Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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der deutschen Judenheit, das scheinbar nunmehr auch weiterhin fortgesetzt werden soll, dürfte nicht ohne Einfluß auf die ferner^ Gestaltung der innern Verfaßung und. äußern Verhältnisse der Juden im Reiche bleiben. Sodann bedeutet diese Versammlung den Beginn einer neuen Betätigungsart des Verbandes der deutschen Juden, der damit aus seiner bisherigen äußerlichen Reserve in die weite Öffentlichkeit herausgetreten ist. In den leitenden Kreisen dieser sozusagen offiziellen. Repräsentanz der deutschen Judenheit scheint die Erkenntnis gereift zu sein, daß die interne Wirksamkeit allein nicht zur erfolgreichen Wahrnehmung der jüdischen Interessen und zur Erlangung der wirklichen Gleichstellung der Juden im staatlichen Leben genüge; daß die Juden vielmehr immer und immer wieder laut und vor aller Welt die Erfüllung ihrer verfassungsmäßigen Rechte fordern müssen. Die heutige Versammlung war daher auch der Anfang einer systematischen, planmäßigen Tätigkeit in diesem Sinne. Und es war ein guter Anfang. Der Verlauf der Verhandlung hinterließ bei den zahlreichen Teilnehmern einen tiefen, nachhaltigen Eindruck, und wird sicherlich ein lautes Echo in weiten Kreisen der deutschen Judenheit wecken. Es waren stolze, mutige, von jüdischem und menschlichem Selbstbewußtsein diktierte Worte, die dort zum Ausdruck kamen, sowohl in der Eröffnungsansprache des Jüstizrats Horowitz,wie in den Ausführungen der beiden Referenten. Professor Philippson wandte sichzunächst gegen die Einwendung, die Nichtzulassung von Juden zu den höhern Militärstellen gingen nur die" betreffend-n einzelnen und nicht die Gesamtjudenheit an. Das ist aber eine gänzlich falsche Auffassung. Die beständige Zurücksetzung der Juden im preußischen Heere, ihre Ausschliessung vom aktiven und Reserveoffizierstande seit einem Vierteljahrhundert, nur auf Grund ihres Bekenntnisses, bedeutet eine grundsätzliche Verunglimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft in Deutschland und ihres Glaubens. Deshalb muß der „Verband der Deutschen Juden" die geordnete Vertretung der deutschen Juden zur Verteidigung ihrer staatsbürgerlichen und bürgerlichen Rechte, sich d'eser Sache annehmen und die Glaubensgenossen zum Mitstreite aufrufen. Die preuß sehe Verfassung und die Gesetzgebung des deutschen Reichs haben die volle Gleichberechtigung aller Konfessionen, auch zur Bekleidung aller öffentlichen Ämter, ausdrücklich ausgesprochen; aber diese Bestimmung wird auf militärischem Gebiet andauernd verletzt. Dies widerspricht jedoch auch den Überlieferungen des preußischen Heeres selbst: von 1813 bis 1884 hat es zahlreiche Reserveoffiziere und sogar einen aktiven Major jüdischen Bekenninisses gegeben. Sie widerspricht auch der in den Heeren aller außerdentschen zivilisierten Großstaaten und sogar der bis 1866 in dtn süddeutschen Heeren geübten Praxis, Juden im stehenden Heere zu Offizieren selbst bis zu den höchsten Graden zu befördern. Noch heute werden in Bayern jüdische Einjährig-Freiwillige wenigstens Reserveoffiziere, während sie in Preußen angeblich, — allerdings erst seit 1885, — die dazu erforderlichen Eigenschaften nicht besitzen. Wenn sich aber ein jüdischer Einjähriger taufen läßt, so erhält er offenbar dadurch plötzlich die ihm bisher mangelnden persönlichen Eigenschaften, denn er wird befördert. Es ist also keine Rassenfrage, — was man glauben machen möchte, sondern eine Glaubensfrage. Die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion wird verfassungswidrig als Hindernis der EHcrderung angesehen. Der Verband der Deutschen Juden hat wiederholt eine Stellungnahme hiergegen im Reichstage angeregt und durch Ma'erial unterstützt und ist bei dem jetzigen Kriegsminister mit einer Eingabe vorste lig geworden. Der frühere Kriegsmmister von Einem hatte im Reichstage mehrfach, die Berechtigung der diesbe üglichen Beschwerden der Juden, unter Anerkennung ihrer soldatischen Tüchtigkeit zugegeben. Aber sei'cL'm der Bü'oa'block dem schwarzblauen Block gewichen, ist wieder eine Wendung zum schlimmeren eingetreten und der jetzige Kriegsmininister v. Heeringen hat im Reichstage den Juden die für einen Offizier nötige Autorität vor der Front abgesprochen. Hatte Philippson den Gegenstand mehr in großen Zügen behandelt, so ging Landtagsabgeordneter Cassel mit parlamentarischer Gewandtheit auf charakterist;sche Einzelfälle und dokumentärstes Tatsachenmaterial ein. Er schilderte d<e vielerlei Kränkungen, die jüdische Soldaten'zu erdulden haben; die unüberwmdlichen Hemmnisse, die sich den Juden auf dem Wege zum Offi/'iersrange entgegenstellen. Die Quelle dieser Widerstände ist in einer gegen d e Juden gerichteten Fronde innerhalb der Armee zu suchen. Keineswegs aber, wie von manchem früher fälschlicherweise angenommen wurde, an höchster Stelle. Aus bezüglichen Kab;nettsordres gebt im Gegenteil hervor, d-.ß von oben die Vermeidung jeder konfessione'len Rücksichtnahme bei Offiziersernennungen gewünscht wird. Redner führt einen bestimmten Fall an von Zurücksetzung eines jüdischen Einjährig-Freiwilligen, der zur Kenntnis des Kaisers gelangte und von ihm bedauert wurde. Er kritisiert und verurteilt aufs schärfste die Erklärung des jetzigen Kriegsministers v. Heeringen und 'vergleicht sie mit den entgegengesetzten Äußerungen des frühern Kriegsministers v. Einem. Die Hohlheit des vom neuen Minister gebrauchten Vorwandes zeigt sich darin, daß die Taufe die „nötige Autorität" verleiht. Es ist eine Verunglimpfung des jüdischen Glaubens und des jüdischen Namens. Ein Jude, der aus schnöder Selbstsucht Verrat am Judentum begeht, besitzt im preußischen Militär mehr „Qualifikation" als solche, die ihrem Glauben und ihrer Abstammung treu bleiben! Das ist ein Hohn auf Gesetz und Recht, eine Schmach für das Vaterland und ein empörendes Unrecht gegen das Judentum, wogegen wir den schärfsten Protest erheben! Die Ausführungen beider Referenten wurden oft von lebhaftem Beifall unterbrochen und weckten zum Schluß laute Zustimmungsbekundungen. Darauf wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Seit länger als einem Vierteljahrhundert ist innerhalb des preußischen Kontingents kein einziger Soldat jüdischen Glaubens zum aktiven oder Reserveoffizier befördert worden, während wiederholt christliche Söhne jüdischer Eltern zu Offizieren befördert wurden. Dieser grundsätzliche Ausschluß von Personen jüdischen Bekenntnisses von den Offizierstellen ist verfassungs- und reichsgesetzwidrig und widerspricht nicht nur den Einrichtungen aller andern zivilisierten Großstaaten, sondern auch der Oberlieferung des preußischen Heeres, der allgemeinen Verfügung des Kriegsministers vom 10. Juni 1908 und Armeebefehlen des Kaisers. Die, heutige Versammlung erhebt Widerspruch gegen die Fortdauer dieses Zustandes. Der Vorsitzende wird beauftragt, vorstehenden Beschluß zur Kenntnis des Reichskanzlers, des Militärkabinets, des Preußischen Kriegsministeriums und der Mitglieder des Deutschen Reichstages zu bringen." Wiener Kultuswalilen Am 27. November werden in Wien 13 000 wahlberechtigte Kultussteuerzahler zur Urne berufen, um 11 Männer ihres Vertrauens in den Vorstand der größten und zahlreichsten jüdischen Gemeinde Westeuropas zu entsenden. Es sind nicht religiöse oder Kultusfragen, die die Juden Wiens bei dieser Wahl einer offiziell konfessionellen Körperschaft bewegen. Im Bewußtsein der Juden Österreichs haben die „israelitischen Kultusgemeinden" schon längst aufgehört, rein religiöse Einrichtungen zu sein. So sind die jüdischen Gemeinden schlechthin die einzigen staatlich anerkannten Zwangsorganisationen der österreichischen Juden. Die Kultusgemeinden sind über den ihnen nicht von der Regierung, die ihre Autonomie erweitern wollte, aber von den „Repräsentanten" des Judentums vorgezeichneten Rahmen hinausgewachsen. Die jüdischen Gemeinden sorgen nicht bloß für Tempel und Rabbiner, sie erhalten eine Reihe von Wohlfahrlsanstalten, subventionierten Schulen und Unterrichtskurse, fördern Kreditorg;anisationen und Arbeitsnachweisbureaus. Die Juden Österreichs, vom Staate ignoriert, von den autonomen Landesbehörden und Gemeindeverwaltungen boykottiert oder vernachlässigt, versuchen, ihre einzigen Selbstverwaltungsorgane auszugestalten, um ihre kulturellen und nationalen Bedürfnisse zu befriedigen, ihre wirtschaftliche Kfaft zu stärken. Die programmatische Forderung der Zionisten — Umwandlung der Kultusgemeinden in jüdische Nationalgemeinden — ist nur die prägnante Formel für eine Entwicklung, deren Tendenzen bereits sichtbar geworden sind. Das jüdische Gemeindeleben ist eben nicht nur konfessionell, es umfaßt die Fülle der Probleme eines Volkes, das sich wohl national nicht ausleben kann, aber dessen kulturelle Eigenart, wirtschaftliche Sonderstellung und politische Machtlosigkeit den nationalen Zusammenschluß auf Grundlage derSelbsthilfe und der Demokratie gebieterisch erheischen. Die jetzigen Beherrscher der jüdischen Gemeinden sorgten selber für die Umwandlung der Kultusstuben in