Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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jauchzt er auf, wenn der Gesang des Rebbe heiter tönt Als der Rebbe nun eine Weile, gesungen hatte, begann er plötzlich eine weiche, wehmütige Melodie. Die Chassidim horchten auf. Eine solche Weichheit, eine solche Wehmut hat der Rebbe am heiligen Sabbat beim Scholausch Sudaus noch niemals gezeigt. Es mußte dies etwas Besonderes bedeuten. Immer wehmütiger ward der Qesang, überirdischer die Melodie. Die Chassidim standen unbeweglich im Kreise. Sie waren tief ergriffen. Ihre Seele stimmte sich allmählich auf den Qesang des Rebbe. Sie fingen an mitzuschwingen; sie resonierten den heiligen Qesang. Allmählich streiften wir unser irdisches Sein ab. Unsere Ballons füllten sich mit dem Geiste des Rebbe. Wir erhoben uns immer höher, begleitet von dem wehmütigen Qesang des Rebbe, der aus einer andern Welt herüberzuklingen schien. Plötzlich zeigte sich unsern Blicke,n eine weite kahle Ebene. Alles in ihr war starr und tot. Kein Lüftchen bewegte sich. Tiefe Sandschichten deckten, soweit das Auge reichte, die Fläche urid reflektierten glitzernd die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Von ferne her lief ein Hirsch herbei, Es war ein schönes Tier mit stolzem Geweih, aber es war schwer verwundet. Es blutete heftig. Mit letzter Anstrengung bewegte es sich vorwärts, in seinem Geweih eine zusammengerollte Fahne tragend. Aus der Ferne ließ sich das Geheul einer blutgierigen Meute vernehmen. Die. Sonne senkte sich immer tiefer. Immer matter ward das edle Wild. Immer wehmütiger tönte der Qesang des Rebbe. Nun fiel es ermattet hin, das schöne Tier, und starb. Es war schön auch im Sterben. Die Sonne verschwand hinter dem Horizont. Ein milder Abendwind erhob sich. Er strich über die Ebene und entfaltete langsam die Fahne im Geweih des toten Tieres. Als die wilde Meute herankam, da flatterte weithin sichtbar die entfaltete Fahne. Die blutgierige Meute wich scheu zurück. Mich erfaßte unsagbares Mitleid. Ich weinte, ich weinte bitterlich aus tiefster Seele. In meinem Schmerze vergaß ich für Momente alles um mich her. Als ich mich aber einigermaßen beruhigt hatte und mich nach meiner Umgebung umschaute, befand ich mich wieder beim Rebbe in seinem Scholausch Sudaus-Zimmer. Nun erwartete ich aber, auch den Rebbe traurig gestimmt zu sehen. Aber der Rebbe war gar nicht traurig. Im Gegenteil, seine Augen glänzten vor Freude. Eine selige Heiterkeit strahlte auf seinem Gesichte. Sein ganzes Wesen drückte Hoffnung und Zuversicht aus. Worüber der Rebbe sich so gefreut hat, da mir im Gegenteil alles Geschaute so tief traurig erschien, das liabe ich nie begriffen. * Die Freude des Rebbe ward inniger. Er trank den Chassidim ein heiteres l'Chajim zu und fing an zu tänzen. Es war sein heiliger Tanz. Der Rebbe tanzt diesen Tanz nur in besonders heiligen Momenten. Jeder Schritt eine Offenbarung. Jede Bewegung eine Welt für sich, aber eine Welt, die frei ist von allem Irdischen, und nur wer sich loslöst von allem Irdischen, kann ' diesen Tanz des Rebbe verstehen. Der Rebbe tanzt eine Weile vorwärts, dann wieder rückwärts; der Rebbe zeigt den Fortschritt und Rückschritt, den Kampf des Bösen gegen das Gute, den Kampf des Jezer Fiora gegen den Jezer Hatow. Der Rebbe beugt sich tief bis zur Erde und erhebt sich zu gewaltiger Höhe; er zeichnet das Fallen des Sünders und seine Erhebung. Der Rebbe tanzt die Ethik. Wird der Tanz des Rebbe hastiger, aufgeregter, so bedeutet dies, daß den Völkern Krieg oder Revolution droht. Macht aber der Rebbe gar noch plötzlich und unvermittelt einen großen Satz, so wissen die Chassidim, daß gewaltige Umwälzungen, Katastrophen im Anzüge sind. Der Rebbe tanzt die Weltgeschichte. Allmählich beruhigt sich der Tanz des Rebbe. Er wird gleichmäßiger, rhythmischer. Der Rebbe tanzt die Zukunft, den Abschluß aller sozialen und politischen Kämpfe. Er tanzt den ewigen Frieden. Aber auch hier ist im Tanze des Rebbe keine Gleichheit, keine Einförmigkeit. Die Schritte des Rebbe fügen sich wohl einer höhern Harmonie, aber sie sind untereinander verschieden. Der Rebbe tanzt für jede Nation einen Schritt, und in der Eigentümlichkeit eines jeden Schrittes findet der Eingeweihte, das sind die Chassidim, die Eigenheiten der Nationen ausgedrückt. Als der Rebbe zu diesem Teile des Tanzes gelangt war und ihn zu tanzen begann, da ergriff die Chassidim ein heiliges Feuer. Es loderte in ihnen mächtig empor und verzehrte alles Irdische, Sinnliche. Ihre Seele läuterte sich und versuchte sich mit der Seele des Rebbe zu vereinigen. Und je länger der heilige Tanz des Rebbe andauerte, um so inniger ward diese Vereinigung, und um so höher wuchsen die Chassidim. Verschwunden war die Gegenwart, immer weiter in die Zukunft entführte uns der Tanz des Rebbe. Unsere Augen erschauten ein weites schönes Land. Fruchtreiche Ebenen wechselten ab mit Gebirgszügen, die an ihren Hängen mit Reben bepflanzt waren. Jugendfrischer, froher Gesang erklang von überall her. Heiterer Sonnenschein bestrahlte das Land und ließ Flüsse und Ströme aus ihren grünen Umrahmungen silbern erglänzen. Weithin schlängelten sich gut gepflegte Straßen, einem Zentrum entgegen. In voller Lebendigkeit erschienen sie dem Auge. Festlich gekleidete Menschenmengen wallten auf ihnen. Alle Nationen waren vertreten; weithin sichtbar waren ihre Embleme entfaltet. Friedlich und einträchtig wallten sie dahin. Laut erklangen ihre nationalen Weisen. Sie waren verschieden in Ton und Melodie, aber sie störten einander nicht. Nirgends zeigte sich ein Mißton; eine höhere Macht vereinigte sie zur heiligen Harmonie. Ein Geist beseelte sie, einem Ziele strebten sie zu. Dieses Ziel aber war ein mächtiges Gebäude, das weithin sichtbar auf einem Hügel errichtet war. Je näher die Menge an den Hügel kam, desto heller erklang ihr Qesang. Heilige Freude erglänzte in ihren Blicken. Ein milder Lichtstrom entstrahlte dem Gebäude und durchflutete die Seele der Heranziehenden. Seliges Ahnen beschlich sie und ergriff immer mächtiger die Nahenden. Als aber die Menge an die Pforte kam, da geschah das Wunderbarste. Wie -von einer unsichtbaren Macht getrieben, warfen alle ihre Kostbarkeiten von sich. Der Soldat legte seine Waffen hin, die Frau ohne Zögern ihren Schmuck und der Reiche sein Gold. Vielleicht haben auch die Gelehrten ihren Dünkel abgelegt; gesehen habe ich es nicht. Ja, sogar so mancher Orden ward inmitten der allgemeinen Begeisterung abgelegt. Was aber in dem Gebäude geschah, das eine solche Gewalt auf die Heranziehenden ausübte? Dahat, sicherlich König David auf seiner Harfe zum heiligen Tanz des Rebbe, zum Schlußtanz der Weltgeschichte aufgespielt. Gesehen habe ich es aber nicht, denn ich