsendung von Truppen. Für die übelwollenden Nachbarn ist die Proklamation jedoch ein schwerer Schlag. Ihre Ränke werden viel, wenn nicht allen Boden verlieren. Bulgaren uud Griechen werden vielleicht finden, daß es sich doch mehr verlohne, mit dem von so gesunden, ihnen entgegenkommenden Prinzipien beseelten „Union et Progres" und dem eigenen Reiche zu gehen, als fragliche Vorteile von jenseits der Grenze zu erwarten. Nur wird das Komitee durch sprechende Taten seine glücklichen Worte bekräftigen müssen, dann wird sein Vertrauen' es nicht täuschen. Dann hat es die einzig richtige Fortsetzung des 24. Juli 1908 gefunden. Das neue Prinzip und der Zionismus Wenn irgendwo eine tiefe Genugtuung über die Proklamation des Sa'oniker Kongresses berechtigt ist, so ist es bei uns beim Zionismus. Der Zionismus hat glänzend recht behalten. Er hat vom ersten Tage an die eingetroffene Entwicklung vorausgesagt. Die Organe des Zionismus waren die ersten und fast die einzigen Instanzen in der Türkei, die das Problem der Nationalitäten im Osmanenreiche richtig gestellt und folgerecht beantwortet haben. Sie haben Verkennung und Verketzerung darum ausgestanden. Sie wurden mißachtet, gescholten und denunziert darum; von den Furchtsamen, von den „Kennern" und von den ^Großen" des Judentums. Man machte Front gegen sie im Namen des Ottomanismus. Man hüllte sich sogar in die Löwenhaut der Komileemänner, um sieh abzuschrecken. Das Comite sei gegen nationale Gesinnung, gegen historisch-nationale Aspirationen. Das Comite sollte die Juden ruhig, selbstaufopfernd und dienstergeben haben. Das Comite verwahre sich gegen die „Aufroliung neuer Nationalitätenfragen", verbitte sich „die Schaffung einer neuen Nationalität zu den vielen bereits bestehenden". Und was der hohlen Phrasen auf Rechnung des nichtsahnenden Comites wohl sonst noch waren. Der Zionismus hat das ganze unpolitische, von Furcht eingegebene Geschwätz nicht weter beachtet und hat sich in seinen Äußerungen und Handlungen nicht irre machen lassen. Er wußte zwar, daß nicht von vornherein alle Häupter der großen volksbefreienden Körperschaft mit seinen historischen und staatsphilosophischen Maximen übereinstimmten. Aber er wußte seine theoretische Fundamentierung so stark, so real, so zwingend, daß er überzeugt war, daß nicht sie dem Tage angepaßt werden müßte, sondern daß der Tag für sie heranreifen würde Auch dachte der Zion smus viel zu hoch von dem ^staatsmännischen Geiste der jungtürkischen Führer, um nicht die Überzeugung zu hegen, daß sie schnell und vorkommen sich zu, seinen Anschauungen über &as Nationali äienproblem entwickeln würden, — wenn sie sie nicht schon besaßen und nur aus taktischen Gründen mit ihrer Verkündigung säumten. Es galt für sie vielleicht einen eisernen Ring um die Reichselemente zu schlagen, ehe man ihnen im Innern freies Tummelfeld lassen konnte. Nun, da der Ring geschaffen, da eine mächtige Armee ausreichende Grenzwacht hält, liegt keine Veranlassung mehr vor, irgendwelchen Durchbruchsversuch Verblendeter zu befürchten. Wie dem auch sei, die Zeit für eine offene Orientierung der Politik in unserm S.nne mi ßte kommen. Und sie kam schnelle. Werden jetzt die osmanischen Juden immer noch zögern, zur zionistischen Fahne zu treten, die nichts, aber auch eines Härchens Breite nichts proklamiert, was nicht das jungtürkische ComitS heute feierlich zu respektieren verkündet? Werden sie noch länger fürchten, sich frank und frei als eine der Nationalitäten des Reiches zu deklarieren? Werden sie endlich den Mut haben, ein eignes Sein, ein e'gnes Wollen, ein eignes Programm, eine eigne Politik — innerhalb des Rahmens und konform den geineinsamen Aspirationen der ottomanischen Gesamtfamilie — zu bekennen? Werden sie endlich, da man von autorisiertester Stelle ihr unbedingten Respekt verspricht, ihre alte, vernachlässigte und verketzerte Nationalsprache wieder zu Ehren bringen und ihr. vor allem die zugesperrten Schultore öffnen? Werden sie endlich Manns genug sein, sich auf ihre „unzerstörbaren historischen nationalen Rechtswünsche" zu besinnen, und dem Comite Gelegenheit geben, seine erhabenen Versprechungen zu realisieren? Wird man endlxh die nationalen Verleumder und Selbstmörder in das verdiente Nichts zurückstoßen und die herrlich gerechtfertigte, national organisierte Jugend lieben, fördern und ftELT 1253 großmachen lernen? Wird der Großrabbiner endlich resolut die Führung nehmen, sich von all den kleinlichen, interessierten und erniedrigenden Einflüssen freimachen und resolut darangehen, 'den Willen und die Sehnsucht aller den jungtürkischen Führern gleichdenkenden Juden und damit die tausendjährige, in Gebet und; Leben überquellende Sehnsucht des ganzen jüdischen Volkes realisieren zu helfen? Wir haben die Hoffnung auf den gesunden Sinn, auf den Lebensinstinkt und die Erneuerungskraft des ottomanischen Judentums noch immer. Nur zwei Jahre sind bisher verloren worden. Noch ist es Zeit, aufzuwachen. Das Versäumte ist noch nachzuholen. Wenn nicht, so werden die ottomanischen Juden die einzige Nation sein, alles das nicht zu bekennen und zu sein, was das Comite für Einheit und Fortschritt hochzuachten verkündet, die einzigen, die diese Hochachtung nicht verdienen. Wir sind überzeugt, daß sie der Geschichte unseres Volkes dieses Schandblatt nicht einheften werden. Der Briefwechsel zwischen dem Großrabbiner und dem „Makkabi" Die Folgen der Handlungsweise des Großrabbiners, der sich durch seine Demission aus dem „Makkabi" offen für Fresco erklärt und diesem damit Stoff zu indirekter Zeugenschaft in dem Skandalprozesse zugunsten der unerhörten, vor dem Gerichte durch die Freses-Partei öffentlich vorgebrachten Denunziationen geliefert hat, machen sich bereits fühlbar. Die Presse — eine gewisse natürlich ausgenommen — verurteilt einstimmig, zum Teil in ziemlich scharfer Weise, dieses eines Oberhauptes unangemessene Verfahren. Dem Großrabbiner wird Parteilichkeit, mangelnde Informierung und Voreiligkeit vorgeworfen. Schwerer aber ist die Schuld, die er sich aufgeladen durch Duldung und Unterstützung dieser Denunziationen. Der psychologische Moment Es wäre just der psychologische Moment für den Großrabbiner, das schwere Unrecht, das er unserer nationalen Sache mit seinem Verhalten dem jüdisch-nationalen „Makkabi" gegenüber angetan hat, wieder gut zu machen. Er hat die unüberlegte und im Sinne der jetzigen Lage lächerliche Anschuldigung auf diese Organisa'ion geworfen, daß sie den Interessen des Judentums schädlich wirke. Er hat sich offen auf die Seite der an inationalen Assirnilatoren gestellt und mit seinem sonderbaren, überhasteten Austritt den volksfeindlichen Verleumdern und Verrätern Zeuge gestanden. Das ist eine schwere Tat in den Annalen des Judentums, getan von einem derjenigen, die zu seinen Häuptern und Vorkämpfern zählen sollten. Schon im osmanischen Judentum hat sie, einen befremdenden, peinlichen Endruck hinterlassen. Es ist der geeignete Moment, sie hinwegzuräumen, sie ungeschehen zu machen, bevor noch der nationale Unwille sich über den ganzen Erdball, wo Juden wohnen, fortverbreitet. Soll mau die Briefe des Crnchambaschi und die Proklamation des „Union et Progres" gegenüberstellen? Soll man sagen, die französierende Allianz habe ihm höher gestanden als die patriotische und dabei reinjüdische nationale Jugendwehr, und jene, noch immer sowohl die türkische wie die jüdische Jugenderziehung vernachlässigende Gesellschaft ihm den Interessen des ottmanischen Judentums mehr entsprechend erschienen als diese, d e eine starke jüdisch fühlende Jugend schafft und dem Vaterlande kraftvolle Kämpfer heranbildet? Der gute Name der historischen Persönlichkeit, die der Chachambaschi darstellt, kann aus diesen Feststellungen nicht erhöht hervorgehen. Es sei denn, daß Rabbi Nahum Entschlußkraft und Unabhängigkeit beweist, das Krumme wieder gerade zu machen und sich endlich klipp und klar für, anstatt gegen unsere nationalen, auf unzerstörbaren Fundamenten beruhenden Aspirationen zu bekennen. Ehe es zu spät ist. Es ist der psychologische Moment. Rabbi Jakob Meir Der Großrabbiner von Salonik soll entschlossen sein, den Kontrakt mit seiner Gemeinde nicht zu erneuern. Wir registrieren diese Mitteilung unter Vorbehalt. Sicher dagegen ist, daß Rabbi Jakob Meir den ihm angebotenen Posten in Jerusalem nicht annehmen wird. Er hat diesen seinen Entschluß jüngst Rabbi Nahum in einem sehr lakonischen, aber sich durch außerordentliche Festigkeit auszeichnenden Briefe kundgetan. Rabbi Nahum soll nunmehr daran denken, der Jerusalemer Gemeinde einen Rabbiner aus Rumänien vorzuschlagen.

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