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Die Welt · 1910-11-25 · 47 (25.11.1910) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Augen. Vor ihm stand der halbgeleerte Becher, aus? dem er beim Scholausch Sudaus TChajim trinkt. In der \ starren Linken hielt er seine Schnupftabakdose. Er schien zu schlafen; das schien aber nur so, denn eigentlich schlafen tut der Rebbe niemals. Ein heiliger Schauer beschlich immer mächtiger die Chassidim. Etwas un-; faßbar Großes mußte sich vorbereiten, denn daß der1 Rebbe schon beim ersten FChajim eingeschlafen wäre,J war bisher noch nicht vorgekommen. Die Chassidim1 wurden immer erregter. Immer stiller ward es im Räume. Plötzlich seufzte der Rebbe. Er seufzte tief, und alle ' Malochim schienen mitzuseufzen. Es war ein Seufzer, so; erschütternd, so ergreifend, wie ihn nur der Rebbe aus-; stoßen kann, der alles Leid der Welt, alles Weh der; Geschöpfe mit empfindet. Die Chassidim erzitterten in tiefster Seele. Eine heilige Ahnung beschlich sie. Ihre Augen taten sich weit auf; ihre Körper streckten sich dem Rebbe entgegen. Ihre Seele suchte Anschluß an den tiefen, an den heiligen Seufzer des Rebbe. Als aber der Rebbe, ohne die Augen zu öffnen, einen zweiten, noch tiefern, noch ergreifendem Seufzer ausstieß, da bemächtigte sich der Chassidim eine himmlische Gewalt und entriß sie ganz dem irdischen Sein. Der Hauch des Rebbe durchdrang sie. Er füllte ihre Ballons, und sie erhoben sich zum Fluge durch unendliche Räume. Und auch ich war erfüllt vom Geiste des Rebbe. Auch mich hatte der heilige, geheimnisvolle Seufzer des Rebbe ergriffen,, und auch meine Seele erhob sich aus dem dunkeln Zimmer des Rebbe zur lichten Höhe des Weltenraumes. Wir erhoben uns immer höher. Die Menschen in ihrem kleinlichen Tun entschwanden unsern Blicken. Immer weiter flogeii wir dahin. Allmählich ward ein weites Tal sichtbar. Dieses war voll von Menschen. Was wir in diesem Tal gesehen, das war ganz merkwürdig. Hier tanzten Männer um große Kassenschränke. Sie verneigten sich vor ihnen, sie küßten sie. Sie erhoben dieselben mit großem Kraftaufwande in die Höhe und tanzten mit ihnen in tollem Wirbel. Heftig schlugen die Kassen aneinander und machten eine mißtönende Musik zu diesem wilden Tänze. Eine lähmende, niederdrückende Schwüle kündete das nahe GeWitter. Am fernen Horizont stieg eine dunkle Wolke empor. Das aber störte die Tanzenden nicht im geringsten. Aber wenn dieses Tanzvergnügen auch den größten Teil des Tales einnahm, so war dieses doch nicht das Auffallendste, was wir da gesehen haben. Abseits, davon stand eine Gruppe von Männern in uniformer Tracht. Alle wohlgenährt und zufrieden, bedächtig in Schritt und Tritt, sanft und würdevoll wie die Leithämmel auf üppiger Trift. Ihr .Blick war ergebungsvoll nach oben gerichtet, ihre Hänae weihevoll vorgestreckt. So standen sie da und sprachen. Sie sprachen mit bedächtiger Begeisterung. Sie sprachen mit ästhetischem Temperament. Rhythmisch hob und senkte sich ihre Stimme. Harmonisch flössen Worte und Sätze dahin. Große Kreisevon Männern und Frauen jeden Alters saßen um diese Redner und schliefen. Sie schliefen tief. Aller rhetorischer Aufwand der Redner vermochte nicht, sie zu wecken. Das Merkwürdigste an der Szenerie aber waren die Redner selber. Es waren keine gewöhnlichen Wesen, wie ich sie bisher kannte. Wohl hatten sie richtige Hände, die sie bei ihren Reden hie und da schön im Bogen** schwangen, sie hatten auch Mund und Nase, sie hatten auch sanftmütig blickende Augen, aber der Kopf fehke. Den Platz, an dem andere Menschen-ihren Kopf haben, verhüllte ein in allen Farben schillernder Schein, der wie ein heller, kernloser Kometenschweif die ganze schlafende Gemeinde bestrahlte. Aber ihre Zuhörer vermochten sie nicht zu wecken. Was sie gesprochen baben, konnte ich nicht verstehen; das hätte sicherlich auch der Rebbe nicht gekonnt, denn was kopflose Menschen sprechen, entzieht sich auch dem Verständnis des Rebbe. Das düstere Gewölk kam immer näher. Es verdunkelte bereits den ganzen Himmel. Nun grollten schaurige Donnerschläge. Grell zuckten die Blitze. Die Menschen sahen und hörten von alldem nichts. Die Kassenmänner tanzten fort mit ihrer schweren Bürde; die Redner setzten ihre Reden fort, und ihre Zuhörer schliefen ruhig und zufrieden. Immer tiefer senkten sich die Wolken, düsterer ward es im Tale, nur zeitweilig grell erleuchtet 'durch grauenvolle Blitze. Schaurig durchhallten heftige Donnerschläge das ganze Tal, aber die Menschen merkten noch immer nichts. Trotz der Furchtbarkeit der Szenerie erschien mir das Ganze doch urkomisch. Eben war ich im Begriff, in ein Lachen über das Komische der Situation auszubrechen, als ein furchtbarer Donnerschlag mir für[} einen Moment alle Besinnung raubte. Als-ich aus der Betäubung erwachte, sah ich mich wieder im Zimmer des Rebbe. Der Rebbe hatte in heftigem Unmut seine Schnupftabakdose zugeschlagen, und das erzeugte den heftigen Donnerschlag. Nun erwartete ich, daß auch der Rebbe in ein Gelächter über das Geschaute ausbrechen würde, aber zu meinem größten Erstaunen fing der Rebbe an, bitter zu weinen. Er weinte so herzzerreißend, so erbarmungsvoil, daß wir alle tief erschüttert waren. Warum der Rebbe aber geweint hat, da es doch im Gegenteil so lächerlich, so komisch war, das habe ich niemals begriffen. Aber der Rebbe verharrt nie lange in Traurigkeit, denn wenn er eine Makkoh (Wunde) sieht, so sieht er auch die Refuoh (Heilung). Der Rebbe und seine Chassidim tranken l'Chajim, und alle Traurigkeit war geschwunden. Der Rebbe fing an zu singen. Wißt ihr aber auch, was ein Gesang des Rebbe bedeutet? Die Pytagoräer behaupten, daß der Sinn des Welt ganzen in der Harmonie liege und daß ferner alle Weltkörper in ihrem Lauf eine vielstimmige Harmonie bilden. Man muß nur den Gesang des Rebbe hören, um sofort inne zu werden, daß dem wirklich so ist, denn ob die Pytagoräer den heiligen Gesang der Sphären hören konnten, weiß ich nicht. Daß aber der Rebbe ihn hört, und durch den Rebbe auch seine Chassidim, darüber ist gar kein Zweifel möglich. Denn der Gesang des Rebbe ist nichts anderes als der erlauschte Weltengesang. Darum wirkt er auch so ergreifend, darum weckt sein Gesang solch überirdische Begeisterung, denn überirdisch ist sein Ursprung. In dem Gesang des Rebbe prägt sich Sinn und Urgrund alles Geschehens aus. Alles Wehe der Welt wie auch alle ihre Freuden drückt der Rebbe aus in seiner Modulation. Und wenn er plötzlich und unvermittelt aus dem ruhigen und zufriedenen Baß in einen schnellen, vibrierenden Sopran überspringt, so wissen die Chassidim sogleich, daß irgendwo in der Welt eine große Katastrophe hereingebrochen ist. Darum macht sein Moll uns so erzittern, darum schluchzt die Seele des Chassid, wenn der Rebbe traurig singt; und darum

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