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Die Welt · 1910-11-25 · 47 (25.11.1910) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 22)
Language
German
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1252 t>!EOTELT No. 47 (Inga rische Landes-Agrikultur verein, das Werkzeug der Agrarier wendet sich in einem langem Memorandum an die Regierung, in welchem er u. a. verlangt, die Pachtungen der Religionsfondsgüter sollten den bisherigen Pächtern unbedingt entzogen werden. Die Güter sollen anstatt dessen an Kleinbauern parzellenweise verpachtet werden. Wie human! Nur sind die erwähnten Pächter fast ausschließlich Juden. Antisemitische Hetzreden auf einem katholischen Landeskongreß Vom 14. bis 16. November tagte in Budapest der Kongreß der verschiedenen katholischen Organisationen Ungarns. Im Laufe der Beratungen wurden gegen die Juden heftige Brandreden gehalten. „Wir dürfen nicht gestatten", sagte u. a. einer der Redner, Reichstagsabgeordneter Johann Frey, „daß man in der staatlichen Verwaltung den Juden den Vorzug gebe." (!) Der Redner tischte ferner seinen Zuhörern folgenden Wahnwitz als „historische Tatsache" auf: „Vor 30 Jahren traten die Juden in Krakau zusammen, um darüber schlüssig zu werden, in welcher Weise die jüdische Herrschaft in Europa gesichert werden könnte. Damals wurde beschlossen, in ganz Europa die Presse zu verjuden. Wer verfügt heute über die Macht? (Rufe: Die Juden!) Wem gehört die Presse? (Rufe: Den Juden!)" Hierzu muß bemerkt werden, daß dem Kongresse die vornehmsten politischen Kreise des Landes beiwohnten, u. a. auch der Kultusminister Graf Zichy und der bekannte antisemitische Ministerialrat Baron Barköczy. Und derselbe Kongreß hat eine Resolution angenommen, in weicher gegen die „Fälschungen" der von unchristlichen Autoren verfaßten Geschichtsbücher Einspruch erhoben wird! Ein jungjüdischer Almanach in ungarischer Sprache Ende Dezember d. j. wird in Budapest unter der Redaktion von Dr. Josef Patai ein jungjüdischer Almanach erscheinen, welcher als erstes Werk der jü iischen Renaissance in ungarischer Sprache von großer Bedeutung sein wird. Dr. Patai genießt in Ungarn einen ausgezeichneten Ruf als jüdischer Dichter und Schriftsteller. Er hat sich für den Almanach die Mitarbeiterschaft hervorragender literarischer und künstlerischer Kräfte gesichert. Brief aus Rumänien Von unserm Berichterstatter Seit fünf Wochen ist keine Verordnung erschienen, von der man behaupten könnte, daß sie gegen die Juden gerichtet ist. Da sich sonst derartige Regierungserlässe des rumänischen Chauvinismus förmlich jagen, so ist ein Zeitraum von fünf Wochen immerhin ein erwähnenswerter Umstand. Um so nachdrücklicher machen sich die Folgen früherer Verordnungen geltend. Das letzte Industrie- und Sanitätsgesetz, das von einem durchaus judenfeindlichen Geist diktiert war, übt bereits seine schmerzlichen Wirkungen. Und für die nächsteZeit stehen Ergänzungen dieser Gesetze durch das Parlament in Aussicht. Mit ihnen wird die liberale Partei ihre Tätigkeit für die Wjntersession einleiten. Die von der Regierung eingesetzte Kommission zur Prüfung der hebräischen Lehrer bestand aus folgenden Herren: Dr. Beck und B a 11 y (Rumänien), Dr. N i em i ro w e r (Jassy), Dr. Nach t(Focsani), und Landau (Botosani). Die Kommission tagte unter dem Vorsitz des Inspektors Castescu in Bukarest. Da sich nur wenige Kandidaten der Kommissionvorsteliten, hatdie Kommission dem Unterrichtsminister vorgeschlagen, daß die hebräischen Lehrer ohne weitere Autorisation für dieses Jahr im Amt belassen werden sollen. Am 24. November wird von den Vereinigten Sektionen des Kassationshofes inBukarest der more-j u daico-Prozess stattfinden. Bekanntlich hatte im Dezember 1908 eine Sektion des Kassationshofes entschieden, daß die Rabbiner nicht gezwungen werden können, den more-judaico-Eid abzunehmen. TroUdem wurden seither die Rabbiner Dr. Niemirower und Taubes von einem Jassyer Richter in Strafe genommen, weil sie die Abnahme dieses Eides verweigert hatten. Sie haben gegen dieses Urteil Rekurs ergriffen, der nunmehr vor dem Kassationshofe zur Verhandlung kommt. Der Entscheidung des Kassationshofes, der diesmal gesetzliche Kraft zukommt, sieht man in allen jüdischen Kreisen mit großer Spannung entgegen. Ich hatte Ihnen bereits von der „Tätigkeit" der Missionare in Rumänien des öftern berichtet, und die „Welt" hat von der Entführung eines die protes'antische Schule in Bukarest, die unter deutscher Leitung steht, besuchenden Mädchens Notiz genommen. Infolge des Einschreitens der Bukarester Juden ist nunmehr das entführte Kind Moscovici von den Missionaren den Verwandten zurückgegeben worden. Der türkische Ingenieur Santo Semo Bey, der im Auftrage seiner Regierung gegenwärtig in Rumänien weilt und hier nrt große.] Ehrungen empfangen wurde, hat vor einigen Tagen in der Bnei- Brith-Loge in Bukarest einen Vortrag über Palästina gehalten. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Eine bedeutsame Proklamation des Komitees für „Einheit und Fortschritt" Wir stehen an der Schwelle einer vollkommen neuen innerpolitischen Ära in der Türkei. Was alle einsichtigen Kenner des Landes behauptet hatten, ist eingetreten: man hat sich überzeugt, daß eine gesunde Entwicklung und feste Konsolidierung des Reiches auf der Basis der Herrschaft eines einzigen Elements, des türkischislamischen, und der Verdächtigungen und Zurücksetzungen aller andern unmöglich sei. Die Türkei ist kein Staat wie Rußland o:ler Deutschland, wo eine einzige Rasse die ungeheure Majprität des ganzen Volkskomplexes darstellt, sondern ein Organismus ähnlich Österreich, wo die Summe der Minoritätskräfte der einen aus Uberlieferung herrschenden Kraft die Wage halten, wenn nicht sie überwiegen. In einem solchen Lande kann nur durch friedlichen Ausgleich, durch gegenseitiges Anerkennen und Gehenlassen, durch Achtungaller nationalen historischen Eigenarten und durch Benutzung und Zusammenfassung aller gesunden nationalen Individualitäten regiert werden, nicht durch die Aufzwingung eines einzigen kulturellen Schemas für alle, nicht durch grobe Gleichmacherei und widernatürliche Assimilierung. Bis vor kurzem konnte es scheinen, als ob das jungtürkische Komitee, das so klug und glücklich gewesen war in der Wahl seiner Wege zur äußern Befreiung seines Volkes, diese eminente Wahrheit nicht gefunden habe. Daß es versuchen wolle, allen historischen Mißerfahrungen zum Trotze die gewaltsame Verschmelzung aller Elemente des Reiches, unter Forderung der Selbstaufgabe aller Individualitäten zugunsten der einen türkischen, durchzusetzen. Die aufrichtigen Freunde der jungen Türkei hatten eine Gefahr für ihren Bestand darin sehen wollen und eine möglichst baldige Revision der bisherigen Taktik herbeigewünscht. Nun, ihre Befürchtungen sind vollkommen zerstreut worden. Die mangelnde Einsicht ist einer;klarern, realistischem und vorurteilslosem gewichen, und die herbeigesehnten Prinzipien sind zu voller Geltung gekommen, Sicherlich hat zu diesem frühen glücklichen Resultat die im Laufe der verflossenen zwei Jahre erfolgte außerordentliche Stärkung der nationalen Wehrkraft beigetragen. Die Zentralautorität des Staates ist durch sie so stark geworden, daß das Ausarten der individuellen Bestrebungen der Ein^elelemente in zentrifugale oder etwa ganz separatistische Aspirationen nicht mehr zu befürchten ist. Die türkische Regierung wäre jeden Moment sofort in der Lage, solche etwaige Versuche im Keime zu ersticken und ihre Unterstützung von jenseits der Landesgrenzen gewaltsam zu verhindern. Kraft gibt Sicherheit und Vertrauen. Und dieses Vertrauen ist es, das sich nunmehr in der historisch zu nennenden Proklamation kundgibt, die das Zentralkomitee für Einheit und Fortschritt als das Resultat der Beratungen des letzten jungtürkischen Kongresses in Salonik an alle osmanischen Bürger richtet. Der wichtigste Passus dieses Manifestes hat folgenden Wortlaut: „Der Kongreß adoptiert das unwandelbare Prinzip, an der Zusammenfassung allergleichstrebenden Rassen unter dem gleichen politischen Bannei des Ottomanismus zu arbeiten. Er will ihre Einigung, nicht ihre Verschmelzung. Er respektiert einer jeder, nationalen Sprache Rechte auf nationales Sein sowie ihre Forderungen, soweit sie auf unzerstörbaren historischen Grundlagen beruhen. Dieser Respekt verlangt natürliche Gegenseitigkeit und ist so als ein -Element der Kraft anzuerkennen.. Und es ist gewiß, daß in dieser Erkenntnis keine einzige Nationalität der ottomanischen Gesamtfamilie wird fremd bleiben wollen und sich durch keine Augenblickserscheinung wird dazu hinreißen lassen, die Einheit aller Teile des Reichsvolks zu durchbrechen. Es gibt kein einziges ottomanisches Element, das nicht achtenswert sei in den Augen des Comites für Einheit und Fortschritt und mit dem es nicht in Liebe und Eintracht zusammenstehen wo'lte. Sollte sich jedoch irgendjemand finden, der diese Einheit zu zerstören trachtete, die das Comite mit all seiner Kraft realisieren will, so wird es alle Handhaben des Gesetzes anwenden und sich einen

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