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Die Welt · 1910-11-25 · 47 (25.11.1910) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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politische Klubs. In Galizien sind die Kultusgemeinden die Burgen der berüchtigten „Kahalniks", der willigen Diener der polnischen Schlachta. Wiens jüdische Gemeinde ist der Schlupfwinkel der liberalen Überreste, die letzte und einzige Stätte'ihrer Eitelkeit und ihrer volksbeglückenden Wirksamkeit. Jeder Aussicht beraubt, Reichsrats- und Landtagsabgeordnete zu werden, oder die Wiener Gemeinde zu regieren, klammern sie sich krampfhaft an die einzige Institution, die ihnen die Möglichkeit gibt, Mandate und Ämter zu vergeben, zu verwalten und zu gebieten. Es sind menschliche Schwächen politisch Geschlagener und Besiegter, die Mitgefühl verdienen könnten, würde es sich nicht um die unmittelbarsten Interessen von 170000 Juden handeln. Es braucht hier nicht gesagt zu werden, daß es sich nicht darum handelt, in Würden ergraute Kultusräte zu entthronen, die oder jene Person zu beseitigen. Es gilt, die Verwaltung der Wiener Judengemeinde den jüdischen Volksmassen zurückzugeben. Deutschliberale mögen ehrenwerte Männer sein; die Geschicke der Judenheit Österreichs zu leiten, sind sie ebensowenig berufen, wie Allpolen oder Glombinski-Jünger mosaischer Konfession. Die Souveränität des jüdischen Volkes und der Demokratie soll wieder hergestellt werden in den jüdischen Kahalstuben. Der Kampf um die Gemeinden wird nicht zur Ruhe kommen, bis nicht die letzten Stützen der Assimilation und der Plutokratie aus den Vorständen verschwinden. Denn in der Wiener Kultusgemeinde lebt noch der Geist des alten Statuts, das Männern, die vom Tages- oder Wochenlohn leben, das passive Wahlrecht ausdrücklich entzogen hat. Nun denn, das neue Statut nimmt diesen Volksschichten auch das aktive Wahlrecht! In den Spalten dieser Zeitschrift wurden das Wahlunrecht, das deutschtümelnde Gebaren, derGeist der Verbeugung vor Reichen des Wiener Kultusvorstandes genügend gekennzeichnet. Es ist nicht nötig, am Vorabend der Wahl zu wiederholen, daß die in den Kampf ziehenden Zionisten Wiens um die nationale Selbstbestimmung und Selbstverwaltung, um die Sache der Demokratie und des gleichen Rechtes ringen. Man will in der engen Seitenstättengasse nicht begreifen, daß eine Opposition, die 30 bis 45°,o der Stimmen bei verschiedenen Wahlgängen auf sich vereinigt hat, eine ihrer Stärke entsprechende Vertretung beanspruchen darf. Hoffen wir, daß die Wählerschaft diesmal ihren Vorstand eines vernünftigem belehren wird. Das jüdisch-demokratische Wahlkomitee hat bisher folgende Kandidaten in Aussicht genommen: Bankier Adolf Brecher, Dr. Isidor Schalit, Dr. Karl Pollak, Arnold Karplus, Emil Fried, Dr. Jakob Kohn, Eisig Torczyner, Dr. Egon Zweig. Die Wahlagitation ist im vollen Gange. Am 21. und 24. November fanden in den Bezirken Mariahilf und Leopoldstadt Versammlungen der Kultuswähler statt. O [(□□□□□□ o v> FEUILLETON o | O Ein Scholaus Sudaus beim Rebbe Von Dr. S. R. Schamsche der Melamed erzählt: Groß ist der Rebbe. Glücklich das Auge, das ihn geschaut. Selig das Ohr, das seinen Worten gelauscht. Heil der Seele, die ihn begriffen. Denken und Sein sind für den Rebbe keine Gegensätze. Was der Rebbe denkt, das ist, und alles, was ist, spiegelt sich im Denken des Rebbe wieder. Seinem geistigen Auge ist nichts verborgen- Er ahnt das Zukünftige; Er schaut das Unsichtbare und läßt es zuweilen auch seine Chassidim schauen. Die Nähe des Rebbe verleiht auch den Chassidim Größe. Sein Geist belebt ihren Geist. Wie die Zahl durch Verbindung mit dem Unendlichkeitssymbol ins Unendliche wächst, wie der Lebensfunke die tote Masse belebt, so wachsen die Chassidim ins Ungeheure, so belebt sich ihr Geist, wenn sie sich in der Nähe des Rebbe befinden. Wem aber dieser Verglich nicht genügen sollte, der merke sich folgenden. Ein luftleerer Ballon ist ein gar unansehnliches Ding. Schlaff und kraftlos liegt er am Boden, Winzig und bedeutungslos erscheint er dem Auge des Menschen. Nun wird er gefüllt. Er beginnt sich zu dehnen; er dehnt sich immer mehr; er gewinnt an Umfang. Je mehr Gas in ihn eindringt, desto kräftiger reckt er sich. Und nun erhebt er sich vom Boden. Er steigt immer höher und entfliegt den Blicken der Menschen. Solche Ballons sind nun die Chassidim. Solange sie sich nicht in der Nähe des Rebbe befinden, sind sie schwerfällig, matt und kraftlos. Traurig und müde schleichen sie umher. Sobald aber der Rebbe seinen Geist auf sie einwirken läßt, sobald er seinen Odem ihnen einhaucht, dehnen und recken sie sich. Sie werden lebendig und heiter und erheben sich allmählich aus dem Irdischen zur himmlischen Höhe. Je inniger die Annäherung an den Rebbe, je tiefer sein Odem den Chassid durchdringt, um so mehr streift dieser alles Irdische, alles Materielle ab, und um so höher erhebt er sich. Die Chassidim aber, die beständig in der Nähe des Rebbe weilen, sie v/erden ganz immateriell. Ihr Ballon ist ständig erfüllt von dem heiligen Hauche des Rebbe. Diese erheben sich mit dem Rebbe zu den höchsten Höhen, und ihr Auge schaut fast das, was der Rebbe selber schaut. Auch mir war es einmal beschieden, in der Nähe des Rebbe zu verweilen. Auch ich durfte einmal als kleiner, schwerfälliger Ballon, erfüllt vom Geiste des Rebbe, mit ihm fliegen und manches Wundervolle schauen. Es war, als ich zum erstenmal das Haus meiner lieben Eltern verließ, um ins, Leben hinauszutreten. Mein Herz war beklommen. Mir bangte vor der ungewissen Zukunft. Ich ging zum Rebbe. Ich wollte ihn um seinen Segen bitten und um meine Zukunft befragen. Mit heiliger Scheu trat ich ein. Der Rebbe saß beim Scholausch Sudaus. Ringsum standen die Chassidim. Im Räume herrschte Halbdunkel. Menschen und Dinge verschwammen ineinander. Erst allmählich unterschied das angestrengt blickende Auge die Menschen von ihrer Umgebung. Tiefe, andächtige Stille herrschte im Zimmer. Regungslos standen die Chassidim. Ihre Augen waren erwartungsvoll auf den Rebbe gerichtet. Der Rebbe aber saß an dem obern Ende des Tisches. Er saß da mit geschlossenen

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