Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Zeiten bildet, darin liegt ihr großer und unschätzbarer Wert für das nationale Wesen Israels. Indem sie das Verständigungsmittel der ältesten Geschlechter und der' jüngsten Nachkommen bildet, schließt sie beide zu einem unteilbaren Ganzen zusammen, bildet sie den Grund der ganzen nationalen Geschichte. Sie ist noch heute die Heimat des jüdischen Volkes, wie sie es vor Jahrtausenden war. Wenn die Nation ein historisches Produkt ist, wenn ihre Wesenheit in der Geschichte liegt, so hat die historische Sprache, die, wie das Hebräische, die Geschichte zu einem untrennbaren einzigen Ganzen zusammenschließt, die allerhöchste nationale Bedeutung. Das Hebräische ist also nicht bloß die erhabene Sprache unserer klassischen Literatur, sie hat nicht bloß die Weihe der Jahrtausende für sich und wurde der tiefste Ausdruck der schaffenden Volksseele, sie war nicht bloß das äußere Gewand gottergebener Innigkeit, sondern sie gibt uns noch heute das Heimatgefühl, das dem Volke sonst mit groben Schlägen römischer Schergen ausgetrieben worden. Der historische Zusammenhang zwischen den ältesten Ahnen und den spätesten Nachfahren ist nicht unterbrochen worden, und die hebräische Sprache ist allezeit wenigstens der hörbare Ausdruck dieses innigen und ewigen Zusammenhanges gewesen. So hat uns die hebräische Sprache in die Verbannung begleitet und redet zu uns mit denselben Heimatklängen, mit denen sie die hohen Lieder unserer Väter in der Heimat sang. Aber sie ist die Sprache des freien Judenvolkes, deren Worte in uns den hohen Sinn zur Freiheit stets wachgehalten haben, während die vielen spätem zum Teil schon toten, zum guten Teil aber noch lebenden Judensprachen Erzeugnisse 'des Galuth sind. Sie sind Produkte der Unfreiheit und der Assimilation, die ja nur der äußere Ausdruck innerer Unfreiheit ist. Durch diese Volksdialekte sind wir geistig von den Sprachen und dem geistigen Leben der Nationen abhängig, an die uns diese Sprachen binden, von denen sie entlehnt sind. Selbst Erzeugnisse der Assimilation, bedingen diese jüdischen Volksdialekte wieder geistige Angleichung, bedingen sie die Assimilation. Das Hebräische gibt geistige Freiheit, und was uns an geistiger Freiheit und Selbständigkeit in diesem Galuth doch noch geblieben ist, verdanken wir allein dem Hebräischen. Immerhin wäre es verfehlt, den Wert der jüdischen Volksdialekte für die stammestümliche Erhaltung der Juden zu leugnen. Ein Jude, der einen jüdischen Volksdialekt als Muttersprache redet, bringt mehr nationale Erinnerung mit, als einer, der ganz in die Sprache eines andern Volkes aufgegangen ist. Diese Volksdialekte haben nicht bloß viele hebräische Wörter, besonders Abstracta erhalten, sondern fassen auch einen Teil der Juden sprachlich zusammen mit dem freilich auf falschen Bahnen wandelnden Gefühl einer nationalen Sprache. Denn ebenso wie sie Juden in einem Lande zusammenschließen, trennen sie die Juden verschiedener Länder und verschiedener Galuthvergangenheit schroff voneinander. Das gilt vom Jüdischdeutschen nicht minder als vom Judenspanisch oder Judenpersisch und Judenarabisch. Aber sie bilden, solange sie erhalten bleiben, immerhin ein Bollwerk, das nicht zu unterschätzen ist, gegen die völlige Angleichung und Aufsaugung. Ohne sie würden sich unsere Brüder in vielen Ländern bereits völlig in andern Völkern verlieren. Die begeisterten Vorkämpfer gegen das Judendeutsch in den Ländern des Galuth vergessen zu leicht, daß an die Stelle des Jüdischdeutschen im Galuth nicht das Hebräische, sondern das Russische, Polnische, Rumänische treten wird, wie es in Deutschland in der Schriftsprache unterging, und wie das Judenspanisch dem Türkischen und Griechischen weicht. Aber der Haß gegen das Jüdischdeutsche, der sich in manchen Kreisen breit macht, entspringt gar nicht so sehr dem Eifer für das Hebräische, der sicher hoch anzuerkennen ist, als vielmehr der unbewußten Abneigung gegen das Jüdischdeutsche, die wir bereits von den Nichtjuden übernommen haben. Denn der Haß, mit dem man uns verfolgte, und der ja, wie mir scheint, noch nicht ganz geschwunden ist, traf alles, was jüdisch ist. Man verfolgte uns nicht, weil das Jüdischdeutsche unschön war, sondern man fand das Judendeutsch häßlich und abscheulich, weil es von den verachteten und gehaßten Juden gesprochen wurde. Und diesem Haß gegen das Judendeutsch, der ausschließlich dem Judenhaß entspringt, sollten wir keine Konzessionen machen, auch nicht die, daß wir es ebenso wie die andern „Mauscheln" oder „Jargon" schimpfen. Denn unter Jargon versteht man Mundarten, die man nicht achtet und schätzt, wie das Griechisch der Levantiner, das Negerenglisch und die Gaunersprachen. Das Judendeutsch ist zwar nicht, die Sprache unserer Freiheit, nicht unsere geistige Heimat, sondern bereits ein Stück mittelalterlicher Assimilation, aber sie ist eine organische Sprache, die die Schönheiten und Rauheiten mit der Sprache gemein hat, aus der sie hervorgegangen ist. Und man findet die andern deutschen Dialekte deshalb schön und die jüdischdeutsche Mundart deshalb häßlich, weil jene von Deutschen, diese aber von den gehaßten Juden gesprochen wird. Der bedingte Wert des Jüdischdeutschen und anderer Judendialekte wird sie niemals dem Hebräischen, dessen Wert für uns ein unbedingter ist, gleich oder nahe bringen, aber wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, dürfen die tatsächlichen Verhältnisse nicht außer acht lassen. Nur im Lande Israel vermögen wh es zu erreichen, daß die Judendialekte dem Hebräischen Platz machen; und dies allein ist Grund genug, in keinem andern Lande die zukünftige Volksheimat zu suchen; aber wir dürfen nicht in den Ländern des Galuth die jüdischen Sprachen des Galuth mutwillig zerstören, ehe wir etwas anderes haben, was wir an ihre Stelle setzen können. Der fanatische Haß gegen sie fördert in allen Ländern, mit Ausnahme der nationalen Heimat, die Assimilation, ebenso wie die fanatische Verhimmelung der Judendialekte die Nationalisierung unseres Stammes hindert und zwischen den Juden verschiedener Länder nar noch neue Mauern künstlich errichtet. Es ist selbstverständlich, daß zu einem ganzen geschlossenen Judentum das Hebräische als Sprache gehört. Judendeutsch, Judenspanisch, Judenpersisch sind immer nur Surrogate, die gefährlich werden, wenn sie selbständigen Wert beanspruchen, und wenn sie glauben, nationale oder gar die nationale Sprache sein zu können. Mit der Sprache des Galuth würden wir geistig im Galuth bleiben, selbst im Lande Israel. Die schwere Krankheit unseres leidenden Volkes aber ist eben das Galuth. Und nur durch das Hebräische werden wir gesunden. Das Hebräische ist mannigfaltig genug und zeigt