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Die Welt · 1910-11-25 · 47 (25.11.1910) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
47 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Ko. 47 ' — DIE-3 in seiner neusten Entwicklung ein ungeahntes innerliches Leben von wunderbarem Reichtum der Erscheinungen. Dazu kommt, daß die Mundarten des Qaluth in der von ihnen auf das Hebräische übertragenen Aussprache bereits Erben hinterlassen haben, die als hebräische Dialekte in der freien hebräischen Sprache die Eigenheiten des Klanges der Qaluthsprachen bewahren werden. Das Jüdischdeutsche hat so seine Dialekte im Hebräischen bewahrt, wie das Arabische der jemenischen Juden seine merkwürdigen Klänge in der hebräischen Aussprache festgelegt hat. So erwächst das neue Hebräisch sogleich mit einer Schriftsprache und einer reichen Fülle von Volksdialekten. Unsere Väter, die ihr unveräußerliches nationales Gut im Exil erhalten wollten, hatten einen merkwürdigen Sinn für den großen und unschätzbaren Wert der hebräischen Sprache, wenn sie als die beiden Hauptgründe der Befreiung aus dem ägyptischen Qaluth angaben, daß die Ahnen einst befreit wären, weil sie in Ägypten ihre Namen und ihre Sprache nicht geändert hätten. Darin liegt ein wertvoller Hinweis für uns, den wir beachten sollten. Wenn wir das von den Vätern ererbte Judentum festhalten, wenn wir unsere Nation vor dem Untergang bewahren wollen, wenn wir wünschen, daß die Jahrtausende alte Geschichte nicht abgebrochen werden soll, müssen wir die hebräische Sprache wieder gewinnen und damit das selbständige Denken und Fühlen, das heißt, die jüdische Kultur. Denn nur dann haben wir eine Gewähr, daß unsere Kinder Juden bleiben und ihren Kindern das Judentum weitergeben werden, wenn wir ihnen die volle Kenntnis des Hebräischen vermitteln. Darum hat die Organisation für hebräische Sprache und Kultur den gleichen nationalen Wert wie die politische Partei zur Erkämpfung eines sturmfesten Bodens, auf dem die Nation baut Sie sind nur zwei verschiedene gleichwertige und gleichgerichtete Äußerungen desselben Strebens, dem Judentum eine Heimat zu geben, eine materielle im Lande Israel, eine geistige in Israels Sprache und Geschichte. In der Sprache wird sich der menschliche Geist seiner bewußt, in der nationalen Sprache ringt der Geist der Nation zum Bewußtsein. Wir selbstbewußten Juden müssen in der hebräischen Sprache das Mittel eines stolzen und aufrechten Selbstbewußtseins unsern Brüdern und unsern Kindern geben. Die Sprache der historischen jüdischen Freiheit wird dann dazu beitragen, uns die Freiheit für die weitere Geschichte zu verbürgen. Noch einmal die Rosegger-Stiftung Vor drei Monaten hat Peter Rosegger auf die Anfrage des Professors Geiger wegen der Stellung der Juden zur Rosegger- Stiflung des Deutschen Schulvereins eine Antwort gegeben, die ihres mehr als diplomatischen Charakters wegen auffiel und in der jüdischnationalen Presse zum Gegenstand eingehender Betrachtungen gemacht wurde. In der Debatte, die sich an das Schreiben Roseggers (vide „Welt" Nr. 34, 26. August) knüpfte, wurde auch dem Bedauern darüber Ausdruck gegeben, daß der Dichter dem Kernpunkt der Frage, die an ihn gerichtet worden war, ausgewichen sei. Diese Frage hatte gelautet: Ist der Dichter, der einer großen nationalen Schutzaktion der Deutschen Österreichs seinen Namen geliehen hat, mit dem Antisemitismus der Leiter des Deutschen Schulvereins einverstanden? Rosegger hatte geantwortet: Wenn sich ein Jude als Deutscher fühlt, dann ist uns sein Geld willkommen. Diese Antwort gab Professor Geiger mit „wirklicher Freude" in seiner „Allgemeinen Zeitung des Judentums" urbi et orbi kund. gELT 1235 Nun ist Rosegger unter die Märtyrer gegangen und stimmt im „Heimgarten" ein bewegliches Lied an, voll von betrüblichen Klagen über die Zionisten: „Vor einiger Zeit bin ich von einem Juden befragt worden. Etwa, ob man schuldig sei, dem Kaiser Zins zu geben? Nein. Sondern befragt um meine Meinung darüber, ob Juden, die unter Deutschen leben, deutsch sprechen, deutsch fühlen und für die deutsche Sache Opfer bringen, als Deutsche zu betrachten seien? — Ich habe;unbedenklich Ja gesagt. Es lag die Besorgnis nahe, daß ein solches Ja den Antisemiten nicht recht sein würde. Die haben diesmal geschwiegen. Hingegen sind Juden gegen mich losgegangen. Sonst haben die Juden, die unter uns leben, immer gesagt, sie wollten mit uns deutsch sein und haben sich tausendmal als deutsche Kulturförderer vorgestellt. Nun gibt es aber unter uns und von uns lebende, unsere Sprache redende Juden, die nicht deutsch sein wollen und es klar und scharf sagen, sie" wären Juden und nicht Deutsche. Das sind die Zionisten, und solche haben wegen meiner angedeuteten, ganz unmaßgeblichen Meinung, daß ein Jude unter Umständen auch deutsch sein könne, in ihren Blättern eine kleine Hetze gegen mich veranstaltet. Eigentlich galt sie dem Deutschen Schulverein. Vor diesem warnten sie ihre Volksgenossen, er sei antisemitisch, und selbst wenn er das nicht wäre, würden sie es nie mit ihm und seiner deutschen Sache halten, weil sie eben keine Deutschen wären, sondern Juden. Die Zionisten verlangten also von allen Juden, ja, für die deutsche Millionensammlung nichts, nicht einen Heller zu geben, sondern das Geld lieber ihrem zionistischen Zwecke zuzuwenden. Ich weiß nicht, ob sie mit dieser Warnung vor dem Deutschtum bei ihren in Österreich lebenden Stammesgenossen viel Glück gehabt haben; wir freuen uns mancher gerne geleisteten Bausteine aus jüdischen Kreisen. Übrigens gebe ich den Zionisten ganz recht, wenn sie von uns nichts wissen wollen, sich ferne von Deutschen irgendwo ein jüdisches Königreich gründen; möge es ihnen nur recht bald gelingen. Wir werden auf ihre Bausteine mit Freude verzichten. Nur an solche Juden, die bei uns bleiben wollen und deutsche Kultur genießen, glaubt der Deutsche Schulverein sich manchmal auch um eine Beisteuer wenden zu dürfen. Ich — allem Parteigetriebe fernestehend — büßte nur wieder einmal meinen kindischen Optimismus, es geschieht mir eigentlich ganz recht." Das ist alles, was Rosegger zu erwidern hat. Zwar hat niemand eine Erwiderung erwartet, zwar hat Rosegger selbst vor wenigen Wochen für sich, den alten Mann, uin Ruhe gebeten, und sein Wunsch war respektiert worden. Wir wollen dies auch weiter tun und nur feststellen, daß seine Behauptung von einer Hetze, die die Zionisten gegen ihn veranstaltet haben, nicht den Tatsachen entspricht. Ebenso unwahr ist sein Wort von der „Warnung vor dem Deutschtum". Für die Stellungnahme der Zionistpn war lediglich das jüdische Interesse maßgebend, das eine Einmengung der Juden in den deutsch-slawischen Kampf als für uns gefährlich erscheinen läßt. Der Antisemitismus des Deutschen Schulvereins spielte in unserer Argumentation nur die sekundäre Rolle eines politischen Symptoms. Wir werden unsere Aufklärungsarbeit fortsetzen, unbekümmert um die hämischen Glossen Roseggers über die Juden, die „unter uns und von uns leben". Was übrigens auch unrichtig ist. Die Juden leben überall und immer nur von ihrer eignen, ehrlichen, redlichen Arbeit. Daß Rosegger den Zionismus mißbilligt tut uns sehr leid. Aber wir wollen uns mit einem Dichterwort trösten, das da lautet: „Wer sich einen Deutschen nennt, Und die Heimatssehnsucht kennt, Und der Völker Freiheit preist, Ja, der muß doch fördern, segnen Euren Zionistengeist." Dieses Dichterwort stammt von Rosegger. Die Juden im deutschen Heer Berlin, 13. November. Die heute im großen Saale der Philharmonie stattgehabte Versammlung, in der Professor Martin Philipp son und Landtagsabgeordneter Cassel über die Zurücksetzung der Juden namentlich in der preußischen Armee, ist in mehrfacher Hinsicht von besonderer Bedeutung. Zunächst war es die erste Versammlung, die vom Verband der Deutschen Juden und dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gemeinsam einberufen worden ist. Dieses Zusammenwirken der beiden größten Organisationen

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